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Denkmal muss umziehen: Rettung für Köpenicker Holzhaus in Sicht

Seit einem halben Jahr ist das Holzhaus nicht mehr bewohnt. Das Innere ist weitgehend erhalten und stammt aus dem Jahr 1911.

Seit einem halben Jahr ist das Holzhaus nicht mehr bewohnt. Das Innere ist weitgehend erhalten und stammt aus dem Jahr 1911.

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Berliner Zeitung/Nikolaus Bernau

In Köpenick ist, wie diese Zeitung berichtet und inzwischen weithin bekannt, ein Holzhaus zu verschenken. 1911 war das Haus als Teilfertigbau errichtet worden und ist bestens erhalten. Etwa 110 Quadratmeter, zwei große Zimmer, drei Schlafzimmer, Küche, Badekammer, Veranda, kein Keller – so würde eine Verkaufsanzeige wohl lauten. Allerdings muss das zierliche Gebäude innerhalb der nächsten Monate demontiert und auf ein anderes Grundstück gebracht werden – weil an seiner Stelle ein Mehrfamilienhaus gebaut werden soll. Das Häuschen soll umsonst abgegeben werden, die Kosten für die Umsetzung liegen allerdings zwischen 100.000 und 350.000 Euro.

Das scheint offenbar kein Nachteil, jedenfalls haben sich inzwischen mehr als sechzig Interessenten bei der Berliner Denkmalpflege und im Bezirksamt gemeldet. „Bei uns stand das Telefon nicht still. Wir konnten kaum den Mantel ausziehen“, berichtet die Leiterin des Bauamts von Köpenick-Treptow, Ulrike Zeidler, begeistert vom Tag nach den Anzeigen in der U-Bahn und der Zeitungsartikel.

Abriss kaum noch aufzuhalten

Inzwischen ist das Haus auch formell in die Berliner Denkmalliste eingetragen. Der Abriss kann damit zwar kaum noch aufgehalten, wohl aber die Verlagerung an einen anderen Ort finanziell unterstützt werden, wie das Landesdenkmalamt mitteilt.

Dafür ist jetzt etwas Zeit gewonnen: Der Grundstücksbesitzer, der hier ein Haus mit fünf Wohnungen errichten will – der Antrag ist eingereicht, aber noch nicht genehmigt – hat nach Angaben von Ulrike Zeller zugestimmt, über die bisherige Frist hinaus – angegeben war Silvester 2015 – noch bis April 2016 warten zu wollen. Es stehen also weitere vier Monate zur Verfügung, bis das Haus abtransportiert oder schlimmstenfalls zerstört sein muss.

Obwohl es rund sechzig Interessenten gibt, könnte das durchaus passieren. Deswegen sei hier über eine Idee berichtet, die in einem langen Telefongespräch mit einer Leserin entstand. Sie fragte, warum das Häuschen nicht einfach in ein Freilichtmuseum gebracht wird. Im Unterschied zu vielen deutschen Bundesländern, den Niederlanden, den nordischen und vielen osteuropäischen Staaten jedoch gibt es in Berlin kein nationales oder wenigstens regionales Freilichtmuseum.

Es existiert nur die Domäne Dahlem: Teile eines Ritterguts, die bis 1976 als Landwirtschaftsbetrieb erhalten und genutzt worden waren, weil West-Berlin anhaltend Angst vor einer neuen Blockade durch die Sowjetunion und die DDR hatte. Erst nach Abschluss der Viermächte-Verträge legte sich bei den West-Berlinern diese Angst und so wurde n auch noch die letzten Flächen der Domäne Dahlem bebaut.

Es ist dem unermüdlichen Engagement des „Vereins der Freunde der Domäne Dahlem“ zu verdanken, dass hier das überaus populäre Museum „Domäne Dahlem“ entstehen konnte. Seit 1995 ist es Teil der Stiftung Stadtmuseum Berlin. Das Haus widmet sich im weitesten Sinn des Wortes der Lebensmittelkultur Berlins und Brandenburgs, veranstaltet Feste und Ökomärkte, hat diverse Preise und Auszeichnungen erhalten.

Es würde also passen, hier in Dahlem an einen weiteren Teil der Ernährungskultur Deutschlands zu erinnern: An die Kultur der bürgerlichen Sommer- und Gartengrundstücke, zu der auch das kleine Köpenicker Holzhäuschen gehört. Solche Sommerhäuser entstanden seit den 1890er-Jahren im weiteren Umfeld der immer größer werdenden europäischen Städte und dienten der Erholung, aber auch der Nahrungsmittel-Eigenversorgung.

Kulturgut städtischer Lebensreformer

Auf den Grundstücken gab es Obst- und Nussbäume, Beerensträucher, Gemüse-, Salat- und Zwiebelbeete sowie sogar Kartoffelfelderchen, auch wurden darauf kleine Glashäuser errichtet. Bis weit in die 1960er-Jahre hinein war die Selbstproduktion von Nahrungsmitteln ein wesentlicher Teil der Aufgaben, die eine bürgerliche Hausfrau und ihr Personal zu erledigen hatten. Man sehe sich alte Kochbücher an.

Die Museen und Historiker haben sich bisher vor allem der proletarischen und kleinbürgerlichen Klein- oder Schrebergartenkultur gewidmet. Im Stockholmer Skansen wurde ein solcher Garten sogar zum Teil des nationalen Freilichtmuseums. Die bürgerliche Kultur aber wird bisher oft nur als Teil der Design-Geschichte wahrgenommen. Was spricht also dagegen, dass – wenn kein privater Interessent dies leisten kann – der Berliner Senat das Häuschen auf Kosten des Steuerzahlers demontieren und in Dahlem wieder aufbauen lässt?

Es sollte doch möglich sein, für ein solches Kleinod schnell die benötigte Summe aufzutreiben, um es für die Zukunft zu sichern. Auf dem weiten Gelände in Dahlem wäre durchaus Platz für ein Gartengrundstück mit dem Haus. Es könnte zum musealen Pendant des Gründerzeitmuseums im Gutshaus Mahlsdorf werden.

Dort sind dank der Sammlerin Charlotte von Mahlsdorf Zeugnisse der bürgerlich-städtischen Wohnkultur zu sehen, hier wäre es die Kultur der großstädtischen Lebensreformer der Zeit um 1900 und ihre Begeisterung für frische Luft, Spiele auf dem Rasen und selbst angebaute Lebensmittel. Und sogar die empfindlichen Rupfentapeten von 1911 in dem Haus, die bei einer privaten Umsetzung kaum erhalten werden könnten, wären bei einer solchen Aktion wohl zu retten.



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