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Der Campingplatz als Hauptwohnsitz: Die Dauercamperin

Elsbeth Völter lebt seit fünf Jahren im Wohnmobil auf dem Campingplatz in Tiefensee.

Elsbeth Völter lebt seit fünf Jahren im Wohnmobil auf dem Campingplatz in Tiefensee.

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berliner zeitung/markus wächter (4)

Elsbeth Völter weiß nicht, wann sie das letzte Mal krank war. „Vielleicht vor zwei Jahren“, sagt sie. Arztbesuche meidet sie. „Denn wenn man zum Arzt geht, wird man erst richtig krank“, sagt sie. Es sieht nicht so aus , als fehle es der 70-Jährige an irgendwas, sie wirkt gesund, robust und zufrieden. Und sie weiß, woran das liegt. „Ich lebe das ganze Jahr in der Natur, da wird man nicht so schnell krank“, sagt sie.

Elsbeth Völter hat das Leben in der Großstadt gegen die Naturidylle auf einem Campingplatz eingetauscht. Vor fünf Jahren zog die Rentnerin von ihrer kleinen Wohnung in Spandau in einen Wohnwagen auf einen Campingplatz in Brandenburg. Country Camping heißt das Erholungsgebiet in Tiefensee bei Werneuchen (Barnim), etwa 40 Kilometer von Berlin entfernt.

Nur wenige Campingplätze haben das ganze Jahr geöffnet

Es ist Mitte Dezember. Elsbeth Völter sitzt im Rollkragenpullover und einer dicken Strumpfhose in ihrem Vorzelt. Dicke Wollsocken hat sie an den Füßen. Ein Gasheizer neben ihr wärmt, einen zweiten hat sie im Wohnwagen aufgestellt. So könne man den Winter doch gut überstehen, sagt die Dauercamperin, die früher als Altenpflegerin gearbeitet hat. „Ich finde es schön hier, ich genieße diese Ruhe.“

Für die meisten Camper ist die Saison längst vorbei, der Platz liegt im Winterschlaf. Tag und Nacht ist es still, man hört nur Vögel und manchmal ein paar Autos auf der Landstraße, die durch Tiefensee führt. Ansonsten Stille. Kein Radio, keine Gespräche vom Nachbargrundstück, kein Partylärm vom Gruppenzeltplatz, kein Kindergeschrei von der Badestelle des Gamensees, der an den Zeltplatz grenzt.

Die meisten Besitzer haben ihre Wohnwagen und Vorzelte im Herbst winterfest gemacht. Unter festgezurrten Planen lagern Hollywoodschaukeln, Klappstühle, Tische und Grills. Das Wasser ist abgestellt, sonst platzen bei Frost die Rohre.

Es gibt nur wenige der etwa 180 Zeltplätze in Berlin und Brandenburg, die das gesamte Jahr geöffnet haben. Für viele Betreiber lohne sich der Aufwand für das Wintergeschäft nicht, sagt Katrin Waitek vom Verband für Camping- und Wohnmobiltourismus im Land Brandenburg. Während im vergangenen Sommer weit über eine Million Besucher auf den Brandenburger Campingplätzen übernachteten, sei die Zahl der Wintergäste sehr gering. Die Betreiber müssen die Verkehrssicherheit einhalten, also Gehwege von Schnee und Eis zu befreien und die Toiletten- und Duschräume heizen. „Dafür muss man aber auch Personal beschäftigen“, sagt Verbandschefin Waitek.

Hingegen ist der Campingplatz in Tiefensee an manchen Winterwochenenden sehr gut besucht, zu Weihnachten und Silvester gelten für die Ferienhäuser die Preise der Hauptsaison. Mit 50 bis 70 Gästen rechnet Platzbetreiber Felix Voß zur Silvesterfeier in diesem Jahr. Dann kommen Campingfreunde zum Feiern, zum Angeln, Wandern und Reiten. Der 66-Seen-Wanderweg führt am Campingplatz vorbei, die Sauna ist geheizt, am Wochenende hat sogar das Restaurant geöffnet.

„Unser Vorteil ist die große Nähe zu Berlin“, sagt Voß. Der 41-jährige Volkswirtschaftler hat mal als Investmentbanker gearbeitet, seinen Job aufgegeben und ausrangierte Paketautos der Post zu Campingbussen umgebaut. Vor zehn Jahren übernahm Voß die Geschäfte vom Country Camping Berlin. Berlin? Geografisch betrachtet ist das kompletter Unfug, doch auf dem Platz erholen sich nun mal größtenteils Berliner.

Winterurlaub mit Glühwein, Kartoffelsuppe und Lagerfeuer

Elf Mitarbeiter, darunter zwei Lehrlinge, beschäftigt Voß, alle sind ganzjährig angestellt und haben auch außerhalb der Hauptsaison genug zu tun. Voß erzählt, im Herbst würden sämtliche Boden- und Außenarbeiten erledigt, im Winter folgten Renovierungen und Umbauten in den Ferien- und Sanitärhäusern. „Wir machen alles selbst“, sagt er. Dennoch sei der Winterbetrieb ein Minusgeschäft. Voß spricht von „Quersubventionierung“ und „Ganzjahresbetrachtung“. Das hat der Banker nun mal so gelernt.

Zum Fuhrpark gehört ein kompletter Winterdienst: Traktoren mit Schneebürsten und Schildern, Radlader und eine Hebebühne, mit der Mitarbeiter notfalls schneebeladene Äste von den Bäumen schneiden können. Oder die Vordächer der Wohnwagen von der Schneelast befreien. 400 Stellplätze bietet die Anlage, 240 davon sind für Dauercamper gebucht. Die monatliche Miete für einen etwa 100 Quadratmeter großen Stellplatz kostet 114 Euro. Manche ziehen komplett dort ein, wohl auch aus ökonomischen Gründen. Günstiger lebt man in keiner Wohnung.

Es gibt auch Leute, die verbringen im Winter einige Urlaubstage in ihrer beheizten Hütte, verabreden sich mit Nachbarn zu „Glühwein, Kartoffelsuppe und Lagerfeuer“, wie es Anneliese und Peter Eisermann beschreiben. Das Paar, beide sind 70, macht seit 40 Jahren im Wohnmobil Urlaub, seit 13 Jahren sind sie Dauercamper in Tiefensee. Im Januar, erzählen die Eisermanns, wollen sie für einige Tage von Friedrichshagen auf den Campingplatz ziehen – wegen der Stille, sagt Anneliese Eisermann. Sie werde mit ihrem Mann wandern, ins Restaurant und in die Sauna gehen. „Das genießen wir.“

Selbst im kältesten Winter bieten moderne Wohnwagen heutzutage hinreichend Wärme. Manche haben Fußbodenheizungen sowie gut gedämmte Wände und Böden.

So hochmodern ausgestattet ist der Wohnwagen von Elsbeth Völter nicht. Etwa 35 Quadratmeter misst das Wohnmobil und das mit Holz verkleidete Vorzelt. Am Boden vor der Tür liegt eine Decke, damit es nicht zieht. Die Dauercamperin sagt, ihr fehle es auch im Winter an nichts. Alles ist gut organisiert und praktisch eingerichtet. In der Küche stehen Herd und Kühlschrank, im Wohnzimmer ein großer Flachbildfernseher. Der Kaffee kommt aus einer modernen Maschine mit Pads.

Wohnzimmer mit Flachbildschirm

Über ihren Laptop empfängt Elsbeth Völter sogar Internet. Trinkwasser holt sie mit Kanistern aus dem Sanitärhaus, dafür hat sie einen Bollerwagen. Neben Toiletten und Duschen gib es im Sanitärhaus auch Waschräume mit Waschmaschinen und Trockner. Die Gasflaschen für die Heizung bestellt die Seniorin an der Rezeption, die vollen Flaschen fahren die Mitarbeiter zum Wohnmobil.

Einsam fühle sie sich nicht, sagt Elsbeth Völter. Denn auf dem Dauercampingplatz gebe es einen „kleinen Kreis Gleichgesinnter“, etwa sieben Leute. Es sind Menschen, die meist zurückgezogen und allein leben, sie wollen ihre Ruhe haben. Manche sind berufstätig und fahren jeden Tag zur Arbeit, andere sind wegen Krankheiten erwerbsunfähig. Die Dauercamper kennen sich gut, man duzt sich. „Wir haben hier mehr Kontakte als eine Hausgemeinschaft in der Stadt. Es gibt immer was zum Reden“, sagt Elsbeth Völter und krault dabei ihren Kater Oscar. 20 Jahre alt ist das Tier. Manchmal spricht sie mit ihm.

Die Wintertage verbringt Elsbeth Völter mit alltäglichen Dingen: Spazierengehen, einkaufen, Laub harken, Wäsche waschen. Sie liegt gern länger im Bett, vor allem, wenn es draußen kalt sei, sagt sie. Niemanden stört das. Manchmal besuchen sie Freunde aus Berlin. Weihnachten hat sie ihre Bekannten auf dem Platz zum Festbraten eingeladen. Und dann kümmert sich Elsbeth Völter auch noch um die Wohnmobile ihrer Nachbarn. Sie hat die Schlüssel und stellt die Heizung an, falls die Bewohner kommen.

Einmal in der Woche fährt Elsbeth Völter mit dem Bus zum Einkaufen, manchmal bringen ihr die Nachbarn mit, was sie braucht. „Da reicht eine kurze SMS“, sagt sie. Und wenn sie dann doch mal für Besorgungen nach Berlin fahren muss, will sie abends wieder in ihrem Wohnwagen sein – „schon allein wegen Oscar“, sagt sie. Aber wohl auch deshalb, weil der Campingplatz ihr wahres Zuhause ist. „Ich habe nicht vor, in die Stadt zurückzukehren“, sagt sie.