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Debatte um Verlängerung des Kudamm: Stadtplaner wollen den Tauentzien behalten

Die Krux mit den Namen: Das KaDeWe liegt am Wittenbergplatz und wird auch so vermarktet. Doch die Postadresse lautet Tauentzienstraße 21–24.

Die Krux mit den Namen: Das KaDeWe liegt am Wittenbergplatz und wird auch so vermarktet. Doch die Postadresse lautet Tauentzienstraße 21–24.

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berliner zeitung/max lautenschläger

Der Vorstoß, die Tauentzienstraße in Kurfürstendamm umzubenennen, ist auf geteiltes Echo gestoßen. Während die Tourismusplaner der Agentur visit Berlin einen Imagegewinn und eine Erleichterung für möglicherweise verwirrte Touristen erkennen, sind Stadtplaner skeptisch. Die Idee der Namensänderung stammt von der Händlergemeinschaft AG City, in der auch Immobilieneigentümer sitzen. Ein einheitlicher Name der faktisch nicht getrennten Einkaufsmeile sei einfacher für die Vermarktung. Der Kudamm mit seinen teuren internationalen Geschäften sei weltbekannt, der Tauentzien mit seinen großen Textilfilialen nicht.

Dirk Spender, Leiter des Regionalmanagements City West, ist seit drei Jahrzehnten Stadtplaner – und ein strikter Gegner der Verlängerung des Kurfürstendamms und damit der Tilgung des Tauentzienstraße, wie er sagt. Der Name gehöre zur Geschichte der Stadt und Preußens. Es sei Aufgabe Berlins, seinen Besuchern den historischen Kontext zu vermitteln, so Spender, fachlich begründbare Aspekte für eine Änderung gebe es nicht. Im Übrigen könnte man eine Verlängerung von 3,3 auf 3,8 Kilometer „auch als Abwertung der teuren Marke Kudamm“ interpretieren. So etwas könnten eigentlich nur Hausbesitzer vom Tauentzien wollen.

Hohe Hürde

Auch die zuständigen Stadträte der Bezirke Charlottenburg-Wilmersdorf und Tempelhof-Schöneberg, durch die der Tauentzien verläuft, haben abgewinkt. Oliver Schworck (SPD), in Tempelhof-Schöneberg zuständig für Ordnung und Bürgerdienste, argumentiert pro domo, wenn er für den alten Namen plädiert. Der Tauentzien gehöre einige hundert Meter zu seinem Bezirk, so Schworck: „So können wir wenigstens ein Stückchen des Straßenzuges unser eigen nennen“.

Der Kurfürstendamm gehört nur zu Charlottenburg-Wilmersdorf – und damit zum Beritt von Baustadtrat Marc Schulte (SPD). Schulte argumentiert mit Gesetzen, die eine Änderung unmöglich machten. Es bestehe eine „hohe Hürde“.

Gemeint sind die Ausführungsvorschriften des Berliner Straßengesetzes. In denen ist geregelt, unter welchen Voraussetzungen überhaupt umbenannt werden darf: Demnach sind Straßennamen aus der Zeit vor 1933 zu tilgen, „wenn diese nach heutigem Demokratieverständnis negativ belastet sind und die Beibehaltung nachhaltig dem Ansehen Berlins schaden würde“. Ähnlich verhält es sich mit Namen, die von 1933 bis 1945 vergeben wurden und der nationalsozialistischen Ideologie huldigten und solchen von 1945 bis 1989, die die stalinistischen Gewaltherrschaft verherrlichten. Nun war Namensgeber Tauentzien (siehe Kasten) sicher kein lupenreiner Demokrat, doch würde die Beibehaltung dem Ansehen der Stadt sicher nicht schaden.

Dass das Gesetz aber keineswegs auch unverfängliche Straßennamen für immer fest meißelt, belegen zwei Beispiele aus jüngerer Zeit in direkter Umgebung. So wurde der Rankeplatz südlich des Kudamms in Friedrich-Hollaender-Platz umbenannt. Dabei ging es nicht etwa darum, dem Berliner Historiker Leopold von Ranke (1795 bis 1886) den Platz wegzunehmen. Vielmehr ehrte der Bezirk den Komponisten Hollaender, der in Berlin aufwuchs, lebte und arbeitete, ehe er vor den Nazis in die USA floh. Sein Nachlass ging an die Stadt mit der Maßgabe, ihm ein Andenken zu sichern. Es soll ein bewegender Moment gewesen sein, als Hollaenders Tochter Melodie bei der Platzeinweihung am 18. Januar 2012 dabei war. Sie war eigens aus den USA angereist.

Falsche Rechtschreibung

Noch kürzer liegt die Umbenennung der Joachimstaler Straße in – Achtung! – Joachimsthaler Straße zurück. Der Name bezieht sich seit jeher auf das Städtchen Joachimsthal in der Schorfheide, wurde nur lange Zeit einfach falsch geschrieben. Das Bezirksamt hat im Mai diesen Jahres endlich das korrekte „h“ hinzugefügt. Die Straße gilt als umbenannt, sobald die Widerspruchsfrist abgelaufen ist.

Kein Widerspruch, aber eine Anfrage, die zeigt, dass eine Adresse ein Marketinginstrument sein kann, kam unlängst von der Allianz-Versicherung. Die Münchner, die in Berlin unter anderem eine Filiale an jenem Joachimsthaler Platz haben, wollten wissen, ob es möglich sei, eine Kudamm-Adresse zu bekommen. Nein, war es nicht.

Mindestens ebenso oft aber protestieren Anwohner gegen neue Namen, insbesondere dann, wenn sie um Prestige fürchten. So ärgerten sich die Betreiber des Kongresszentrums bcc und der Eigentümer des Haus des Reisens, als 2005 ihre Adressen von Alexanderplatz zu Alexanderstraße umbenannt wurden. Vergeblich übrigens, der Bezirk Mitte ließ sich nicht erweichen.