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Demonstration in Köpenick: NPD mischt bei Demo mit

Auch aktiv mit dabei: Der NPD-Landesvorsitzende Sebastian Schmidtke am Megafon.

Auch aktiv mit dabei: Der NPD-Landesvorsitzende Sebastian Schmidtke am Megafon.

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A. Kopietz

Alles Nazis? Keinesfalls. Vor allem waren es wütende Menschen, die am Sonnabend im Köpenicker Allendeviertel demonstrierten. Sie verstehen nicht, warum in ihren Kiez noch weitere Flüchtlinge ziehen sollen. Es gibt schon ein Heim für 300 Geflüchtete. Nun lässt der Senat auf einer Brache an der Alfred-Randt-Straße, zwischen Altenheim, Schule und Kita, ein Containerdorf für weitere 400 Flüchtlinge bauen.

Demonstration gegen Flüchtlingsheim in Köpenick
Demonstration gegen Flüchtlingsheim im Allendeviertel, Neonazis mischen sich unter die Anwohner-Demo am 15.11.2014

Zu der Demo zwischen den Hochhäusern des Allendeviertels haben sich viele Nachbarn zusammengefunden: alte Leute, junge Leute, Familien mit Kindern. Die rund 400 Demonstranten haben Transparente: „Demokratie statt Diktatur“ oder „Wir sind das Volk“. Letztere altbewährte Losung ist jene, die am meisten gerufen wird.

Die Organisatorin sagt zu Beginn, man wolle heute ausschließlich gegen den Standort des Containerdorfes demonstrieren und dulde ausländerfeindliche Äußerungen nicht. Das hatte sie zuvor schon auf Facebook erklärt. Dann zieht die Demo nahe der Brache los, wo vergangene Woche schon Bäume gefällt und Baufreiheit geschaffen wurde. Kurzfristig hat die Polizei die Demoroute geändert, um sie auf Distanz zur Mahnwache unter dem Motto „Solidarität mit Flüchtlingen statt Ausgrenzung!“ zu halten.

Die hat rund 180 Teilnehmer. Laut Mitorganisator Hans Erxleben hat die Polizei gegen geltendes Gesetz verstoßen, weil sie die Kundgebung außer Ruf- und Hörweite der anderen Demonstranten hält. Die Teilnehmer rufen Sprechchöre wie „Kein Mensch ist illegal!“ und „Nazis raus!“ Der Mann am Mikrofon sagt: „Die Anwohnerdemo ist eine offene rechte Demo, die die Stimmung gegen das Containerdorf anheizen will.“ Die Warnrufe verlieren sich. Denn die Polizei hat die Kundgebung am Waldrand hinter einem Zehngeschosser platziert.

Veranstaltung gekapert

Die Demonstranten gegen das Containerdorf werden von der Polizei auf eine Rasenfläche geleitet. Jetzt stehen sie zwischen NP-Markt und Billardoase, wo es auf Weisung der Polizei das Bier in Plastikbechern gibt, damit niemand ein Glas wirft. Es ist Wut über Ungerechtigkeit, die sich auf dem Platz artikuliert. Über „Arroganz eines selbstherrlichen Staates“, der den Menschen nicht zuhöre, wie einer sagt. Nun gibt es ein Megafon, und jeder darf sprechen. „Meine zehnjährigen Kinder haben Angst, von der Schule allein nach Hause zu gehen“, ruft eine Frau ins Mikrofon. „Sie werden von den Asylantenheim-Kindern beschimpft.“ Ein Redner sagt, aus der neuen Sporthalle für die Schule im Viertel werde nun nichts. Auch für einen Jugendclub fehle das Geld. Eine junge Frau, mit der wir sprechen, ist wütend, dass sie als Hartz-IV-Aufstocker mit ihrem Mann und ihrem Kind in einer engen Wohnung lebe, während der Senat nun Flüchtlinge in Wohnungen quartiere und die Miete übernimmt.

Derweil hält ein Mann ein Schild mit der Aufschrift „Entschuldigung, ich bin KEIN NAZI, nur Anwohner!“ hoch. Man fühlt sich diffamiert und mit der Nazikeule verdroschen, von den Medien, den Linken, der Antifa. Weil Anwohner pauschal als Nazis bezeichnet werden oder im Internet als „rechter Bürgermob“. Oder wenn Politiker wie neulich dem Innensenator vorwerfen, er verharmlose Naziaufmärsche als Bürgerproteste. Und so warnt Berlins Verfassungsschutz-Chef Bernd Palenda davor, alle Demonstranten gegen neue Flüchtlingsheime in einen Topf zu werfen: „Es wäre ein letaler Fehler, alle mit Rechtsextremisten gleichzusetzen. Diese Stigmatisierung ist genau das, was Neonazis wollen. Das ist Teil ihrer Strategie.“ Auch Demonstranten hier sagen, dass sie mit der NPD nichts zu tun haben wollten sondern eben gegen die Entscheidung des Senats protestierten.

Aber dann passiert es doch. Einer ruft ins Mikro: „Deutschland muss wieder deutsch werden!“ Lautes Gejohle und Beifall. Was soll denn an dem Spruch rassistisch sein, fragt ein Mann. Er gehört zu jener Gruppe angereister und teils angetrunkener Herren mit Glatzen und Schädeltattoos. Es sind BFC-Hooligans und Rocker vom MC Gremium. Mitgliedern des Clubs aus Oberschöneweide sagen die Behörden Verbindungen in die rechtsextreme Szene nach. Auch sie rufen hier: „Wir sind das Volk!“

Der Redner, der jetzt das Wort ergreift und die Veranstaltung damit für seine Zwecke kapert, heißt Sebastian Schmidtke. Was mancher Demonstrant nicht weiß: Schmidtke ist Landeschef der NPD und mit einigen Getreuen vom „Nationalen Widerstand“ hier. Wie auch bei den anderen Anwohnerdemos gegen neue Flüchtlingsheime und Containerdörfer hetzt er auch jetzt gegen Asylanten und bekommt seinen Beifall. Nach Veranstaltungsende werden der NPD-Chef und die Versammlungsleiterin noch intensiv in ein herzliches Gespräch vertieft sein. Schmidtke sagt danach: Man kenne sich nur flüchtig. Er sei auch nur als Privatperson dagewesen und habe nichts mit der Organisation der Veranstaltung zu tun.

Nach Schmidtke hält Udo Voigt seine Ansprache. Auch er hat sich den Zuhörern nicht vorgestellt, vielleicht wären ja einige dann gegangen. Voigt, der lange NPD-Bundesvorsitzender war, sitzt nun für die Rechtsextremen im Europäischen Parlament. Hier in Köpenick sagt er nun, dass die Heimat der Flüchtlinge nicht Deutschland, nicht Berlin und nicht das Allendeviertel sei. Es folgt stürmischer Applaus. Noch lange danach lauscht er mit verzückter Miene den Reden. Er genießt die Stimmung. Dann setzt er sich zum Bier in die Billardoase, wo ihn niemand behelligt oder in unangenehme Diskussionen verwickelt und er sich wie zu Hause fühlt.

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