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Digitalisierung und Verkehr: Diese Herausforderungen erwarten Berlin 2030

Wie sieht die Stadt der Zukunft aus?

Wie sieht die Stadt der Zukunft aus?

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imago/Westend61

Berlin hat einen schwierigen Strukturumbruch hinter sich. Seit einigen Jahren wächst die Wirtschaft aber wieder kräftiger, die Beschäftigung steigt, Zehntausende kommen jedes Jahr neu in die Stadt. Gleichzeitig wachsen die Probleme: knapper Wohnraum, steigende Mieten, Einengung von Freiräumen in der Stadt, schlechte Infrastruktur. Mehr denn je, so glauben Industrie- und Handelskammer (IHK) sowie das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, braucht die Stadt eine langfristige Strategie zur Gestaltung des Wachstums. Das Berlin-Institut hat in einer umfangreichen Analyse Herausforderungen mit Blick auf das Jahr 2030 anhand von Megatrends dargestellt. Dann könnte Berlin vier Millionen Einwohner haben. Die Kernaussagen:

Megatrend Globalisierung: „Mehr Schein als sein“ überschreibt das Berlin-Institut die Standort-Analyse. In einer Investorenbefragung landet Berlin vom Image her auf Platz 3 unter 16 europäischen Metropolen. Bei den tatsächlichen Direktinvestitionen rutscht Berlin aber auf den vorletzten Platz. Deshalb müsse die Stadt ihr „kreatives Flair“, die Stärke als Wissenschaftsstandort und die Attraktivität für internationale Fachkräfte ausbauen. Die „hervorragende Forschungslandschaft“ müsse zur Ansiedlung von Industrieunternehmen genutzt werden. Das Messe- und Kongressgeschäft soll unter anderem durch die Sanierung des ICC gefördert werden. Noch gering ist die politische Bedeutung der Hauptstadt im Vergleich zu Brüssel oder Wien. Deshalb müssten in Bonn verbliebene Ministerien endlich umziehen, um Berlin attraktiver für internationale Denkfabriken zu machen.

Megatrend Reurbanisierung: Das Institut hält den Neubau von 15.000 bis 20.000 Wohnungen pro Jahr für notwendig. 2014 wurden nur 8 700 Wohnungen fertiggestellt. Vorhandene Reserveflächen reichen für rund 220 000 neue Wohnungen. Landeseigene Grundstücke sollten bevorzugt an Baugruppen und Genossenschaften verkauft werden, um die Bildung von Wohneigentum zu fördern. Der Senat müsse durch seine Liegenschaftspolitik die Stadtentwicklung besser steuern. In der Infrastruktur müsse der milliardenteure Sanierungsstau abgearbeitet werden – gleichzeitig mit einer moderaten Schuldentilgung.

Megatrend Digitalisierung: Das Institut nennt ihn den „vermutlich größten Treiber von Veränderungen für Berlin, seine Unternehmen und Bewohner“. Berlin ist bereits das wichtigste Zentrum der Informationstechnologie in Deutschland. Das bietet die Chance für neues Wachstum: Die Digitalisierung bringt neue Geschäftsmodelle und Branchen hervor – die freilich wie Airbnb für etablierte Firmen Konkurrenten sind. Als Ziel stellt sich das Berlin-Institut bis 2030 „eine papierlos arbeitende Verwaltung“ vor, die Dienste rund um die Uhr anbietet.

Megatrend Demografischer Wandel: Berlin ist schon heute eine Single-Stadt, was sich auf den Wohnungsmarkt, die Sozialsysteme und die Betreuung Älterer auswirkt. 2013 war knapp die Hälfte aller Zugewanderten zwischen 18 und 30 Jahre alt. Auf der anderen Seite könnten 2030 fast 900 000 Menschen 65 Jahre oder älter sein – knapp 30 Prozent mehr als heute.

Megatrend Wissensgesellschaft: Berlin muss mehr in Schulsanierung, -neubau und Fördermaßnahmen für leistungsschwache Schüler investieren. Fast jedes vierte Kind weist bei der Einschulung Sprachdefizite auf, jeder elfte Schüler geht ohne jeden Abschluss. Im Bildungsmonitor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) liegt Berlin unter allen Bundesländern auf dem letzten Platz. Im Hochschulbereich fehle es Berlin im Vergleich mit Zürich, Cambridge oder Boston an einer internationalen Spitzenuniversität.

Megatrend Nachhaltigkeit: Es gibt bereits viele Firmen, die sich mit „green economy“ beschäftigen. International wird Berlin aber weder als Innovationsführer in diesem Bereich noch als führender Standort der grünen Wirtschaft wahrgenommen. Ziel müsse es sein, dass die Stadt bis 2030 ihren Energiebedarf zur Hälfte aus erneuerbaren Energien deckt – bisher sind es unter sechs Prozent, so das Berlin-Institut.

Megatrend Gesundheit: Berlin lebt ungesund. Nirgendwo sonst in Deutschland trinken die Menschen so viel Alkohol, rauchen sie so viel und sitzen sie so lange. Die Lebenserwartung liegt leicht unter dem Bundesdurchschnitt. Zugleich ist die Gesundheitswirtschaft eine der wichtigsten Branchen in der Region. Das Institut plädiert dafür, dass anwendungsnahe Forschung stärker in den Vordergrund rückt. Die kleinen und mittleren Firmen insbesondere aus der Start-up-Szene brauchen mehr Risikokapital.

Megatrend Mobilität: Keine neue Forderung ist, dass der öffentliche Nahverkehr (ÖPNV) ausgebaut und die Benutzerfreundlichkeit erhöht werden muss. Mindestens 80 Prozent des durch Bevölkerungswachstum entstehenden Nahverkehrs sollen durch ÖPNV und Langsamverkehr aufgefangen werden. Langsamverkehr heißt vor allem: Vorrang für Laufen und Radfahren. Viele Straßen und Brücken sind in einem schlechten Zustand. Ohne technische und infrastrukturelle Entlastungsmaßnahmen steuert der Straßenverkehr auf einen Infarkt zu.

Megatrend Partizipation: Berlin hat trotz aller Fortschritte immer noch eine der höchsten Arbeitslosenquoten sowie mit fast 17 Prozent aller Personen den höchsten Anteil an Hartz-IV-Empfängern. Auf der sozialen Seite konstatiert das Berlin-Institut eine mangelhafte Integration bestimmter Migranten-Milieus sowie Parallelgesellschaften. In der politischen Teilhabe müsse Berlin einen geordneten Rahmen schaffen, um Bürger frühzeitig einzubinden. „Mehr Bürgerbeteiligung ohne klare Spielregeln kann zu Blockaden und zur Verlangsamung von Entscheidungsprozessen führen.“