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Didi Hallervorden: Wer stehen bleibt, hat schon verloren

„Ich sorge dafür, dass ich das, wozu ich mich verpflichtet habe, auch leisten kann. Selbst wenn ich schwimme, gucke ich auf die Uhr, ob das nun lange genug war. Ich bin ein unheimlich fleißiger Mensch.“

„Ich sorge dafür, dass ich das, wozu ich mich verpflichtet habe, auch leisten kann. Selbst wenn ich schwimme, gucke ich auf die Uhr, ob das nun lange genug war. Ich bin ein unheimlich fleißiger Mensch.“

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Universum Film / DerDehmel

Es ist ein bisschen wie in der Geschichte vom Hasen und dem Igel. Kaum hat Dieter Hallervorden die Bühne betreten, sind die Lacher schon da. Sie sitzen im Parkett und glucksen, bevor ein einziges Wort gefallen ist. Dabei kommt er ganz schlicht aus der Kulisse, kein Stolpern, kein Ausrutscher, nicht einmal ein Augenrollen. Er sieht einfach nur aus wie ein alter West-Berliner Rechtsanwalt. Dunkelrotes Jackett, Hemd und Hose blass wie Sand, gestreifte Krawatte, schwarze Slipper. Ein Biedermann, kein Clown.

Hallervorden steht da und wartet, bis sich das Publikum im Schlosspark Theater in Steglitz beruhigt. Dann fängt er an. Zerlegt eine wahnwitzige Textmasse in gut verständliche Portionen, kaum, dass er mal in seine Notizen blickt. Schwächt den Monolog nicht durch Übertreibung, sondern baut der Sprache ein Podest. Knapp zwei Stunden lotst Hallervorden die Zuschauer durch die Verästelungen deutscher Gesetzestexte. Durch die Bundes-Rasenmäherverordnung, das Erben und Vererben vor und nach dem Ableben, das Bundesseuchengesetz und Eigentumsfragen wie die, wem der Schnee auf dem Autodach gehört. Der Juristen-Jargon ist Dadaismus pur. Das Stück „Am achten Tag schuf Gott den Rechtsanwalt“, geschrieben von Werner Koczwara, verlangt den Zuschauern einiges ab.

Apfelsaft beim Italiener

Als Rausschmeißer gibt es ein paar Witze. Einer geht so: „Schreibt das Gericht: ‚Frau X. hat entbunden und kann wieder geladen werden.‘ Kommt Frau X. mit ihrer Freundin zur Verhandlung: Fragt der Richter die Freundin: ‚Haben Sie auch eine Ladung bekommen?‘ – ‚Nee, mich hat er bloß begrapscht.‘“ Das Publikum wiehert. Es kommt zu Hallervorden, weil es lachen will, und es bekommt, wofür es bezahlt. Einen Unterhaltungsabend, an dessen Ende es in guter Stimmung nach Hause geht.

Nach der Vorstellung verlässt Hallervorden seine Garderobe so unauffällig wie ein Techniker, der kurz mal die Scheinwerfer repariert hat. In dunkelblauer Fleece-Jacke und Sportschuhen, eine große Tasche über der Schulter, strebt er ein italienisches Restaurant gegenüber an. Das Theaterpersonal soll pünktlich nach Hause gehen. Nicht auch noch warten müssen, weil der Intendant ein Interview gibt. Das tut er oft in letzter Zeit, es strengt ihn an, er macht keinen Hehl daraus. Also raus aus dem Schmuckkästchen mit seinen verzierten Kassettendecken im Foyer, den rot und blau leuchtenden Wandelhallen und dem holzgetäfelten Saal mit den sanft ansteigenden Zuschauerreihen.

Dieter Hallervorden hat das Theater im Herbst 2009 nach langem Dornröschenschlaf wiedereröffnet. Es ist sein „absolutes Herzensprojekt“, sagt er, ein Privattheater, das mit 230 000 Euro pro Jahr an öffentlichen Zuschüssen auskommen muss. Hallervorden, das erzählt er unterwegs, spielt ohne Gage, auch seine Arbeit als Intendant und Regisseur leistet er ohne Honorar. „Das können Sie ruhig schreiben.“ Von außen leuchtet das klassizistische Palais wie ein Zauberschloss aus einem Disney-Film, und das in einer Gegend, die vor allem durch ihre brachiale Verkehrsführung auffällt.

Kein Vielredner

Hallervorden verströmt die Ungeduld eines Machers, wortreiche Konversation ist seine Sache erst einmal nicht. Der Kellner bringt unaufgefordert ein Brett mit duftendem Fladenbrot. Hallervorden rührt es nicht an. Nicht auch noch Zeit verlieren beim Essen. Er bestellt Apfelsaft. Um die Gegenwart soll es gehen, nicht um die Geister der Vergangenheit, die er längst hinter sich gelassen hat. Wie Didi, seine Kunstfigur, mit der er in den Siebzigerjahren berühmt wurde.

In den goldenen Jahren des Fernsehens, als die ARD seine Serie „Nonstop Nonsens“ ausstrahlte. Didi, der Tollpatsch mit den knallbunten Kostümen, die so nach Faschingsball im Turnverein aussahen, Didi, der Chaos hinterließ, wo immer er aufkreuzte, wuselt noch immer durch das kollektive Bilder-Gedächtnis der Westdeutschen jenseits der Fünfzig. Muss er gegen den Schatten anspielen? Dieter Hallervorden wehrt ab: „Um das klar zu machen, ich verbringe jetzt meine Zeit hier nicht, um über Dinge zu reden, die vierzig Jahre zurückliegen.“ Reden wir also über den Film, der am Donnerstag ins Kino kommt, „Sein letztes Rennen“. Es ist sein erster Film seit zwanzig Jahren. Angebote gab es, erzählt Hallervorden, aber hier kam endlich ein „Drehbuch mit Sinn und Verstand“.

Von den Berliner Litfaßsäulen blickt er dieser Tage herab wie ein Werbeträger für Sportkleidung im Retro-Look. Mit quietscheentengelber Trainingsjacke, blauem Stirnband über dem mächtigen Schädel und einem wuchernden Bart sieht er aus wie ein Althippie aus einem kalifornischen Trailerpark. Aber Hallervorden spielt keinen Aussteiger. Sondern einen Marathonläufer, der es noch mal wissen will. Einen „absoluten Kämpfer“ sagt Hallervorden. Einen wie ihn. Hallervorden sagt es ein wenig gewunden: „Ich empfinde es so, dass ich in weiten Teilen mich selbst spiele, weil ich mich mit der Rolle total identifizieren kann. Das war schon beim ersten Lesen des Drehbuchs so. Ich wusste, das ist meine Rolle. Die Wesenszüge des Paul Averhoff sind mir zu einem hohen Prozentsatz auch eigen.“

"Immer mindestens einmal mehr aufstehen"

Normalerweise unternehmen Schauspieler in Interviews alles, um die Distanz zwischen sich und der Figur zu betonen – er macht das Gegenteil. Er will, dass man ihn, Hallervorden, in Paul Averhoff erkennt. Er will gerade nicht verschwinden hinter seiner Figur. Deshalb verteidigt er Paul Averhoff gegen jede Deutung, die seiner eigenen zuwiderläuft, als wäre er persönlich getroffen.

Ist dieser Marathonläufer Paul Averhoff nicht doch ein sehr auf sich bezogener Mensch? Fast autistisch? „Da muss ich widersprechen“, unterbricht Dieter Hallervorden. „Autistisch sehe ich ihn gar nicht. Er sagt nur: ‚Ich lasse mich nicht von anderen Leuten fremdbestimmen. Ich bestimme selber, wie ich leben will.‘ Und nebenbei ist es ja auch ein großer Liebesfilm, er empfindet eine unendliche Liebe zu seiner Frau, ist also alles andere als autistisch.“

Dieser Paul Averhoff ist ein fiktives Urgestein des Sports. Ein ehemaliger Olympiasieger, 1956 in Melbourne, weißt du noch. Seinen Traum, noch einmal den Berlin-Marathon zu laufen, will er sich von niemandem nehmen lassen. Schon gar nicht von wohlmeinenden Sozialarbeitern, die ihren scheinheiligen Sadismus an den Patienten auslassen. Paul Averhoff, weit über siebzig, findet sich nicht mit der Bevormundung ab. Kastanienmännchen basteln und Herbstlieder singen? Ohne ihn. Er packt seine Laufschuhe aus, umrundet den Park, schnaubend und viel zu schwer. Aber er nimmt es mit einem jüngeren Pfleger auf – und schließlich trainiert ihn seine Frau, so wie früher, mit der Stoppuhr in der Hand. Auch nach ihrem Tod gibt er nicht auf.

Darum geht es Hallervorden. Ums Weitermachen. „Wer stehen bleibt, der hat schon verloren“, sagt Averhoff im Film. „Immer mindestens einmal mehr aufstehen als hinfallen“, sagt Hallervorden beim Italiener in Steglitz. Mit Marathon-Läufern hat er sich bei den Vorbereitungen nicht beschäftigt. „Ich muss ja auch nicht den Friseurberuf lernen, um im Film jemandem die Haare zu schneiden.“ Aber von der Euphorie der ersten Strecken, den Mühen der Ebene und den Hochgefühlen auf der Zielgeraden, davon weiß er etwas.

Die faulen Theaterkritiker

Er ist das, was man früher einen Selfmademan nannte. In seiner Autobiografie „Wer immer schmunzelnd sich bemüht“ kann man es nachlesen, mitsamt der Kränkungen und dem Durchhaltevermögen, die zur Karriere eines ehemaligen „Nobodys“ gehören. So nennt Hallervorden seinen Status im West-Berlin der frühen Sechzigerjahre. 1958 reiste er aus dem Osten Berlins in den Westen der Stadt, mit einem nicht abgeschlossenen Romanistik-Studium. Zum Theaterspielen kommt er über einen Aushang am Schwarzen Brett der Freien Universität. Eine französischsprachige Theatergruppe wird ihm Zuflucht vor der Einsamkeit. Er will es richtig lernen – und fällt bei der Aufnahmeprüfung am Max-Reinhardt-Seminar durch. „Mangels Begabung“, sagt ihm Hilde Körber ins Gesicht. Die private Schauspielschule Marlies Ludwig nimmt ihn an; sein anhaltinischer Dialekt – geboren wurde Hallervorden 1935 in Dessau – hatte die Lehrerin zu Lachtränen gerührt.

Nach Zwischenspielen, darunter bei der Tribüne, gründet Hallervorden zusammen mit den Schauspielern Rotraud Schindler und Wilfried Herbst das Kabarett Die Wühlmäuse. Seit fünfzig Jahren kommt es ohne Subventionen aus, darauf ist er stolz. Die Wühlmäuse sind längst Arena bekannter Kabarettisten, aber in den Anfangsjahren waren sie manchmal froh, wenn „unten doppelt so viele Menschen saßen wie auf der Bühne standen“, schreibt Hallervorden.

Er kennt das alles, die Ochsentour mit Soloprogrammen durch die Provinz, das Klinkenputzen bei den Sendern, die Theaterintrigen, die Alkohol-Abstürze nach Premieren. Wenn Hallervorden seine „Lebensphilosophie“ schildert, klingt das im Gespräch wie eine einzige Selbstermutigung: „Sich nie unterkriegen lassen, weiterkämpfen, egal, ob man belächelt oder bekrittelt wird, sein Ziel nie aus den Augen verlieren.“ So spricht keiner, der sich innerlich zur Ruhe gesetzt hat, wie auch, das Schlosspark-Theater hat auch in der fünften Spielzeit noch nicht die nötige Platzauslastung von 70 Prozent. Die Theaterkritiker, klagt Hallervorden, lassen sich manchmal nicht einmal bei Uraufführungen von einem Autor wie Eric-Emmanuel Schmitt sehen.

Hallervorden liebt das Theater, wenn auch nicht das der Regisseure. Auch weil sein jüngster Sohn, gerade 15 Jahre alt, mit dem Beruf liebäugelt und schon in Filmen mitspielt, sieht er sich mit ihm vieles auf den Berliner Bühnen an. Nun ist er in Fahrt:„Im Theater muss ein Schauspieler den großen Bogen spielen können, er muss über neunzig oder hundert Minuten die Spannung halten können.

In dem Moment, wo das Wort dem Mund entfleucht, da gilt es, und die Zuschauerreaktion versucht man direkt einzufangen. Alles andere ist doch Stückwerk“, sagt er. „Beim Fernsehen und beim Film, da wird alles verhackstückt, da kann man eine Szene zehn oder zwölf Mal drehen, bis man dann endlich die Fassung hat, die man haben wollte. Im Theater geht das nicht. Die Bühne verlangt eine sehr viel größere Konzentration und sehr viel mehr Vorbereitung, und ist eigentlich für den Zuschauer der ehrlichere Genuss. Weil man dabei ist, während es entsteht.“

Der Zukunft zugewandt

Die Bühne ist ein Wunder, aber manche Kamerafrau ist es auch. Hallervorden schwärmt von Judith Kaufmann, die ihm mit einem bloßen Nicken bei den oft sehr emotionalen Szenen von „Sein letztes Rennen“ geholfen hat. Ihr Kamera-Blick verleiht dem alten Läufer bei aller Vehemenz etwas Zartes. Da ist noch etwas anderes als pure Disziplin. Manchmal eine fast kindliche Verzweiflung, wenn ihm übel mitgespielt wird. Das Publikum wird Paul Averhoff vielleicht gerade deswegen mögen. Und Hallervorden gleich mit.

„Ich bin ein sehr großer Pflichtmensch“, sagt der. „Ich sorge dafür, dass ich das, wozu ich mich verpflichtet habe, auch leisten kann. Selbst wenn ich schwimme, gucke ich auf die Uhr, ob das nun lange genug war. Ich bin ein unheimlich fleißiger Mensch.“ Das Alter hält er sich, so gut es geht, vom Leib. Überhaupt sind Pflege und Altenheim oder auch das gesellschaftsfähigere Reden übers Wohnen im Alter nichts, was ihn über den Film hinaus bewegt. Alten-WG, Mehrgenerationen-Haus? Wohl eher nicht.

„Ich bin ein sehr großer Individualist, ich gehe da bestimmt eigene Wege“, er. „Ich bin sehr der Zukunft zugewandt. Ich beschäftige mich mit solchen Dingen in dem Moment, wo so etwas eintritt. Aber ich hänge nicht verzagt herum, weil das Ende des Lebens bei mir näher liegt, als wenn ich zwanzig wäre.“

Er ist nun 78 Jahre alt, seit den Dreharbeiten läuft er fünfmal in der Woche eine halbe Stunde am Stück. Er isst viel Obst und Gemüse, trinkt keinen Alkohol. Er segelt, surft, läuft Wasserski, vor allem wenn er im Sommer auf seinem Eiland vor der bretonischen Küste wohnt. Eines unterscheidet ihn gründlich von Paul Averhoff: „Ich würde nie in meinem Leben einen Marathon laufen.“