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Debatte zum Berghain: Berlin ist vorbei - endgültig und unwiderruflich

Nach Ansicht maßgeblicher Medien ist Krakau das neue Berlin! Hier ein Blick in den angesagtesten Krakauer Club, das Hotel Forum am Ufer der Weichsel.

Nach Ansicht maßgeblicher Medien ist Krakau das neue Berlin! Hier ein Blick in den angesagtesten Krakauer Club, das Hotel Forum am Ufer der Weichsel.

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ROLAND OWSNITZKI

Berlin -

Zufall? Schicksal? Notwendigkeit? Pech? Kaum hat der designierte neue Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner bei den hiesigen Hipstermedien die Hoffnung geweckt, dass er als „Coolturchef“ (Der Tagesspiegel) frischen Glamour und guten Rat für die gentrifizierungsgeplagte Popkulturszene in unserer kleinen Stadt stiftet, da wird selbige in den international meinungsführenden Hipstermedien unisono als erledigter Fall abgestempelt.

„Berlin is over!“, titelte in der vergangenen Woche die allseits beliebte und gern zitierte New Yorker Informations- und Debatten-Internetseite Gawker:„Mit Berlin ist es vorbei!“ Über ein Jahrzehnt lang sei Berlin „die coolste Stadt auf der Erde“ gewesen, doch sei diese Ära nun unwiderruflich an ihr Ende gelangt.

Das Techno-Fachmagazin Rolling Stone

Als Beleg für dieses Urteil werden zwei aktuelle investigative Reportagen aus der US-amerikanischen Presse angeführt. „The Secretive, Sex-Fueled World of Techno’s Coolest Club“ heißt ein langer Text, den das in New York erscheinende Techno-Fachmagazin Rolling Stone im Januar auf seiner Webseite veröffentlicht hat, zu Deutsch etwa: „die verschlossene, sexbetankte Welt von Technos coolstem Club“; darin geht es – Sie ahnen es vielleicht bereits – um die im Ost-Berliner Stadtteil Friedrichshain gelegene Kunst- und Vergnügungshalle Berghain.

Einerseits rühmt der Reporter des Rolling Stone deren Vorreiterrolle für die Entwicklung der von ihm sogenannten „Electronic Dance Music“; andererseits wird der Umstand, dass immer mehr Menschen aus aller Welt das Berghain besuchen wollen, als untrügliches Zeichen dafür gewertet, dass die Hipsterqualität dieses Etablissements stetig schwindet und mit ihr die Bedeutung der gesamten Stadt.

Rihanna im Berghain

Aber nicht nur der Rolling Stone, auch die New York Times hat vor einigen Tagen einen Nachruf auf Berlin veröffentlicht. Der Anlass: Ein von ihr in das Berghain entsandter Reporter konnte dort an einem „Donnerstagmorgen“ einen DJ dabei beobachten, wie er ein überaus uncooles Stück von dem aus Florida stammenden Rapper T-Pain auf den Schallplattenteller legte und hat von daher darauf geschlossen, dass die geschmackliche Vorreiterrolle des Hauses und mit ihr die kulturelle Vorreiterrolle der um das Berghain herumgebauten Stadt im Ganzen sich im Stadium des Zerbröckelns befindet.

(Was mich daran erinnerte, wie ich einmal an einem Donnerstagabend an gleichem Ort in besonders übermütiger Laune ein Lied von Rihanna auflegte und daraufhin von einer mit starkem amerikanischen Akzent sprechenden Frau angeherrscht wurde, was ich denn für ein Hirni sei, sie hätte in diesem Club noch niemals so „beschissene“ Musik gehört – hoffentlich ist die nicht auch Reporterin bei einem Trendmedium gewesen.)

Erschwerend kam hinzu, dass der offenbar aus New York stammende New-York-Times-Autor im Berghain wie auch überall sonst in Berlin ausschließlich auf andere aus New York stammende Menschen gestoßen ist, was die Bedeutung der einstigen Hipsterhochburg für ihn abschließend ruiniert hat; getreu der von dem ebenfalls aus New York stammenden Gegenwartsanalytiker Groucho Marx aufgestellten Maxime, dass er kein Mitglied in einem Club sein möchte, der ihn aufnehmen würde.

Sotschi versus Leipzig

Aber was nun? Wohin als Nächstes? „Berlin is over! What next?“ So haben sich die Redakteure von Gawker ergänzend bei ihrer global verstreuten und weitgereisten Hipsterklientel informiert und zahlreiche interessante Antworten erhalten. Ein Rückkehrer von den Olympischen Winterspielen empfiehlt beispielsweise Sotschi als das neue Berlin; in dem angesagtesten Club der Stadt, dem Murmanskank, könne man nicht nur mongolischen Cembalospielern lauschen und mit Pariser Proleten kubanische Zigarren durch den Anus rauchen, sondern auch deutsche Transvestiten dabei betrachten, wie sie zur „I Have A Dream“-Rede von Martin Luther King im Sigmund-Freud-Remix tanzen. Das klingt allerdings gut!

Zahlreiche Empfehlungen als „Nächstes Berlin“ haben von den Gawker-Lesern auch Detroit, Ulan Bator, Pjöngjang und Leipzig erhalten. Eine Mehrheit unter den aus New York kommenden Hipstern votiert hingegen für die südostpolnische Stadt Krakau. Dort finde man nicht nur gute Clubs und günstiges Bier.

Es gebe auch Viertel, in denen es jetzt schon wie in New York aussieht – „auf der Straße laufen sogar orthodoxe Juden herum!“ –, was mir als Kriterium für die künftigen Hipsterqualitäten der Stadt aber insofern zweifelhaft zu sein scheint, als die Tatsache, dass es in Berlin inzwischen schon aussieht wie in New York, von den New Yorkern ja gerade als Zeichen dafür gewertet wird, dass es mit Berlin bergab geht. Doch egal, wir werden die Drehungen an der dialektischen Trendschraube weiterhin aufmerksam verfolgen.



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