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Der illegale Cannabis-Anbau in Berlin nimmt zu

Hanfplantage

Die illegalen Indoor-Plantagen für Cannabispflanzen verbrauchen viel Strom.

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picture-alliance/ dpa

Immer, wenn der 30-jährige Dachdecker Andreas P. morgens zur Arbeit ging, musste er an einer Lagerhalle in der Kitzingstraße in Mariendorf vorbei. Und dabei bemerkte er diesen „extremen Geruch“, wie er erzählt. Vor allem, wenn die verklebten Fenster der Halle angeklappt waren. „Und das tagein und tagaus, monatelang. Es war unüberriechbar“. Andreas P. sagt, er kenne den Geruch von frischem Gras – Marihuana. „Jeder war mal jung, jeder hat es mal ausprobiert“, erklärt er.

Andreas P. sagt das Anfang dieser Woche vor dem  Landgericht als Zeuge. Es geht in dem Prozess um die bisher größte je in Berlin entdeckte illegale Cannabisplantage. Fahnder stellten im Sommer des vorigen Jahres in der Lagerhalle  rund 19.000 Cannabispflanzen sicher. Laut Anklage hätte man damit einen Erlös von 7,5 Millionen Euro erzielen können. Sieben ukrainische Helfer sollen mit dem Anbau der Pflanzen beschäftigt gewesen sein.

Cannabis ist die Droge, die in Berlin am meisten genommen wird. Das sagen Fahnder.  Dabei rauchen Konsumenten vor allem das aus der Pflanze gewonnene Haschisch oder das Marihuana als Joint. Ursprünglich wurde Cannabis aus Holland angeliefert, aber auch aus Spanien, Nordafrika und Albanien. Doch die Dealer werden erfinderisch. Zunehmend wird Cannabis mittlerweile  auch in Berlin und Brandenburg in Indoor-Plantagen illegal hergestellt. „Da haben wir eine spürbare Zunahme“, sagt ein Drogen-Ermittler. „Das reicht von Klein-Pflanzungen im Wohnzimmer bis hin zu professionell betriebenen Plantagen in großen Hallen wie  in Mariendorf.“

Abgeklebte Fenster

Die Polizei spricht bei mehr als 1000 Pflanzen von Profi-Plantagen. Im Jahr 2014 wurden deutschlandweit 29 solcher professionell angebauter Cannabispflanzungen ausgehoben, in Berlin waren es vier. Rauschgiftkriminalität ist ein Kontrolldelikt. Je mehr die Fahnder nachforschen, desto mehr Drogen finden sie. Die ermittelten Tätergruppen sind vielfältig. Laut Polizei sind es Deutsche, Holländer oder auch Täter mit Migrationshintergrund.

Im Fall der 19 000 Cannabispflanzen sind es drei deutsche Beschuldigte. Jörg S. ist 61 Jahre alt und selbstständiger Gastronom, er ist krank, sitzt im Rollstuhl. Er soll die Halle in Mariendorf angemietet und dann, um unentdeckt zu bleiben, an einen seiner Mitangeklagten weiterverpachtet haben. Roland A. ist 46 Jahre alt und ebenfalls Gastronom sowie Autohändler. Lars Sch. ist wie Roland A. 46 Jahre alt und Dachdecker. Beide sind kräftige Männer. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, als Mitglied einer Bande Betäubungsmittel in nicht geringer Menge unerlaubt angebaut, hergestellt und mit ihnen gehandelt zu haben.

Die Lagerhalle in der Kitzingstraße liegt in einem Gewerbegebiet. Und vielleicht wäre die riesige Indoor-Plantage, die laut Staatsanwaltschaft als Dachdeckerfirma getarnt gewesen sein soll, niemals aufgefallen. Wenn nicht dieser Geruch gewesen wäre, der den Zeugen Andreas P. und einem weiteren Kollegen als so penetrant aufgefallen wäre. Die beiden sprachen in ihrer Firma darüber – bis ein weiterer, ebenfalls misstrauisch gewordener  Angestellter schließlich die Polizei informierte. Dem war das Grundstück schon seit Längerem suspekt. Denn es gab auf dem Firmengelände, auf dem sich zuvor ein Getränkemarkt befunden hatte, nach seinen Angaben  keine Kundenbewegung, die Fenster waren verklebt, das Innere damit gegen neugierige Blicke geschützt. Und auf dem Areal lagerte säckeweise Blumenerde.

Die Kriminalbeamtin, die die Ermittlungen führte,  tritt in dem Prozess ebenfalls als Zeugin auf. Sie erzählt, dass sie nach dem Hinweis des Mannes einen Polizeihubschrauber mit  Wärmebildkamera über die Lagerhalle fliegen ließ. So gehen häufig auch die Fahnder in Brandenburg vor, um Plantagen in alten, stillgelegten Ställen oder Hallen auf die Spur zu kommen. Der Hubschrauber sollte am  Wochenende und in der Nacht über die Lagerhalle in Mariendorf fliegen. Das ist die Zeit, in der Maschinen in den Betrieben meist abgestellt sind.

Großer Stromverbrauch

Das Ergebnis: Die Kamera registrierte eine hohe Wärmeabstrahlung. Die Hubschrauberbesatzung kam zu dem Schluss, dass es sich um eine illegale Indoor-Plantage handeln könnte. Cannabispflanzen benötigen viel Wärme, wenn sie gedeihen sollen. Daraufhin wurde die Halle über lange Zeit observiert. Und eine Nachfrage beim Stromanbieter ergab: In der Halle wurde eine große Menge Strom verbraucht. Auch nachts, auch an den Wochenenden. Kunde beim Stromanbieter war der 61-jährige Jörg S., einer der nun Angeklagten. 

Am 7. Juli 2015 rückte ein Großaufgebot der Polizei an und beschlagnahmte nicht nur die Cannabispflanzen, sondern laut Anklage auch etliche Tüten mit gefrorenem Haschisch  und gepresstem Pflanzenmaterial sowie neun Müllsäcke mit 61 Kilo Pflanzengut. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sollen die Angeklagten bestrebt gewesen sein, mit der professionell betriebenen Aufzuchtanlage monatlich rund 730 Kilogramm Marihuana herzustellen. Geschätzter Großhändlerertrag: rund 3,6 Millionen Euro.

Den Angeklagten  drohen bei einer Verurteilung hohe  Haftstrafen. Das Urteil wird Ende März erwartet.



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