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Dichte und Weite: So sollte die städtebauliche Zukunft Berlins aussehen

Unendliche Weite Berlin.

Unendliche Weite Berlin.

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Melanie Reinsch

Zum Glück gibt es Beachmitte. Es ist ein obskurer Ort, ein weiter Sandstrand mitten in Berlin, 50 Volleyballfelder befinden sich darauf, von Ferne schon auszumachen durch einen hohen Kletterturm. Das Gelände nimmt sich angenehm befremdlich aus zwischen dem Einerlei der neuen Investorenarchitektur, die hier entstanden ist. Bürohauskuben, Hotelklötze, Appartementregale – man nennt das Investorenarchitektur, weil die Bauten nach nichts aussehen als nach gebauten Renditeversprechen. Ihre demonstrative Solidität ist Werbung in eigener Sache: Als stabile Wertanlage soll die Architektur vor allem Unerschütterlichkeit verkörpern.

Jeder Fremde fragt sich sofort, wie der Strand in diese Gegend kommt. Und er kann sich die Antwort selbst geben, wenn er ein bisschen herumspaziert. Bald wird er im Norden des Gebietes das alte Stellwerk entdecken und im Süden ein zauberhaftes neoklassizistisches Gebäude, halb Pavillon, halb Palast. Es ist der „kleine Stettiner“, das Empfangsgebäude der Stettiner Vorortbahn, ein winziger Rest, der vom Stettiner Bahnhof geblieben ist. Auf dessen ehemaligen Gleistrassen liegt heute der Strand, auf dem Volleyball gespielt und Party gemacht wird.

So geht es an vielen Orten in Berlin. Man stutzt über eine unpasende Lücke im Raster der Stadt, und schon sackt man in Gedanken eine historische Epoche tiefer, wie hier am Nordbahnhof in das Berlin der Kopfbahnhöfe. Aus allen Richtungen kommend endeten in Berlin die Bahnlinien an verschiedenen Orten, ohne sich zu verknüpfen. Pech hatte, wer hier nicht aussteigen, sondern nur umsteigen wollte, eine Ringbahn gab es noch nicht. Es war das Berlin des Start-up-Unternehmers Karl Siebrecht, den Hans Fallada in „Ein Mann will nach oben“ von Gepäck träumen ließ, von einem Unternehmen, das die Koffer der Reisenden schnell von einem Kopfbahnhof zum nächsten bringen sollte.

Und zum Glück beginnt hier am Nordbahnhof, wo die ehrgeizlosen Investorenbauten die Stadt veröden, auch die Gedenkstätte Bernauer Straße. Über eine Länge von 1400 Metern hält sie die Erinnerung an die Mauer zwischen Ost und West wach. Wer hätte gedacht, dass diese durch die Teilung geschlagene Brache einmal ein Ort des Durchatmens wird, ein willkommener Freiraum in der Stadt.

Ansonsten aber schließt Berlin die Poren. Wohin man auch schaut, wird das Stadtbild geschminkt, werden Risse gekittet, Lücken geschlossen. Berlin bekommt eine blickdichte Oberfläche. Die vielen Brüche und Brachen im Stadtbild, durch die man überall hinabschauen konnte in ihre Geschichte, werden nach und nach geheilt. Wird die Stadt dadurch schöner? In manchen Fällen gewiss. Aufs Ganze gesehen, drohen ihr aber Langeweile und Selbstbetrug.

Unfertigkeit der Stadt

Volker Hassemer, in den Achtzigerjahren Senator für Stadtentwicklung, ist gewiss kein Ruinenromantiker. Aber auch er formuliert im aktuellen „Hauptstadtbrief“ ein Lob der Unfertigkeit. Die Unfertigkeit sei die alles beherrschende Attraktion Berlins, schreibt Hassemer und zieht eine Art Bilanz der Jahrzehnte nach der Wende, die sich ganz anders entwickelt haben, als er, der unermüdliche Promoter der Stadt, es sich gedacht hatte. Als Chef der „Partner für Berlin“ wollte er die großen Unternehmen in die Stadt holen. Gekommen sind die schöpferischen Geister, die ihre Chancen jenseits der großen Organisationen sehen.

Eigensinnige Köpfe brauchen die Unfertigkeit; man kann sie zum Brüten nicht in die Verwaltungsbunker stecken, wie sie am Nordbahnhof oder in der Europa-City längs der Heidestraße entstehen. Deren mangelnde Attraktivität beruht nicht nur auf einem ästhetischen Problem. Das Unfertige ist immer auch das Erschwingliche. Beides wird in Berlin knapp. Die Mieten koppeln sich ab von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Stadt, weil Investoren hier für ein ökonomisches Niveau planen, das in der Stadt gar nicht zu erzielen ist. Nicht das Verschwinden des Unfertigen ist das Problem, sondern dass die falschen Dinge fertig werden. Die Suchscheinwerfer zum Aufspüren alter Fabrikareale und Brachen für eine kreative Zwischennutzung richten sich längst auf Oberschöneweide, Lichtenberg, Pankow und in die Außenbezirke.

Die Mitte aufzugeben aber wäre für die Stadt fatal. Kluge Liegenschaftspolitik muss lokale Baugruppen bevorzugen, in denen die ansässige Kulturwirtschaft nach eigenen Bedürfnissen plant, vorbildlich auf dem Gelände des ehemaligen Kreuzberger Blumengroßmarktes. Das ist mühsamer, aber für die Stadtentwicklung produktiver als Monsterplanungen von der Stange wie am Lehrter Bahnhof.

Das Jahr 2014 endete mit einem bitteren stadtöffentlichen Kommentar. Der italienische Street-Artist Blu ließ seine weltberühmten haushohen Wandgemälde an der Cuvrybrache – einen Mann im weißen Hemd zeigend, der sich trotz seiner goldenen Handschellen die Krawatte bindet, und zwei Köpfe in Taucherhelmen – schwarz übermalen. Es war ein Protest gegen die Gentrifizierung und gegen die Ausbeutung seiner Wandmalereien für die Stadt- und Immobilienwerbung. Und es war ein düsteres Fanal für die Stimmung unter kritischen Neuberlinern. Wer hierher kommt, tritt sofort auf die Bremse. Zuzügler werden innerhalb weniger Monate Nostalgie-Berliner. Kaum zwei Jahre hier, sehen sie ein Berlin bedroht, das sie gerade erst kennenlernen, kämpfen gegen die Randbebauung des Tempelhofer Feldes wie gegen die Schließung der Cuvrybrache.

Unter den Alteingesessenen dagegen sind viele froh, dass es auch mal vorwärts geht. Noch Jahre nach der Wende bezog Berlin die ganze Kraft aus der Geschichte. Die Stadt versuchte, im Blick zurück sich selbst zu finden, machte sich mit Erfolg zum Museum des 20. Jahrhunderts und suchte Identität, indem sie immer weiter zurückschritt, die schönen Seiten des Preußentums wiederentdeckte und schließlich das Hohenzollernschloss wieder aufbaute.

Jetzt aber wächst die Stadt wieder. Es gilt, mit allen Kräften Wohnraum zu schaffen. Verdichtung ist das Schlagwort des Jahres und wird es bleiben. Nicht erst bis 2030 soll die Stadt um eine Viertel Million Bewohner zulegen, wie noch vor einem Jahr im Wachstumsbericht des Senats berechnet, sondern es könnte schon in vier Jahren so weit sein.

Das ist trotz aller Probleme ein glücklicher Umstand. Die Stadt leidet unter dem Entdichtungswahn, mit dem bis in die Achtzigerjahre hinein entkernt und entflechtet, für Licht, Luft und Raum gesorgt wurde. Dann hatte man von den neu geschaffenen breiten Avenuen plötzlich genug, empfand die grünen Schneisen zwischen den modernen Wohnriegeln nicht mehr als gesund, sondern als trist und menschenfeindlich. Städtische Dichte, über Jahrhunderte Inbegriff von Armut und Hygienemängeln, wurde in dem Moment wieder zum sozialen und ästhetischen Ideal, als man die Stadt ökonomisch nicht mehr brauchte, weil sich die Vergesellschaftung des Menschen ins Internet verlagert hatte. Je mehr unsere soziale Vernetzung im digitalen Raum unkontrollierbare und beängstigende Ausmaße annimmt, umso wohltuender erscheint uns das Gedränge in der Stadt. Seitdem werden in Berlin die Straßen zurückgebaut auf ihre frühere Enge, die Blockränder wiederhergestellt, die Menschenströme gestaucht, die Verkehre wieder durchmischt.

Wo Dichte und Weite zusammenkommen

Das ist gut, aber kein Allheilmittel. Zum Wesen Berlins gehört der Wechsel von extremer Dichte und Weite. Noch immer spürt man in ihren Brachen die Grenzen, auf die die Stadtentwicklung stieß, als sie sich nach der Gründerzeit in die Äcker und Wiesen fraß. Fünfstöckig waren die Mietskasernen und plötzlich war Schluss, die Stadt am Ende, übergangslos an die weiten Felder stoßend. Diese harte Stadtkante wiederholt sich in den Schneisen, die der Krieg in die Stadt schlug, und die die Teilung, bisweilen auch der bloße Verkehr hinterlassen haben. Riesige Flächen für nicht mehr benötigte Infrastruktur wie der ehemalige Schlachthof in Lichtenberg oder das Reichsbahnausbesserungswerk in Friedrichshain sorgen für Perspektiven auf die Stadt, als schaute man, wenn man nur intensiv genug hinsieht, von der See aus auf die Häuserfronten. So, wie der Maler Werner Heldt die Stadt nach dem Krieg sah: „Berlin am Meer“.

Soll die Kunst, Berlin stadträumlich weiter zu verdichten, gelingen, dann wird sie darin bestehen, das nur punktuell, dafür aber radikal zu tun, und an anderen Stellen die klaffende Weite zu belassen, die Berlin so außerordentlich macht und hier für Möglichkeitssinn, für ein Gefühl von Zukunft und neuen Chancen für den Einzelnen sorgt.

Es gehört noch immer zu den erhebendsten Stadterlebnissen, vom RAW-Gelände aus über die Warschauer Brücke zu gehen, weit über die viele Gleise zum Ostbahnhof nach Mitte hinüberblickend wie über die ganze Stadt, über die Metro, das Berghain, die Konzertarena hinweg, vorbei an den unaufhörlichen Menschenströmen, die in solcher Dichte über die Brücke ziehen, als ginge man durch das Berlin der Zwanzigerjahre, unter sich die Gleise so vieler Bahnlinien, neben sich das filigrane Stahlgerüst des U-Bahnhofs, dann über die Oberbaumbrücke den Strom der Spree und deren Schiffe querend, über sich nun das Donnern der U-Bahn, unter sich das Wasser, um dann endlich am Schlesischen Tor einzudringen in die hier wirklich ganz betörende Enge der Stadt. Weite Stadt der Verkehrsströme, dichte Stadt der Wohnungen und Gasthäuser – hier kommt beides zusammen mit elementarer Wucht.

Unverhofft großartig ist aber auch der Gang vom Kanzleramt zum Hauptbahnhof über die inzwischen ganz aufgeräumte Leere. Zumal nach Anbruch der Dunkelheit, wenn ringsum in der Ferne alle Lichter angeschaltet worden sind, und man mit den wenigen Passanten allein ist auf weiter Flur, ganz weit weg, aber umschlossen von der Stadt, die auf Teufel komm raus geschäftig tut. Hier aber ist es still. Hier ist noch Platz. Für was auch immer.

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