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Das Tempelhofer Feld und die Zentral- und Landesbibliothek : Nach dem Volksentscheid – Berlin vor dem Bildungsnotstand

So könnte die neue Landesbibliothek aussehen. Der Siegerentwurf des Stuttgarter Architekturbüros Kohlmayer Oberst.

So könnte die neue Landesbibliothek aussehen. Der Siegerentwurf des Stuttgarter Architekturbüros Kohlmayer Oberst.

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dpa

Der geplante Neubau für die Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) auf dem Tempelhofer Feld ist nun auch ad acta gelegt. Es ist unwahrscheinlich, dass das Projekt jemals wieder auf die Agenda kommt, hat doch das Volksvotum eine starke Bindekraft. Die ZLB aber kann nicht noch einmal zehn, fünfzehn Jahre warten, bis der vor dreißig Jahren versprochene Neubau endlich kommt. Sie ist mit mehr als 4,5 Millionen Büchern, Zeitungen, Filmen, E-Books und Musik die mit Abstand größte öffentliche, also allgemeinbildende Mediensammlung Europas und die beliebteste Bildungsinstitution Berlins. Aber das 1954 für etwa 800 Nutzer am Tag errichtete Hauptgebäude, die Amerika-Gedenk-Bibliothek am Halleschen Ufer, hat auch schon mal 10.000 Nutzer täglich. Kaum anders sieht es im zweiten Hauptstandort, der Bibliothek an der Breiten Straße aus.

Die ZLB steht deswegen längst und trotz aller Anstrengungen der Mitarbeiter dauernd am Rand des Infarkts, immer wieder müssen Gruppen von Schülern auf dem Fußboden sitzen, um zu lernen. Seit zudem die wissenschaftlich ausgerichtete Staatsbibliothek der Stiftung Preußischer Kulturbesitz unter dem Druck mangelnder Betriebsgelder beschlossen hat, ihren universalen Anspruch aufzugeben, also keine naturwissenschaftlichen Werke mehr anzukaufen, ist die Landesbibliothek noch wichtiger geworden. Nun muss sie gemeinsam mit den Universitätsbibliotheken auch die Literatur-Versorgung der Ingenieure, Biotechniker, Naturforscher, Ärzte und ihres Nachwuchses in Berlin sichern. Die populistische Forderung vieler Abgeordneter, erst die Bezirksbibliotheken angemessen auszustatten, führt in die Irre. Sie können mit ihren Sammlungen nicht die Aufgaben der ZLB wahrnehmen.

Dennoch wurde die Erweiterung der ZLB immer wieder verschoben: Olympia war wichtiger, die Staatsoper, der Flughafen, die Universitäten, die Kindergärten und vieles mehr. Bei aller Kritik muss konstatiert werden: Klaus Wowereit und sein im Skandal zurückgetretener Kulturstaatssekretär André Schmitz waren die ersten Berliner Regierungspolitiker seit 1990, die sich der Misere ernsthaft widmeten. Sie haben dieses Breitenbildungs-Projekt zur Chefsache gemacht, durchaus gegen den Willen der CDU. Wowereit setzte den Neubauplan 2011 in den Koalitionsverhandlungen durch. Ein Wettbewerb hat 2013 stattgefunden, gewonnen haben die Büros Kohlmayer Oberst aus Stuttgart und Miebach Oberholzer aus Zürich. Zumindest, was den Standort auf dem Tempelhofer Feld angeht, war das nun alles umsonst. Die Berliner haben einen Neubau an diesem Standort verhindert. Nun stellt sich die Frage, ob und wo das Vorhaben überhaupt noch umgesetzt werden könnte.



Aktuell scheinen nur zwei Alternativen in Sicht: Der Umbau des Flughafengebäudes Tempelhof, der von den Oppositionsparteien, der CDU und auch den Architektenverbänden immer wieder ins Gespräch gebracht wurde. Doch haben sie sich offenkundig niemals mit dem 2010 von dem Architekturbüro Arnold und Gladitsch erstellten Gutachten beschäftigt, das der Berliner Zeitung vorliegt. Dieses zeigte zwar, dass ein Umbau der Eingangshalle des Flughafens und der angrenzenden einstigen Hangarhallen grundsätzlich möglich wäre. Aber die Wege in der neuen Bibliothek wären lang, die Umbaukosten unkalkulierbar, der Denkmalschutz müsste weitgehend aufgehoben werden. Schließlich sind, was die Bibliotheksleitung besonders fürchtet, die Betriebskosten nicht zu kalkulieren.

Als Alternative bleibt die Erweiterung der Amerika-Gedenkbibliothek auf dem Freigelände daneben. Aber auch hier drohen Konflikte mit Baumschützern und die Sanierungskosten. Andererseits: Das Gebäude muss in jedem Fall saniert werden, es ist eine der wichtigsten Nachkriegsarchitekturen Berlins, und bisher gibt es keine überzeugende Nachnutzungsidee.

Möglich ist selbstverständlich auch Stillstand. Aber jedem muss klar sein, was damit verbunden ist, zumal nach den Riesenerfolgen der neuen Bibliotheksbauten von Turku über Stuttgart und Amsterdam bis nach Birmingham und Vancouver: blanker Bildungsnotstand.



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