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Berliner Zeitung | Dildos aus Berlin-Kreuzberg: Vegane Peitschen und Muschi-Malbuch
24. July 2012
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Dildos aus Berlin-Kreuzberg: Vegane Peitschen und Muschi-Malbuch

Bunt und glitzernd kann die Liebe sein, und auch der Sex. Für Frauen und Männer. Auch Dank Anne Bonnie.

Bunt und glitzernd kann die Liebe sein, und auch der Sex. Für Frauen und Männer. Auch Dank Anne Bonnie.

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dpa

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Gemeinsam mit ihrer kanadischen Geschäftspartnerin Sara Rodenhizer betreibt die Neuköllnerin Anne Bonnie den alternativen Sexshop „Other Nature“ am Mehringdamm in Kreuzberg. Dort verkaufen die beiden 31-Jährigen veganes Sexspielzeug, veranstalten Workshops zur Aufklärung und beraten über sexuelle Praktiken.

Der Sadomaso-Roman „Shades of Grey“ von El James ist gerade total erfolgreich. Bemerken Sie etwas von diesem Hype in Ihrem Laden?

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Nein, ich verkaufe dieses Buch nicht. Literatur, die es schafft, mit Sex zu schocken, kommt immer wieder auf den Markt. Das ist nichts Neues. Schlimm finde ich die mediale Resonanz des Buches. Dass auf einmal große Zeitungen fragen, ob emanzipierte Frauen diese Art der sexuellen Unterwerfung etwa brauchen, macht mich richtig wütend.

Aber Sex verkauft sich. Auch bei Ihnen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Sexshop aufzumachen?

Ich habe vorher schon in einem klassischen Sexshop gejobbt – mit Kino, Wichskabine und so weiter. Das hat mir total gut gefallen, weil ich viele Freaks und Fetischisten kennengelernt habe. Ich habe gemerkt, dass es einfach nichts Schöneres gibt, als über Sex zu sprechen. Aber leider sind die herkömmlichen Sexshops sehr auf Männer ausgerichtet, wirken oft etwas billig und plastikmäßig. Unser Ziel war es, uns dem Thema Sex auf einer anderen, natürlicheren Ebene zu nähern.

Warum ist Ihr Sexshop „alternativ“ und wer kauft bei Ihnen ein?

Unsere Kunden gehören allen Altersgruppen, Geschlechtern und sexuellen Orientierungen an. Das ist toll. Unser Angebot ist frauen- und queerorientiert. Alle Produkte sind ökologisch und vegan.

Wie bitte? Vegan?

Viele Produkte wie Kondome oder Gleitgels enthalten tierische Zusatzstoffe. Unsere Artikel nicht. Außerdem verkaufen wir nichts aus Leder. Die Quasten unserer Peitschen sind zum Beispiel aus recycelten Fahrradschläuchen oder synthetischem Leder gefertigt – die kaufen wir von einer Berliner Künstlerin. Mit denen kann man genau so gut seinen Fetisch ausleben wie mit Leder. Unsere Dildos macht eine Bildhauerin aus Kreuzberg.

Ist das nicht übertriebener Luxus?

Nein, warum denn? Es gibt Menschen, denen so was wichtig ist. Außerdem geht es dabei nicht um einen bestimmten Lifestyle, sondern vor allem darum, dass synthetische Produkte viel schädlicher sind als natürliche. Denn die Schleimhäute sind die Körperregionen, die die meisten Giftstoffe aufnehmen.

Und wie beraten Sie im Laden?

Leider lachen viele, wenn es um Sex geht. Viele junge, aufgeklärte Frauen glauben, dass sie mit ihren Freundinnen darüber reden, aber oft ist es sehr oberflächlich, eben dieses ganz schlimme Sex-and-the-City-Klischee. Probleme, Ängste oder Fetische sind immer noch tabu. Uns sind vor allem die gesundheitlichen Aspekte wichtig, und dass die Menschen wissen, was sie tun. Deshalb veranstalten wir auch Workshops zu Themen wie Transsexualität, Menstruation, Eifersucht in polyamourösen Beziehungen oder Bondage. Ein paar Mal hatten wir schon so viel Andrang, dass wir Leute wieder wegschicken mussten.

Was verkaufen Sie noch außer Sexspielzeug?

Zum Beispiel Fachliteratur zur sexuellen Aufklärung, erotische Romane, aber auch pornografische Medien wie Videos oder Magazine. Inzwischen gibt es nämlich immer mehr feministische Pornos, also Pornos für Frauen.

Und wie unterscheiden die sich von herkömmlichen Pornos?

Da gibt es große Unterschiede. In der Sexindustrie werden oft merkwürdige Barbies und Kens gezeigt. Die alternativen Pornos zeigen, dass es nicht um bestimmte Schönheitsideale geht. Die Stereotype von Mann und Frau werden aufgebrochen. Zudem fokussiert sich die Kamera nicht so auf die Geschlechtsteile. Diese Pornos wirken einfach viel menschlicher und die Akteure dürfen auch mal lachen.

Gibt es ein Produkt, dass Sie besonders empfehlen?

Ja. Ganz toll ist das Cunt-Colouring-Book, also das Muschi-Malbuch, wo man Zeichnungen von unterschiedlichen Vulven ausmalen darf. In diesem Bereich gibt es in unserer Gesellschaft unglaublichen Aufklärungsbedarf.

Aufklärung in Sachen Vulva mit einem Malbuch?

Viele glauben ja, dass man das Geschlecht der Frau Vagina nennt, was falsch ist. Zudem lassen sich in letzter Zeit immer mehr Frauen aus falschen Schönheitsidealen im Intimbereich operieren – einfach furchtbar. Wir wollten uns dem weiblichen Geschlecht aber nicht wie die Hippies in den Siebzigern nähern, die sich in einen Kreis setzten und gegenseitig die Muschis anguckten. Stattdessen gibt es dieses Malbuch. Auch super sind unsere Alternativen zu chemisch gebleichten Tampons. Zum Beispiel nicht gebleichte Tampons oder den einführbaren Menstruationsbecher „Diva Cup“, den man nach dem Auswaschen wieder benutzen kann.

Interview: Anna Brüning