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Die McKinsey-Chefin über die Start-up-Szene: "Berlin hat andere Kinderkrankheiten"

Als Physikerin fand Katrin Suder keinen Job. Bei McKinsey bekam sie eine tolle Chance, wie sie sagt.

Als Physikerin fand Katrin Suder keinen Job. Bei McKinsey bekam sie eine tolle Chance, wie sie sagt.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Katrin Suder hat einen festen Händedruck, ein offenes Gesicht. Sie erzählt sofort von den Beschwerden, die man als Hochschwangere hat, nur um sich im nächsten Moment darüber lustig zu machen. Sie lacht gern. Über ihrem Schreibtisch im Büro mit Blick auf den Kurfürstendamm steht: „No-thing in life is to be feared, only to be understood.“ (Man muss nichts im Leben fürchten, nur verstehen.) Das Zitat stammt von Marie Curie, eine Physikerin, wie Suder.

Sie hat für McKinsey eine Studie über die Chancen von Berlin als Start-up-Metropole geleitet. Berlin könnte zur führenden Gründer-Metropole Europas werden, Hunderttausend neue Jobs bis 2020 in Unternehmen schaffen, heißt es darin.

Mal ehrlich, Frau Suder, ist der Hype um die Start-up-Szene nicht übertrieben?

Wenn Sie sich anschauen, wie viele Arbeitsplätze, wie viele Firmen bereits entstanden sind, kann man von einer relevanten Szene sprechen. Seit 2006 ist die Zahl der Gründungen um acht Prozent pro Jahr gestiegen, das ist ein Spitzenwert in Deutschland. Der Hype hilft, weil er große Firmen anzieht, die hier an neuen Ideen basteln lassen.

Nennen Sie ein Unternehmen in Berlin, das es mit Google oder Facebook aufnehmen könnte.

Da muss ich leider passen. Fairerweise muss man sagen, dass auch kein Start-up in Tel Aviv oder London es mit Facebook oder Google aufnehmen kann. Ich sehe aber Potenzial, etwa beim Online-Versand Zalando, der inzwischen eine Milliarde Euro umsetzt. Auch Start-ups wie ResearchGate und SoundCloud haben sehr vielversprechende Geschäftsmodelle.

Die Samwer-Brüder, denen Zalando gehört, sind dafür bekannt geworden, dass sie die Ideen anderer Unternehmen klonen. Soll Ideenklau die Stadt wirklich retten?

Wenn das Geschäftsmodell dauerhaft funktioniert, ist gegen das Weiterentwickeln anderer Ideen nichts einzuwenden. So sind schon viele Unternehmen entstanden. Aber wir haben auch andere Bereiche wie die Medizintechnik, für die Berlin gute Voraussetzungen und erste Erfolgsgeschichten mitbringt.

Zalando ist wegen Dumpinglöhnen in der Kritik. Braucht die Hartz-IV-Metropole Berlin nicht eher gutbezahlte Arbeitsplätze?

In jungen Unternehmen entstehen auch höherwertige Arbeitsplätze, im Management zum Beispiel. Gesucht werden auch Mitarbeiter, die ein Geschäftsmodell in andere Länder exportieren.

Anders als viele, die Berlin jetzt mit dem Silicon Valley vergleichen, haben Sie selbst dort mal gearbeitet.

Ich habe vor 20 Jahren in San Diego in einem Medizinunternehmen gearbeitet. Dort habe ich alles gemacht, vom Lager bis zur Programmierung. Das war kulturell sehr anders. Dort wurden sogar Achtzigjährige eingestellt, wenn sie die gesuchte Qualifikation hatten. Sozialauswahl ist den Amerikanern fremd. Es gab viel weniger Regeln, viel mehr Risikobereitschaft. In Deutschland existiert diese Risikokultur selten, und wenn, dann mit regionalen Unterschieden. Ich habe in Aachen Physik studiert. Dort wurde schon zu Anfang an spätere Patente gedacht. Das war völlig anders als an der TU Berlin, wo ich auch ein Semester verbrachte. In Berlin ging es eher um Grundlagenforschung.

Warum sind Sie nicht in Kalifornien geblieben?

Während des Studiums habe ich viel Theater gespielt in der Gruppe „Der poetische Anfall“. Auf der Bühne zu stehen, hätte ich mir damals in den USA nicht zugetraut.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum zwar viele Kreative nach Berlin kommen, aber doch relativ wenig eigene Ideen zustande kommen?

So wenige sind es nicht. Das Silicon Valley hat Jahrzehnte gebraucht, um zu dem zu werden, was wir heute kennen. Im Vergleich dazu hat Berlin eine sehr junge Szene, die erfolgreich gestartet ist. Wir von McKinsey haben uns fünf konkrete Maßnahmen überlegt, wie wir das Potenzial weiterentwickeln können. Dazu gehören ein Start-up-Fonds, ein Gründercampus, eine bessere Willkommenskultur und verbesserte Anreizsysteme für Hochschulmitarbeiter, damit sie eigene Firmen gründen. Wir haben dem Senat den Aufbau einer Task Force von zehn Mitarbeitern nach dem Vorbild Londons empfohlen, die an der Umsetzung der Vorschläge arbeitet und den Erfolg misst.

Viele der Maßnahmen, die Sie vorschlagen, existieren schon. Feiern die Leute doch lieber im Berghain, als neue Ideen auszutüfteln?

Feiern und tüfteln schließen sich nicht aus, auch im Valley wird gefeiert. Berlin leidet an anderen Kinderkrankheiten. Zum Beispiel sind etliche der neu gegründeten Firmen nicht überlebensfähig und müssen nach kurzer Zeit liquidiert werden. Diese Quote ist höher als in München oder Hamburg. Ich habe mit vielen Unternehmern gesprochen: Sie haben Ehrgeiz, gute Ideen, wollen groß werden, aber ihnen fehlen Geld, Coaching-Angebote, Unterstützung – all das, was es im Valley schon seit Jahrzehnten gibt.

Wie sind Sie zu McKinsey gekommen?

Das war eher Zufall. Ich habe nach der Promotion zunächst keinen Job gefunden. Ich hatte mich bei vielen großen Unternehmen vergeblich beworben, galt aber als „überqualifiziert“. Bei McKinsey erhielt ich dann eine tolle Chance.

Mal ein Gedankenspiel: Wenn Berlin keine Stadt wäre, sondern Ihr Mitarbeiter, was würden Sie empfehlen?

Um zu bewerten, wo ein Mitarbeiter steht, betrachten wir zweierlei: „Skill“ und „Will“. Auf Deutsch: Was kann er, was will er. Bei beidem ist Berlin bereits einen weiten Weg gegangen. Die Stadt hat die alte Haltung abgelegt, sich im Empfang von Transferleistungen einzurichten. Mir fiel beim Wahlkampf 2011 auf, dass sich erstmals alle Parteien in dieser Frage einig waren. Nun zum Können. Da könnte einiges besser laufen. Ich empfehle: Fokussieren, Kräfte bündeln, groß denken. Die Stadt kann nicht auf allen industriellen Feldern gewinnen, aber in einigen wichtigen, wie Digital-, Medizin- und Biotechnik.

Was soll man aber mit einer Stadt anfangen, die es nicht mal hinkriegt, einen Flughafen zu bauen?

Auch in anderen Städten funktionieren nicht alle Großprojekte wie geplant. Nach unseren Analysen beträgt bei Großprojekten die durchschnittliche Kostenüberschreitung in der Regel immer knapp 80 Prozent.

Passt der Spruch „Arm, aber sexy“ noch zu Berlin?

Vor fünf, sechs Jahren war er identitätsstiftend, inzwischen hat er ausgedient. Der Regierende Bürgermeister nutzt ihn meines Wissens auch nicht mehr.

Ist Berlin nicht so eine Art Flaschensammler unter den Städten, schluffig, überschuldet? So einen würden Sie doch nie bei McKinsey haben wollen?

Ich mag die Stadt, wie sie ist, mit allen ihren Macken und Narben. Ich bekomme mein zweites Kind hier, und ich möchte in der Stadt wohnen und arbeiten können. Natürlich ist nicht alles perfekt. Aber ich weiß aus meiner Erfahrung als Trainerin von Jugendlichen, dass man Spitzenleistungen nicht erreicht, in dem man den Menschen sagt, sie schaffen es sowieso nicht. Genauso ist es mit Berlin. An unserer Studie haben über 30 McKinsey-Kollegen mitgearbeitet, weil auch sie die Stadt lieben und etwas verändern wollen.

Motivation ist gut, aber es wird auch viel heiße Luft produziert. 2008 hat Wowereit zum Beispiel gesagt, die Designer Berlins werden die Unternehmen Berlins beliefern. Davon merkt man wenig.

Berlin hat die jahrzehntelange Teilung zu verarbeiten, das dauert. Um die Stadt voranzubringen haben wir von McKinsey uns überlegt, womit Berlin in Europa besonders gut oder sogar führend werden kann. Dazu zählt die Gründerszene.

Nehmen wir mal an, die Start-ups werden so erfolgreich, wie Sie sagen. Inwieweit profitieren die ärmeren Menschen davon?

Wenn Geld und Einkommen in Bezirke fließen, kommt der sogenannte Sekundäreffekt zum Tragen. Ich gehe einkaufen, ich lasse mir die Haare schneiden, ich gehe zum Arzt, ich nutze jede Menge Dienstleistungen und davon lebt wieder jemand.

Berlin muss doch diametral zu den Vorstellungen einer McKinsey-Frau stehen, weil es keine effiziente Stadt ist.

Effizienz hilft, ist aber kein Allheilmittel. Vor allem nicht, wenn wir über Innovationen sprechen. Die Unternehmen kommen ja nach Berlin, weil sie hoffen, dass hier noch etwas Neues gedacht wird. Mir gefällt, dass man in Berlin herumlaufen kann, wie man will, man muss nicht immer Anzug oder Kostüm tragen. Ich will weiterhin einkaufen gehen können, ohne mich schick machen zu müssen.

In den USA sind viele Frauen Technik-Vorstände, wie ist das in Deutschland?

Beim Gründer-Frühstück im Roten Rathaus kamen vielleicht 10 bis 15 Prozent Frauen.

Facebook-Vorstand Sheryl Sandberg hat in ihrem Bestseller „Lean In“ geschrieben, dass man sich als Frau reinhängen muss, jeden Job machen soll. Wie kommt man nach oben?

Das muss jede Frau für sich selber entscheiden. Meine persönliche Philosophie ist, das zu machen, was mir Freude bereitet und was meiner Leidenschaft entspricht. Es gibt den Eindruck, dass Frauen zu naiv, zu unstrukturiert und zu wenig strategisch an ihre Karriere herangehen. Daran ist etwas Wahres. Schwierig wird es, wenn Kinder dazukommen. Dann braucht man sehr viel Humor. Da haben wir als Gesellschaft noch einen riesigen Reformbedarf.

Sie sind als Beraterin viel unterwegs, wie kriegt man das mit einem Kleinkind hin?

Ich bin nach der Geburt meines ersten Kindes drei Monate zu Hause geblieben und fand das toll. Mit einem Jahr kam meine Tochter in die Kita. Inzwischen versuche ich, in der Woche nicht länger als eine Nacht weg zu sein. Meine Partnerin und ich sind in der glücklichen Lage, uns eine Nanny leisten zu können.

Sie wohnen in Mitte an der Grenze zu Kreuzberg, einer alternativen Ecke. Werden Sie angefeindet, wenn Sie sagen, dass Sie bei McKinsey arbeiten?

Ich bin noch nie angefeindet worden. Ich fahre aber auch kein Luxusauto, sondern ein dänisches Lasten-Fahrrad. Diese Räder sind sehr praktisch, man hat das Kind gut im Blick. Leider werden sie sehr oft geklaut.

Interview: Sabine Rennefanz



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