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Debatte um den Alexanderplatz: „Im Grunde ist der Plan nicht umsetzbar“

Regula Lüscher ist seit 2007 Senatsbaudirektorin in Berlin.

Regula Lüscher ist seit 2007 Senatsbaudirektorin in Berlin.

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imago/anemel

Berlin -

Frau Lüscher, 1993 ist der Wettbewerb zur Gestaltung des Alexanderplatzes entschieden worden. Nach dem preisgekrönten Entwurf des Architekten Hans Kollhoff sollten eigentlich zehn 150 Meter hohe Türme gebaut werden. Bislang steht jedoch kein einziger. Ist der Plan noch zeitgemäß?

Das Problem an dem Plan ist, dass viele neue Gebäude dort errichtet werden sollen, wo bereits Häuser stehen – und dass er damit im Grunde nicht umsetzbar ist. Es stellt sich dabei nicht nur die Frage der zehn Hochhäuser, die natürlich äußerst ambitioniert sind und eine Wirtschaftskraft voraussetzen, die gigantisch ist. Das Problem ist, dass vor allem in den zentralen Bereichen bestehende Gebäude ersetzt werden sollen. Diese Bestandsgebäude sind aber zum Teil längst saniert worden und werden stehen bleiben.

Was heißt das? Was machen Sie mit der Planung?

Die Planung ist immer noch verbindlich. Die Investoren haben jedoch nach Ablauf einer Sieben-Jahres-Frist zur Bebauung keinen Anspruch auf Schadenersatz, wenn das Land Berlin die Planung ändert. Die Frist ist in den meisten Fällen abgelaufen. Deswegen haben wir jetzt einen historischen Moment, in dem sich das Land Berlin überlegen kann, ob es nicht doch eine Umplanung vornimmt, die sich stärker an den bestehenden Gebäuden orientiert. Ob wir diese Chance nutzen wollen, müssen wir jetzt gemeinsam mit dem Abgeordnetenhaus diskutieren. Das berührt nicht alle Teilpläne, auch nicht das geplante Hines-Hochhaus. Es geht eher um die Bereiche an der Alexanderstraße.

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Weil die Planung dort nicht zu realisieren ist?

Da ist zum Beispiel das Hotel Park Inn mit seinem Sockel, das wohl nicht abgerissen werden wird. Und alleine das blockiert die Umsetzung von drei Baufeldern mit den Kollhoff’schen Hochhausplanungen. Auch das zu DDR-Zeiten errichtete Haus der Elektro-industrie wird nicht abgerissen werden. Es gibt darüber hinaus weitere DDR-Bauten, die man sanieren könnte: zum Beispiel das Haus des Reisens. Das wunderschön sanierte Haus des Lehrers mit der Kongresshalle zeigt, dass man durchaus etwas aus den bestehenden Gebäuden herausholen kann.

Ihr Amtsvorgänger Hans Stimmann hat vorgeschlagen, die Türme nicht 150, sondern nur noch 100 Meter hoch zu bauen. Könnten Sie sich damit anfreunden?

Darum geht es nicht. Wir haben einfach ganze Baufelder, in denen bestehende Gebäude abgerissen werden müssten. Ich glaube, dass das Hochhaus in der geplanten Höhe, das das US-Unternehmen Hines an der Alexanderstraße realisieren möchte, an diesem Ort durchaus Sinn macht, auch weil es in der Achse der Karl-Marx-Allee steht. Dort, wo wir Bestandsgebäude haben, wo eine Realisierung aus der Erfahrung der letzten Jahre schwierig scheint, dort müsste man sich die Frage einer Neuordnung stellen.

Neben dem Einkaufszentrum Alexa wird derzeit eine Fläche für ein weiteres Hochhaus freigehalten. Soll das noch gebaut werden?

Die Möglichkeit besteht noch bis zum Jahr 2015. Das Problem ist: Wenn an dieser Stelle ein Hochhaus entsteht, verstellt man in der Achse der Grunerstraße den Blick auf das Haus des Lehrers und die Kongresshalle. Das ist nicht einfach. Der Vorbereich macht für die vielen Kunden, die in das Alexa strömen, ja auch durchaus Sinn. Wenn sich weiter niemand für ein Hochhaus findet, kann ich mir vorstellen, dass an dieser Stelle der Platz entweder frei bleibt oder mit einem niedrigen Gebäude bebaut wird. Das Haus des Lehrers hat für mich eine wichtige Bedeutung als städtebaulicher Übergang zur Karl-Marx-Allee und sollte deswegen sichtbar bleiben.

Dass die DDR-Moderne zu wenig berücksichtigt wird, war immer ein Kritikpunkt.

Ja, aber das Problem der Kollhoff-Planung war auch die Maßstäblichkeit. Die DDR-Planung mit ihren Hochhäusern, die sich aufeinander bezogen haben, wurde fast überschrien durch die Maßstäblichkeit der 150 Meter hohen Gebäude. Jetzt ist ein guter Moment, eine Planung zu machen, die sich stärker an den bestehenden Gebäuden orientiert. Ich glaube, es ist eine Chance, jetzt noch mal mit einer anderen Brille an die Aufgabe ranzugehen, ohne den Hochhausstandort als solchen in Frage zu stellen.

Wie wollen Sie die neue Planung den Grundstückseigentümern vermitteln?

Die Zeiten haben sich einfach verändert. Der Investor Blackstone (Park Inn Hotel) ist in Insolvenz gegangen. Ich habe in den letzten fünf oder sechs Jahren immer versucht, den Investor zu überzeugen, wenigstens mal an eine Umplanung zu denken, damit das keine Planungsleiche bleibt. Der Investor war nicht dazu zu bewegen. Der Insolvenzverwalter wird kaum Interesse an einer Umplanung haben. Aber wenn wir als Land Berlin aktiv werden und der Senat sagen könnte, wir machen neue Vorschläge, bin ich überzeugt, dass die Grundstückseigentümer mitmachen.

Wie sehen die Verträge zwischen den Grundstückseigentümern und dem Land Berlin denn aus?

Die Grundstückseigentümer haben städtebauliche Verträge unterschrieben, in denen sie zu Leistungen verpflichtet wurden wie dem Bau der Tiefgarage. Gleichzeitig ist es so, dass nach Ablauf der Sieben-Jahres-Frist kein Anspruch auf Entschädigung entsteht, wenn das Land Berlin eine Umplanung vornimmt.

Weil die Grundstückseigentümer ihre Rechte dann verwirkt haben?

Ja.

Wie sehen die nächsten Schritte aus?

Wir müssen ins Parlament gehen, wir müssen in die Ausschüsse gehen und dort klar machen, dass wir eine historische Chance haben. Bei diesem zentralen Ort ist es wichtig, einen politischen Auftrag für eine mögliche Umplanung zu erhalten. Das geht ohne nicht.

Der Architekt Hans Kollhoff hat erklärt, er werde an dem Wettbewerb für das erste Hochhaus, das die Firma Hines plant, nicht teilnehmen. Mit Blick auf das Saturn-Gebäude, das ihm nicht gefällt. Können Sie ihn verstehen?

Nein. Ich kann ihn überhaupt nicht verstehen. Ich glaube, die Aufgabe eines Architekten ist immer, aus einer Situation das Beste herauszuholen. Kollhoff ist ein äußerst begabter Architekt und ein guter Städtebauer, ich bedauere sehr, dass er nicht dabei sein will. Ich hätte ihn zumindest auch als Mitglied der Jury gerne begrüßt. Immerhin ist er der Masterplaner.

Wie wird der Alexanderplatz in zehn Jahren aussehen?

Ich hoffe, dass wir in zehn Jahren feststellen können, dass wir das Beste aus der Situation jetzt und den Erfahrungen der letzten Jahre gemacht haben. Und ich hoffe, dass das Hines-Hochhaus dann steht. Von dem Wohnturm hat man den Blick auf einen aufgewerteten öffentlichen Raum, dessen Gestaltung in Angriff genommen wurde, weil auch bei den Planungen endlich Bewegung entstanden ist.

Das Gespräch führte Ulrich Paul.

Der Alexanderplatz der Zukunft

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Grafik: Rita Böttcher


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