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Diebesgut: Kaffee unter Verschluss

Fragen Sie Ihren Verkäufer: In Berlin schließen Supermärkte ihr Kaffeesortiment weg, um sich vor Dieben zu schützen.

Fragen Sie Ihren Verkäufer: In Berlin schließen Supermärkte ihr Kaffeesortiment weg, um sich vor Dieben zu schützen.

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Gerd Engelsmann

Der neueste Trend ist Kaffee, meist ganz normaler Filterkaffee, gemahlen und vakuumverpackt, in der 500 Gramm Packung, für etwa fünf Euro. Den lassen sie mitgehen, die Diebe im Supermarkt und deshalb verschließen immer mehr Märkte ihr Kaffeesortiment hinter Gittern oder Plexiglasscheiben. Kunden müssen die Verkäufer ansprechen, wenn sie Kaffee kaufen wollen.

Derzeit wird so oft wie noch nie zuvor Kaffee aus Berliner Supermärkten gestohlen. „Wir haben Kaffee in großen Mengen verloren“, sagt etwa Tobias Tuchlenski, der Regionalmanager für Berlin/Brandenburg der Kette Kaiser’s Tengelmann. Er spricht von aktuell „mehreren 100 000 Euro Schaden“.

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Auch andere Discounter und Supermärkte, darunter Edeka und Reichelt, halten ihren Kaffee wegen zunehmender Diebstähle nun immer häufiger unter Verschluss. Oder sie stellen, wie bei Rewe, weniger Packungen in die Regale. Die Verkäufer müssen über den Tag ständig neue Packungen in die Regale räumen. „So machen wir es den Dieben schwer und stellen trotzdem das Angebot für unsere Kunden sicher“, sagt Stephanie Maier, die Rewe-Sprecherin für die Region Ost.

Die Diebe sind keine Einzeltäter, die mal ein Päckchen Kaffee mitgehen lassen. Angestellte in Berliner Supermärkten berichten von organisierten Gruppen, die bis zu 20 Packungen Kaffee auf einmal stehlen, mit vollen Einkaufswagen aus dem Laden gehen, ohne zu bezahlen. Und sie haben einen Trick. Sie sprechen Kassierer und Verkäufer an und fragen, wo bestimmte Waren im Geschäft stehen und wie teuer sie sind. In dieser Zeit schieben die Komplizen die vollen Einkaufswagen aus dem Geschäft. Die Polizei weiß, dass die Diebe den geklauten Kaffee später auf Flohmärkten oder Gastronomen zum Kauf anbieten. Doch viele Wirte lehnen Hehlerware ab, zumal Kaffee nicht zu den besonders teuren Genussmitteln gehört.

Dunkelziffer bei 98 Prozent

Für Supermärkte, Drogerien und etliche andere Geschäfte ist der Schaden enorm. Im deutschen Einzelhandel summierten sich die Schäden durch Diebstahl, die meist erst nach Inventuren festgestellt werden, im Jahr 2012 auf 3,8 Milliarden Euro. So steht es in einer Studie des Kölner wissenschaftlichen Handelsinstitutes EHI, das seine Ergebnisse zu Inventurdifferenzen im Juni 2013 vorgestellt hat. Für gut die Hälfte dieser Schäden, etwa 1,9 Milliarden Euro, seien unehrliche Kunden verantwortlich. Den eigenen Mitarbeitern werden etwa 800 Millionen Euro angelastet.

Auch wenn die Kriminalstatistik der Polizei einen Rückgang der Ladendiebstähle feststellt, sehen Sicherheitsexperten wie Frank Horst vom EHI keine Entwarnung. „Der Schein trügt“, sagt er. „Ertappt werden nur weniger als zwei Prozent der Ladendiebe. Die Dunkelziffer liege bundesweit bei 98 Prozent. Etwa 30 Millionen Ladendiebstähle mit einem durchschnittlichen Warenwert von je 70 Euro blieben demnach unentdeckt, so die Schätzung.

In Berlin reagieren immer mehr Ladenbesitzer. „Vor allem in Läden mit viel Publikum werden immer häufiger die Waren verschlossen“, sagt Meike Al-Habash, Branchenkoordinatorin für Einzelhandel bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin. „Viele Supermärkte stellen jetzt vermehrt Sicherheitspersonal an ihre Eingänge.“

Manchmal hilft mehr Licht

Die IHK berät Einzelhändler. Sie sollen bei Inventuren analysieren, welche Waren fehlen, und wo sie im Laden stehen. Manchmal reiche es schon, überschaubare Plätze für begehrte Ware zu finden, für mehr Licht im Verkaufsraum zu sorgen und Spiegel an unübersichtlichen Plätzen anzubringen. „Wir raten Einzelhändlern, Kunden, die sich ungewohnt im Laden verhalten, freundlich zu fragen, ob sie Hilfe brauchen. Denn kein Kunde möchte als potenzieller Dieb verdächtigt werden. “ Immer häufiger installieren die Ladenbesitzer auch Videokameras in ihren Geschäften.

An der Kasse eines Edeka-Marktes in Prenzlauer Berg hängen seit einiger Zeit Fotos. Darauf sieht man Männer mit gefüllten Einkaufswagen. Dazu steht ein Text, laut dem sie versucht haben sollen, „mit vollen Einkaufswagen ganz gemütlich durch den offenen Eingangsbereich zu entkommen“. Einmal soll der Wagen gut gefüllt gewesen sein mit Spirituosen, das zweite Mal mit Kaffee.