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Debatte um Buschkowsky: Ein Stück Rotterdam in Neukölln

Ahmed Aboutaleb (m), Bürgermeister von Rotterdam, eingerahmt von Raed Saleh (r) und Heinz Buschkowsky.

Ahmed Aboutaleb (m), Bürgermeister von Rotterdam, eingerahmt von Raed Saleh (r) und Heinz Buschkowsky.

Berlin -

Kopftuchmädchen! Sie sind das Erste, was Raed Saleh an diesem Dienstagmorgen auffällt. Der junge SPD-Fraktionschef steht in einem der beiden Jobcenter von Rotterdam, wohin Saleh für zwei Tage mit dem Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) gereist ist.

Es ist ein heller, großer Raum mit freundlichen Orangetönen, überall liegen Broschüren, stehen Computer, wo Arbeitslose nach Stellen suchen können. In der Mitte steht ein Info-Tresen, dort warten lächelnd zwei junge Frauen mit Kopftüchern. Was in Berlin nicht denkbar, ja nicht einmal erlaubt wäre, ist hier normal: Behördenvertreter tragen religiöse Symbolik und keinen stört es.

Ungewöhnliches Duo auf Lernreise

Dies ist nur eines der Dinge, die Saleh, dem säkularen Muslim, in Rotterdam so gefallen. „Es gibt hier eine sehr unverkrampfte Art, mit Vielfalt umzugehen“, sagt er. „Es ist ein gesundes Durcheinander und Miteinander.“ In Rotterdam leben etwa 50 Prozent Einwanderer aus 174 Nationen. An den beiden Tagen ihrer Dienstreise besuchen Saleh und Buschkowsky – der junge vom linken, der ältere vom rechten Parteiflügel – Stationen wie das soziale Zentrum „Kamelia“, eine Art Hybridbehörde aus Amt und angeschlossenem Vereinsnetzwerk, das Bedürftigen Hilfe jeder Art anbietet und vermittelt.

Sie lassen sich über die Talentförderung für Kinder armer Familien informieren, fast immer Zuwanderer aus der Türkei, Osteuropa, den Ex-Kolonien Marokko oder Surinam. Sie besuchen den charismatischen Bürgermeister Ahmed Aboutaleb, 51, den ersten Muslim an der Spitze einer westeuropäischen Metropole, der dazu zwei Pässe besitzt, den marokkanischen und den niederländischen.

Das ungewöhnliche Duo Saleh und Buschkowsky löst dabei einige Irritationen aus, gerade unter Sozialdemokraten. Hatte doch Buschkowskys erste Rotterdam-Reise vor vier Jahren zur Folge, dass ihn seine eigene Partei nicht berichten lassen wollte über seine Erfahrungen mit verschärfter Sanktionspolitik gegenüber integrationsunwilligen Zuwanderern. Doch nicht nur die SPD, auch Rotterdam hat sich weiterentwickelt.

Initiative für Berliner „Brennpunktschulen“

Mindestens so intensiv wie die Sanktionen ist auch das Kümmern staatlicher und privater Akteure um die Probleme Bedürftiger etabliert. „Es geht immer um Leistung und Gegenleistung, und zwar ganz selbstverständlich“, sagt Buschkowsky. Das Ergebnis beeindruckt ihn: „Von einer Problemmetropole ist hier nichts mehr zu sehen.“ Auch Saleh will manchen Vorschlag mit nach Hause nehmen: „Es gibt in Berlin eine Menge zu tun.“

Da kommt also noch etwas. Die beiden Sozialdemokraten nutzen in Rotterdam gleich die Gelegenheit, eine Initiative für Berliner „Brennpunktschulen“ anzukündigen. Saleh will im nächsten Haushalt ein Sonderprogramm in zweistelliger Millionenhöhe finanzieren: Es gebe in Berlin etwa 100 bis 150 Schulen mit hohem Migranten-Anteil, vielen Kindern armer Familien und hoher Schwänzerquote.

Diese Schulen brauchen Geld für zusätzliches Personal. Unter 100.000 Euro pro Jahr und Schule laufe da gar nichts, assistiert Buschkowsky seinem Parteifreund. Für Berlin, fügt er hinzu, wäre die Einsicht, dass es Brennpunktschulen gebe, ein Paradigmenwechsel: „Das wird heiße Debatten geben.“

Ist Neukölln überall?
Berlin. Der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln Heinz Buschkowsky stieß bei der Vorstellung seines Buches "Neukölln ist überall" im Willy-Brandt-Haus auf viel Zustimmung - aber auch auf Kritik.