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Berliner Zeitung | Cuvrystraße Berlin: Ein letztes Stück Punk
26. March 2012
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Cuvrystraße Berlin: Ein letztes Stück Punk

Die Brache wirkt idyllisch. Doch die Debatte um das Gelände steht für einen Kampf um den öffentlichen Raum.

Die Brache wirkt idyllisch. Doch die Debatte um das Gelände steht für einen Kampf um den öffentlichen Raum.

Foto:

Gerd Engelsmann

Als die U 1 über die Oberbaumbrücke rumpelt, zündet sich Torsten Schrader eine Zigarette an, blinzelt in die Sonne und sagt: „Das hier ist ein Ort zum Träumen.“ Schrader sitzt auf einer Mauer am Spreeufer, am Rande einer Wiese, die versteckt hinter einem Bauzaun an der Cuvrystraße in Kreuzberg liegt. Von hier aus kann Schrader sehen, dass der U-Bahn-Fahrer die Tür zu seiner Kabine geöffnet hat, die laue Luft hineinwehen lässt; er sieht die Menschen über die Brücke schlendern, wo Musiker auf Blech trommeln. Der Wind trägt Calypsoklänge über die Spree herüber.

Dieser Blick von der Mauer wurde tausende Male mit Kameras festgehalten, von Touristen, von Werbe- und Musikvideofilmern. Die gelbe U-Bahn, die Brücke, das Wasser und irgendwo am Horizont der Fernsehturm, dieses Bild ist längst eine Berlin-Ikone geworden. Wie auch die Brandschutzmauer an der Längsseite der Brache, auf der ein riesiges Streetartbild prangt: ein Mann mit Krawatte und Armbanduhren, die ihm mit einer dicken Kette die Hände fesseln. Es sind 8 400 Quadratmetern Niemandsland, die viel über Berlin erzählen.

Schrader, 32 Jahre alt, Werbetexter, wohnt seit drei Jahren an der Schlesischen Straße. Von seinem Fenster aus blickt er auf diesen Freiraum. Der sei ihm ans Herz gewachsen, sagt er, denn es sei einer der letzten im Kiez. Schrader nennt es „ein letztes Stück Punk“. Neben ihm sitzt eine Gruppe junger Leute, sie trinken Bier, klimpern dazu auf einer Gitarre, daneben ein Liebespaar und ein Student, der Hesse liest.

Noch ist die Brache an der Cuvrystraße ein Ort, den eigentlich niemand braucht. Nach der Wende sollte dort ein Einkaufszentrum gebaut werden, das verhinderte damals der Bezirk. Auch alle anderen Pläne scheiterten. Ein Besitzer ging Pleite.
Vergangene Woche sorgte die Brache nun für Aufregung. Auf der einen Seite stehen die, die aus seiner vermeintlichen Nutzlosigkeit etwas vermeintlich Sinnvolles machen wollten, dort für einige Wochen ein Kulturprojekt der Guggenheim-Stiftung hinstellen wollten, gesponsert von BMW.

Auf der anderen Seite stehen die, die meinen, dass Berlin solche nutzlosen Räume braucht, die sich jener Verwertungslogik entziehen, die man auf der gegenüberliegenden Spreeuferseite betrachten kann. Dort hat Universal seine gläserne Fassade, und das nhow-Designhotel ragt klotzig empor. Guggenheim zog seine Pläne zurück, weil linke Gruppen Proteste angekündigt hatten. Seitdem heißt es, Kreuzberg sei eine kleine, enge Welt.

Gerade klettert Lothar Goder auf die Mauer am Ufer und fixiert die Fassaden auf der anderen Seite mit seiner Kamera. Hinter ihm drängt sich eine Gruppe Jungs mit Rucksäcken. Goder, 62, ist Erdkundelehrer aus Dortmund auf Exkursion mit seinem Leistungskurs. Die Sehenswürdigkeiten aus dem Reiseführer hat er mit seinen Schülern in einem vierstündigen Spaziergang vom Alexanderplatz zum Brandenburger Tor abgehakt.

„Jetzt kommt das wirklich Spannende“, sagt Goder und meint damit Orte wie die Cuvrybrache. In Dortmund, sagt er, gebe es so etwas nicht mehr, weil die alten Industrieanlagen dort längst in Einkaufszentren umgewandelt worden sind. Er kann den Schülern hier Stadtentwicklung erklären, sagt er. Gentrification zum Anfassen.

„Wenn hier etwas Neues aufmacht, ist es ein Yogastudio oder ein Bubbletea-Laden“, sagt Anwohner Schrader. Er findet, dass das Guggenheim-Projekt eine konsequente Fortentwicklung gewesen wäre. „Das hätte schon gepasst“, meint er, es klingt ein bisschen bitter. Er erzählt, wie er in der Wrangelstraße Köfte aß und sich dabei mit türkischen Kids unterhielt, mit denen er manchmal im Park bolzen geht. Ihre Eltern, sagten sie, würden bald wegziehen. In den 60er Jahren seien sie hergezogen, jetzt sei die Miete um ein Drittel erhöht worden, zu teuer.

Schrader hat seine Zigarette aufgeraucht. Er schlendert zurück zum Ausgang, vor dem drei Jungs seit Stunden den schwarzen Lack eines alten Ford polieren. Jetzt sitzen sie auf Campingstühlen auf dem Gehweg, frisch geöffnete Bierflaschen in der Hand. Kreuzberg fühlt sich an der Brache noch ein bisschen an wie ein Dorf. Man kann wollen, dass dieses Dorf Großstadt wird. Man kann es auch einfach so lassen. Darüber wird aber am Ende wohl der derzeitige Eigentümer des Geländes entscheiden. Es ist ein Investor aus München. Es heißt, er plane dort Wohnungen.

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