Neuer Inhalt

Die Macht der Bürger: Wie die Lichtenberger ihre Finanzen selbst in die Hand nehmen

Die Landsberger Allee in Berlin-Lichtenberg.

Die Landsberger Allee in Berlin-Lichtenberg.

Foto:

imago stock&people

Ronny Schuster-Kalis hat an diesem Vormittag gar nicht Fußball gespielt, trotzdem fühlt er sich wie ein Sieger. Der große sportliche Mann geht über den Rasen des Fußballplatzes an der Dolgenseestraße 42 in Friedrichsfelde. Auch wenn die Halme aus Kunststoff bestehen, heben sie sich wohltuend vom Grau der Bäume ab. Den Platz mit den gelben Markierungen, neuen Toren und Ballfangzäunen würde es so nicht geben, hätte sich der 40-Jährige nicht dafür engagiert, dass er am Rand des Geländes vom Sportverein SV Bau-Union gebaut wird.

Doch das war ein langer Weg. Sein Sohn, der heute 12 Jahre alt ist, hatte 2009 im Verein mit dem Fußballspielen begonnen. „Ich habe mich gewundert, warum so viele Jugendmannschaften abgemeldet werden mussten. Auf dem großen Fußballfeld nebenan war einfach kein Platz für alle, und die Trainingszeiten begrenzt“, sagt Schuster-Kalis.

Das kleine Feld jedoch hatte nur einen roten Schotterbelag, in den Mulden sammelten sich bei Regen Wasserlachen an, Unkraut wucherte. Meist konnte das 50 Meter lange und 25 Meter breite Spielfeld nicht genutzt werden. Auch nicht von den vielen Nachbarn aus dem Kiez, die auf dem Sportgelände joggen. „Das fand ich schade.“ Den Schotterplatz kennt Schuster-Kalis schon aus seiner Kindheit. Zu DDR-Zeiten wurde hier immer eine Eisbahn gespritzt, nach der Wende wurde das aus Sicherheitsgründen eingestellt.

10.000 Lichtenberger diskutieren mit

Damit die Kinder einen neuen Platz bekommen, sprach Schuster-Kalis mit dem Vereinsvorstand, doch die geschätzte Summe von 100.000 Euro war nicht zu finanzieren. Auch aus dem Kiezfonds – jeder der 13 Ortsteile in Lichtenberg erhält pro Jahr 7000 Euro für kleinere wie die Verschönerung von Spielplätzen oder Hoffeste – war die Sanierung nicht möglich.

Wie es gehen könnte, erfuhr er bei einem Kiezspaziergang mit dem damaligen Bürgermeister Andreas Geisel (SPD), heute Bausenator. Am Rand erhielt er den Tipp, es über den Bürgerhaushalt zu versuchen. Bürgerhaushalt? Davon hatte Schuster-Kalis noch nichts gehört. „Ich habe mich informiert und alles ausgearbeitet.“ Am 25. Februar 2013 hat er seinen Antrag unter dem Titel „Kunstrasen statt Schotterplatz mit Toren ohne Netze“ eingereicht.

Einen Bürgerhaushalt gibt es in Lichtenberg seit zehn Jahren. Es war der erste Bezirk, wo die Einwohner über einen Teil des Haushalts mitbestimmen dürfen. Zwar steht nicht der gesamte Etat von knapp 700 Millionen Euro zur Debatte, weil das meiste Geld für Sozialleistungen, Personal und Bürogebäude ausgegeben wird. Zumindest aber für die gut 30 Millionen Euro, die der Bezirk zum Beispiel auf Bibliotheken, Senioreneinrichtungen, Kultur, Straßen und Parks verteilen kann, sind die Ideen der Lichtenberger gefragt.

403 Vorschläge wurden bisher umgesetzt, 86 sind im laufenden Verfahren. 286 wurden abgelehnt, weil sie keine Mehrheit fanden oder unrealistisch waren. „Wenn jedes Jahr mehr als 10.000 Menschen beim Bürgerhaushalt mitdiskutieren, sind das mehr, als sonst in der Kommunalpolitik erreicht werden“, sagt Vizebürgermeister Andreas Prüfer (Linke).

Am Ende stimmen alle ab

Ronny Schuster-Kalis’ Fußballplatz war zu teuer, um sofort vom Bezirksparlament beschlossen zu werden. Der Vorschlag wurde an das Begleitgremium zum Bürgerhaushalt geleitet, in dem Fachämter und Bürger sitzen. „Im März 2014 habe ich meinen Vorschlag präsentiert. Das Gremium fand ihn gut.“ Nun stand er kurz vor der Zielgerade.

Denn der Vorschlag wurde schließlich im Mai 2014 mit 17 weiteren zur Abstimmung gestellt. Nun durften alle Lichtenberger entscheiden, welche Bürgervorschläge umgesetzt werden sollen. „Ich habe Flyer gedruckt und verteilt, Aushänge am Supermarkt und beim Friseur angebracht“, erzählt der 40-Jährige. Alles neben seiner Arbeit bei Siemens in Spandau. Auch lokale Vereine verteilten seine Flyer. „Eine Eigendynamik hat sich entwickelt. Wir konnten ja online sehen, wo wir und die anderen stehen. Ob wir noch mehr machen müssen.“

1536 Stimmen hat Ronny Schuster-Kalis Projekt erhalten, Platz vier in der Rangliste. Damit war die Umsetzung gesichert. Im Frühjahr 2015 rückten die Baumaschinen an, im Herbst war der Platz für etwa 220.000 Euro gebaut. Sechs Jahre vergingen von der Idee bis zur Umsetzung. Nicht zu viel, findet Ronny Schuster-Kalis. „Ich will den Leuten sagen, dass sie etwas verändern können, wenn sie es versuchen.“ Wenn er eine neue Idee hat, will er wieder den Bürgerhaushalt nutzen.


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?