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Deutsch-Arabisches Zentrum in Neukölln: Kriegsgetöse beim Telefonieren

Vor der Tür ist es gefährlich: ein Junge im Juni 2014 in Aleppo in Syrien.

Vor der Tür ist es gefährlich: ein Junge im Juni 2014 in Aleppo in Syrien.

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REUTERS/Nour Kelze

Telefonate mit den eigenen Kindern sind für eine Mutter, die sich am Dienstag im Deutsch-Arabischen Zentrum (DAZ) in Neukölln zu Wort meldet, mittlerweile zu einer Nervensache geworden. „Wenn wir telefonieren, höre ich im Hintergrund die Bomben explodieren“, sagt sie. Die Frau stammt aus Syrien. Jetzt ist sie in Berlin mit einer Aufenthaltserlaubnis bis ins Jahr 2015. Ihre vier Kinder, alle unter 18 Jahre alt, leben allerdings weiterhin in Damaskus. Seit Monaten versucht die Mutter, ihre Kinder aus dem Kriegsgebiet zu holen. Sie sagt, sie verdiene genug Geld, um ihre Kinder versorgen zu können, sie brauche keine Unterstützung vom deutschen Staat. Bisher war sie trotzdem erfolglos. Am Dienstag ist sie ins Deutsch-Arabische Zentrum an der Uthmannstraße gekommen, um von ihrer Situation zu erzählen.

Eingeladen hatten Vertreterinnen von arabischen Organisationen. Sie berichten von Hunderten Syrern, die derzeit hilfesuchend zu ihnen kämen und über ähnliche Probleme klagten. Vom 11. bis zum 13. Juni treffen sich die Innenminister der Länder in Bonn, um über die weitere Aufnahme von Syrern zu beraten. Das Treffen in der Uthmannstraße soll auf die prekäre Lage syrischer Flüchtlinge aufmerksam machen und auf die Schwierigkeiten, die es mit dem Familiennachzug gibt. Die Anwesenden schließen sich einer Forderung an, die Maria Loheide aus dem Vorstand der Diakonie in einem Schreiben an den Vorsitzenden der Innenministerkonferenz Ralf Jäger formulierte: „Den Bundesländern liegen derzeit Anträge für 76 000 syrische Menschen vor, die in Deutschland lebende Angehörige haben – dem stehen im Rahmen des aktuellen Bundesprogramms jedoch nur 5 000 Aufnahmeplätze gegenüber. Die geplante Aufstockung um weitere 10 000 Plätze ist deshalb bei weitem nicht ausreichend.“

Die Berater in Berlin glauben, dass sich bald noch viel mehr Menschen als bisher über illegale und gefährliche Wege nach Europa aufmachen werden. „Die Familien warten seit Monaten. Sie alle stellen sich die Frage, ob sie noch weiter warten sollen“, sagt Sawa Orthmann vom Wohltätigkeitsverein Al-Huleh, der unter dem Dach des DAZ organisiert ist. Katharina Stamm von der Diakonie fordert: „Es wurden mit der Annahme dieser Anträge Erwartungen geweckt. Jetzt muss man auch handeln.“

Ein Paar ist am Dienstag in die Uthmannstraße gekommen, das nicht länger gewartet hat. Sie seien mit dem Flugzeug nach Ägypten geflogen, berichtet die Frau über eine Übersetzerin. In Ägypten habe ihr Mann Schlepper angesprochen. Sie hätten 4 000 Dollar pro Person gezahlt und seien dann mit anderen Familien mit kleinen Booten über das Mittelmeer gebracht worden. Zehn Tage wären sie auf dem Meer getrieben. In Italien habe man sie mit Drohungen gezwungen, sich registrieren zu lassen. In Deutschland seien sie jetzt seit vier Monaten. Sie habe Angehörige in Deutschland und sei schon früher als Touristin hier gewesen, so die Frau.

Als Dritte meldet sich eine Palästinenserin zu Wort, die schon in Syrien als Flüchtling in einem Lager gelebt hat. Von dort sei sie nach Ausbruch des Krieges nach Bulgarien geflohen, wo man sie wie eine Kriminelle behandelt habe, wo es weder Jobs noch finanzielle Unterstützung gebe. Sie sei als Flüchtling anerkannt worden, mit einer Aufenthaltserlaubnis für fünf Jahre. Allerdings für Bulgarien. Zurzeit lebe sie in einem Heim in Deutschland und habe hier ein zweites Mal Asyl beantragt. Ihre Schwester lebe in Deutschland. „Ich kann nicht zurück nach Bulgarien, ich kann nicht dort auf der Straße leben“, sagt sie um ihre Fassung bemüht.

Katharina Stamm von der Diakonie vergleicht an diesem Tag in der Uthmannstraße die Lage in Syrien mit der Deutschlands 1945. „Wir sollten mindestens diese 76 000 Menschen, die Angehörige in Deutschland haben, aufnehmen.“



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