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Demonstration in Berlin: Gedenken an Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Rio Reiser

Annika von Trier singt am Grab von Rio Reiser ein Lied des Verstorbenen.

Annika von Trier singt am Grab von Rio Reiser ein Lied des Verstorbenen.

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berliner zeitung/paulus ponizak

Am Sonntagvormittag ist Berlin mal wieder in der Hand der Sozialisten – jedenfalls sieht es für jeden so aus, der zwischen dem Alex und Lichtenberg unterwegs ist. Die U 5, die sonntags um diese Zeit normalerweise sehr leer ist, ist voller Leute. Sie tragen entweder rote Nelken in den Händen, haben rote Sterne an den Mützen oder rote Fahnen dabei, manche auch eine schwarze Fahne mit dem roten Anarchisten-A. Denn es ist der Tag der traditionellen „LL-Demo“, der Liebknecht-Luxemburg-Demonstation.

Oben, über der U-Bahn-Strecke, ziehen Demonstranten die Karl-Marx-Allee entlang. Die Demo findet seit Jahrzehnten immer am zweiten Sonntag im Januar statt, und mit ihr erinnern fast alle Schattierungen des linken Spektrums an die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg am 15. Januar 1919, als die beiden Ur-Kommunisten nach der Niederschlagung des Spartakus-Aufstandes von Freikorps-Soldaten erschossen wurden.

Weltweit größte Friedhofsdemo

Zur weltweit noch immer größten politischen Demonstration auf einem Gottesacker kommen wieder mehrere tausend Menschen zum Friedhof der Sozialisten, der sich auf dem Zentralfriedhof in Friedrichsfelde befindet. Zu DDR-Zeiten war die Demo ein Staatsakt, an dem jedes Mal die gesamte Staatsführung dabei war. Diesmal führt den Trauerzug wieder die Parteispitze der Linken an: Katja Kipping und Bernd Riexinger, dazu die Fraktionsvorsitzenden Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch, sowie der einstigen Leitfiguren Gregor Gysi und Oskar Lafontaine. Ihr Motto: „Auch 2016 zu Karl und Rosa.“

Einen Tag davor wird in einem viel kleineren Kreis an einen anderen Großen der linken Szene erinnert: an den Sänger Rio Reiser, der als Frontmann der legendären Band „Ton Steine Scherben“ zur Galionsfigur der Anarcho- und Hausbesetzerszene im West-Berlin der 1970er und 1980er Jahre wurde. Ralph Christian Möbius, wie er bürgerlich hieß, wurde am 9. Januar 1950 in Berlin geboren. Deshalb haben sich am Sonnabend etwa 100 Leute an seinem Grab versammelt.

Rio, wie ihn die meisten nur nennen, starb 1996 im nordfriesischen Fresenhagen. Sein Leichnam wurde 2011 auf den Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg umgebettet. Dorthin hat Gerhard Moses Hess geladen, ein 72-jähriger Lebenskünstler und Erzähler, der auch Friedhofsführungen macht und mit diesem 48. Salon der Erinnerung an einen der Toten auf diesem Gräberfeld erinnern will.

Als erstes schüttet er am Eingang ein paar Utensilien auf einen Tisch, damit sich die Besucher bedienen können, um Rios Grab zu schmücken: Räucherkerzen, Teelichter und viele bunte Luftballons.

Am Grab verliest er dann den Text des Songs „Wann?“ Darin heißt es: „Du sagst, Du willst die Welt nicht ändern, und ich frag mich, wie machst du das nur… Du sagst, Du willst die Welt nicht ändern, dann tun’s eben andere für dich.“ Am Ende sagt Hess: „So viel zur Aktualität der Texte von Rio.“ Anschließend spielt Annika von Trier mit ihrem Akkordeon ein Lied von Rio und viele – vor allem die Frauen – singen mit. Danach: Beifall am Grab.

Die 23-jährige Franziska stellt ein Teelicht auf das Grab. Sie ist kein ausgesprochener Rio-Fan. „Aber ich wurde heute mit seinen Liedern geweckt“, erzählt sie. Ihre Eltern sind große Fans und extra aus Hermsdorf angereist. „Wir haben seine Platten gestern den ganzen Abend gehört“, sagt Vater Wolfgang. „Seine Texte waren einfach toll.“

Das findet auch Tochter Franziska, die sonst eher den deutschen Rapper Alligatoah hört, der gerade mit seinem Album „Musik ist auch keine Lösung“ sehr erfolgreich ist. „Rio war einer von den Guten.“

Im Friedhofscafé wird dann aus Rios unveröffentlichten Tagebüchern von 1972 bis 1974 gelesen, die sein Bruder Gerd mitgebracht hat. Es zeigt sich, dass Rio zwar oft fast depressiv war und auch Selbstmordgedanken hegte. Aber vor allem war er im Tagebuch poetisch, politisch und polemisch – auch humorvoll und vor allem eines: Auf der Suche nach Liebe. So schlug er vor, dass auf seinem Grab steht: „Verhungert auf der Suche nach Liebe.“

Das Jahr 2016 soll noch einmal ein Rio-Jahr werden. Am 20. August jährt sich sein Todestag zum 20. Mal, und es gibt neue Best-of-Platten. „Auf alle Fälle treffen wir uns wieder am Grab“, sagt Gerhard Moses Hess. „Dann gibt’s auch ein richtiges Konzert in der Friedhofshalle.“