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Berliner Zeitung | Digitalisierung in Schulen: Berlin kommt beim digitalen Lernen nicht mit
16. June 2015
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Digitalisierung in Schulen: Berlin kommt beim digitalen Lernen nicht mit

30 Millionen Euro hat die Berliner Schulverwaltung seit 2009 in ein dezentrales Computernetzwerk investiert. Nun wurde das Programm gestoppt.

30 Millionen Euro hat die Berliner Schulverwaltung seit 2009 in ein dezentrales Computernetzwerk investiert. Nun wurde das Programm gestoppt.

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Getty Images/iStockphoto

Google, soziale Netzwerke, Online-Handel, Lesen am Smartphone – die digitale Revolution verändert die Welt. Doch die Berliner Schulen ins digitale Zeitalter zu führen, daran ist die Bildungsverwaltung bisher grandios gescheitert. Unter dem klangvollen Namen „eGovernment@school“ wollte sie Schülerdaten zentral erfassen, den Lehrerbedarf schneller berechnen und Daten sicher verschicken. Viel Papierkram und lästige Fahrten zur Schulaufsicht sollten entfallen. Nach mehr als sechs Jahren Arbeit aber hat der Senat die Reißleine gezogen und das IT-Projekt gestoppt.

Alles viel zu komplex

Die seit 2009 bereits entstandenen Kosten summieren sich auf mehr als 30 Millionen Euro. Hunderte Lehrer haben bereits eine Fortbildung erhalten. An den mehr als 700 Schulen sind dezentral Server installiert worden. Der damalige Senator Jürgen Zöllner (SPD) stellte sogar einen eigenen IT-Verantwortlichen ein, weil intern niemand zu finden war. 4 671 Computer und 299 Mini-Server, auch Datacenterboxen genannt, wurden ausgeliefert.

Das dezentrale Konzept sei mit Hinblick auf Datenschutz, Datensicherheit und Betriebsbereitschaft zu komplex gewesen, heißt es in einer internen Auswertung, die der Berliner Zeitung vorliegt. Es habe an Räumen und sicheren Leitungen für die Server gefehlt. Viele Lehrer seien mit der Software der Schulverwaltung unzufrieden gewesen. Die Prüfer des Landesrechnungshofs rügten, es habe kein Controlling und keine Qualitätssicherung gegeben. Konzeption, Entwicklung und Betrieb des IT-Projekts seien nebeneinander hergelaufen.

Nun wird mühsam umgesteuert: Die Bildungsverwaltung arbeitet an einer Lösung mit einem zentralen Server. Betrieben werden soll das Netz mit der Schulsoftware Lusd, die in Hessen bereits läuft, oder mit Zensos, das seit 2013 in Brandenburg und von Juli an auch in Hamburg zum Einsatz kommt. Dass diese Länder schon viel weiter sind als Berlin, zeigte sich jüngst in einem ganz besonderen Fall. Als das Bundeskriminalamt im Internet Fälle von sexuellem Missbrauch entdeckte, wurde „Schulfahndung“ ausgelöst: Alle Schulen bundesweit erhielten das Bildmaterial, um die Opfer identifizieren und so den Täter ermitteln zu können. In anderen Bundesländern wurden die Bilddateien über sichere Datenverbindungen geschickt. In Berlin kam jeweils der örtliche Polizist mit einer Lichtbildmappe vorbei.

Die neueste Software aus Hessen und Brandenburg wurde Schulleitern bereits vorgestellt. Jetzt ist die Frage, was aus den Computern und Mini-Servern wird, die an vielen Schulen ungenutzt herumstehen. Mehrere Schulen haben bereits Bittbriefe an die Verwaltung geschrieben, sie wollen die Geräte als leistungsfähige Schulserver behalten. Die in Berlin mitregierende CDU hat auf ihrem Landesparteitag eine Digitalisierungsoffensive für die Schulen der Stadt gefordert. Die Geschwindigkeit der Internetverbindungen müsse deutlich erhöht werden.

Viele Lehrer fremdeln

Mit der bisherigen Schulsoftware ist Berlin nicht wirklich weit gekommen. Vor drei Jahren kaufte das Land extra die von der Köpenicker Firma Stüber Systems entwickelte Software Magellan. Mit ihrer Hilfe sollte unter anderem die Erstellung der Zeugnisse und die Wahl der Oberstufenkurse automatisiert und erleichtert werden. Doch Lehrer beklagten bald, die Software sei wenig selbsterklärend: „Man sitzt ewig davor, um irgendwann rauszukriegen, dass auf irgendeiner Seite ein kleiner Haken fehlt“, hieß es in Lehrerforen. Dazu muss man freilich wissen, dass viele, zumal ältere Lehrer mit der digitalen Welt noch fremdeln. Eine Fortbildungspflicht für das digitale Lernen ist rechtlich nicht möglich.

Ein zentrales Problem bestand von Anfang an darin, dass gleichzeitig mit Magellan auch noch eine Software der österreichischen Firma Untis gekauft wurde, mit deren Hilfe man den Stunden- und Vertretungsplan digital erstellen kann. Was prinzipiell hilfreich ist, weil ein Lehrer schon frühzeitig sehen kann, wie er eingeplant ist. Mit der gleichen Software wurde an drei Schulen auch das Pilotprojekt „Elektronisches Klassenbuch“ ausprobiert. Bisher tragen Lehrer unentschuldigtes Fehlen mit dem Kugelschreiber in ein Klassenbuch aus Papier ein. Nun sollte der Schüler, der 30 Minuten überfällig ist, mit Hilfe des elektronischen Klassenbuchs eine SMS auf sein Handy bekommen mit dem Tenor: „Wir warten schon seit einiger Zeit auf dich.“

Nur kein Stromausfall jetzt

Das Projekt verzögerte sich zunächst, weil der Untis-Server in Österreich stand und nicht den deutschen Datenschutzbestimmungen entsprach. Jetzt liegt es wieder auf Eis. Dennoch soll Untis auch bei einer zentralen Serverlösung für die Berliner Schulen als Stundenplansoftware weitergeführt werden. Der Vertrag mit Magellan wiederum ist um ein Jahr verlängert worden. Später sollen die dort gespeicherten Daten in eine neue Software übernommen werden, teilte der Senat mit.

Mit Key Hansen hat sich die Bildungsverwaltung eigens einen neuen IT-Verantwortlichen geholt, der zuvor in Hessen an der Entwicklung von Lusd beteiligt war. Der zentrale Server soll mit dem Microsoft-Programm Terminalserver betrieben werden. Völlig offen ist, wo er stehen soll und ob Untis auf diesem Server läuft. Eines aber ist klar: Fällt er aus, sei es durch Stromausfall oder Hackerangriff, sind auf einen Schlag alle 700 Schulen Berlins lahmgelegt.


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