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Diagnose Autismus: Plötzlich lebte Ishak in seiner eigenen Welt

Sarah Hinz und Ishak: Der Sohn auf dem Schoß der Mutter – was so vertraut und einfach aussieht, hat lange gedauert.

Sarah Hinz und Ishak: Der Sohn auf dem Schoß der Mutter – was so vertraut und einfach aussieht, hat lange gedauert.

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privat

Neukölln. Es ist spät geworden. Sarah Hinz schließt die Wohnungstür hinter den letzten Besuchern. Dreht sich um. Im Flur steht ihr Sohn Ishak. Ein sechsjähriger Junge mit braunen Haaren und einem runden, hübschen Gesicht. Er strahlt, geht auf sie zu, nimmt sie in den Arm. Sie hält ihn fest. Lange. Das war nicht immer so einfach – Ishak ist Autist.

Als Ishak geboren wurde, ließ nichts erahnen, dass er anders sein würde, als andere Kinder. Er war ein fröhlicher kleiner Junge, sagt Sarah Hinz. Er bewegte sich gern und wenn er seine Lieblingsmusik hörte, fing er immer gleich an zu tanzen. Neue Gerichte probierte er immer gern aus, fing früh an zu sprechen und lernte gern neue Menschen kennen. Ishak entwickelte sich ganz normal.

Als er zweieinhalb war, und kurz nachdem seine kleine Schwester auf die Welt gekommen war, änderte sich plötzlich etwas. Innerhalb kürzester Zeit begann Ishak sich zurückzuziehen und nur noch in seiner eigenen Welt zu leben, an der er niemanden mehr teilhaben ließ. Er vergaß die Worte, die er bis dahin schon konnte und ignorierte es, wenn man ihn ansprach. Sein Spielzeug interessierte ihn nicht mehr, stattdessen schaukelte er nur noch stundenlang hin und her und wollte jeden Tag die gleiche DVD gucken. Wenn er sich verletzte, zeigte er keinen Schmerz. Das Essen bereitete ihm keine Freude mehr, er wollte nur noch Babymilch trinken, erbrach sich immer häufiger. Schlafen konnte er immer nur vier Stunden am Stück, war dann sieben Stunden wach. Er bekam immer häufiger Panikanfälle.

Die Eltern sahen hilflos zu, wie sich ihr Sohn immer mehr von ihnen entfernte. Sarah Hinz steckte in ihrem neu gegründeten Friseursalon bis zum Hals in Arbeit, nahm sich trotzdem immer mehr Zeit für Ishak. Sie erfand neue Spiele, versuchte, ihn von seiner täglichen DVD wegzulocken, aber es gelang ihr nicht. Die Probleme mit Ishak wurde größer, ständig forderte das Kind Sarah Hinz’ Aufmerksamkeit. Die Friseurin beschloss, einen Arzt aufzusuchen. Als dieser sah, wie aufgelöst sie war und wie zappelig ihr Sohn, sagte der nur: „Was ist das denn für eine Baustelle? Sie müssen Ihr Kind erziehen!“

Schock und Erleichterung

Die Ratlosigkeit blieb. Sarah Hinz schlief an machen Tagen kaum, doch immer noch fand sie Kraft in ihrer Arbeit: „Das war mein eigener Ort, der Beruf hat mir immer schon Spaß gemacht, den wollte ich schon als kleines Mädchen machen“, sagt sie. Im Salon vergaß sie manchmal sogar ihr anderes Leben. Eines Tages kam eine neue Kundin in den Salon. Sarah Hinz erzählte von ihrem Sohn, dass sie oft nicht mehr weiter wisse und wie traurig es sei, dass er immer mehr aus ihrer Welt verschwinde. Die Frau hörte aufmerksam zu, stellte ein paar Fragen, dann sagte sie: „Ja, genau wie meiner – der ist Autist.“

„Es war ein Schock, aber auch eine Erleichterung, als Fachärzte bald darauf diese Vermutung bestätigten.“ Sie habe nach der Diagnose „Autismus“ nicht mehr das Gefühl gehabt, etwas falsch gemacht zu haben. „In dem Moment wusste ich, ich habe jetzt die Erlaubnis dafür zu sorgen, dass er glücklich ist“, sagt sie. Warum Ishak erkrankt sei, könne man nicht sagen. Die Ärzte hätten ihr damals jedenfalls das Gefühl vermittelt, sie müsse sich mit diesem Zustand abfinden, Ishak könne ergotherapeutisch und logopädisch behandelt werden, in einen Kindergarten für autistische Kinder gehen und später in einer Behindertenwerkstatt arbeiten, werde aber immer ein Pflegefall sein. Aber Sarah Hinz wollte das nicht so hinnehmen. Sie begann nach Informationen über gesunde Ernährung, alternative Medizin, mögliche Fördermethoden für autistische Kinder zu suchen. Sie wollte ihren Sohn zurück in ihre Welt holen.

Ihren Friseursalon führte sie trotzdem weiter, arbeitete immer noch so viel wie möglich. Als Ishak dreieinhalb war, kam sie wieder ins Gespräch mit einer Kundin, die erzählte ihr von dem Projekt „AuJa – Autismus akzeptieren und handeln“, das von Eltern eines autistischen Sohnes in Berlin ins Leben gerufen worden war, sowie dem „Spielraumprogramm“.

In diesem Förderprogramm für autistische Kinder, dessen Methoden aus der Spielpädagogik kamen, wurden Schritt für Schritt die sozialen Kompetenzen der autistischen Kinder trainiert, angefangen beim Blickkontakt und Zulassen von physischem Kontakt. Die Eltern der Kinder und die ehrenamtlichen Helferinnen, die für das Programm ausgebildet wurden, arbeiteten vor allem daran die Eigenmotivation der Kinder zu wecken.

Heute kommen fünf „Spielraum“-Helferinnen – mittlerweile unabhängig vom AuJa-Projekt – durchschnittlich vier bis sechs Stunden pro Woche in Sarah Hinz’ Wohnung. Seit anderthalb Jahren hat Sarah Hinz für das Spielraumprogramm ein eigenes persönliches Budget beim Jugendamt erkämpft, mit dem sie die Helferinnen bezahlen kann. Sie verwaltet das Geld selbst und möchte jetzt gerne auch anderen Eltern helfen, das Budget durchzusetzen. Sie weiß jetzt, dass sie Recht hatte, sich nicht einfach der Diagnose „Autismus“ zu ergeben.

Zusätzlich zum Spielraumprogramm und körpertherapeutischen Behandlungen hat Sarah Hinz in den letzten Jahren die Ernährung umgestellt, weil vermutet wird, dass Autisten eine extrem durchlässige Magenwand haben und deshalb besonders schnell auf Schadstoffe oder ungesunde Lebensmittel reagieren bzw. allergische Reaktionen zeigen. Gluten, Zucker, all das gebe es bei ihnen nicht mehr, sagt Sarah Hinz. Sie ist sich sicher, dass es geholfen hat: „Ishak kratzt uns nicht mehr, ist ausgeglichener, schläft zehn Stunden durch“, sagt sie und klingt stolz und ein bisschen erleichtert.

Er interessiere sich jetzt wieder mehr für andere Menschen. „Seiner kleinen Schwester geht er aber so weit wie möglich aus dem Weg“, sagt Sarah Hinz, die sei unberechenbar für ihn. Die beiße ihm zwischendurch auch einfach mal kurz in den Arm, wenn sie mehr Aufmerksamkeit von ihm wolle. „Aber wenn sie schläft“, fügt sie hinzu, „geht er oft an ihr Bett und schnuppert an ihr.“ In den letzten Monaten verändere sich Ishak. „Wenn ich Quatsch mache mit ihm, lacht er wirklich mit“, sagt Sarah Hinz. Und er versuche immer öfter zu sprechen. Vor kurzem sei sie mit ihm am Haus eines Freundes vorbei gefahren, da habe Ishak plötzlich gesagt, „Hier wohnt der XY“. Fast erschrocken haben sie sich da, weil es das erste Mal war, dass sie ihn so deutlich verstehen konnte, und weil sie in dem Moment wusste, er nimmt seine Umgebung wirklich wahr. Sarah Hinz glaubt fest daran, dass ihr Sohn irgendwann aus seinem „Dornröschenschlaf“ – wie sie es nennt – aufwachen wird.