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Berliner Zeitung | Direktmandat: Felgentreu: Dr. Fritz aus Neukölln
23. September 2013
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Direktmandat: Felgentreu: Dr. Fritz aus Neukölln

Fritz Felgentreu holte für die SPD das Direktmandat im Wahlkreis Neukölln.

Fritz Felgentreu holte für die SPD das Direktmandat im Wahlkreis Neukölln.

Wiedererkennbarkeit ist wichtig, wenn man etwas werden will in der Politik. Fritz Felgentreu hat so viel davon, dass es ihn sogar als Comicfigur gibt. Für seinen Wahlkampf im berüchtigten Berliner Problembezirk Neukölln, den der 45-Jährige am Sonntag überraschend gewann, hat er ein Plakat und eine Postkarte zeichnen lassen. Darauf winkt ein fröhlicher Sakkoträger mit dem Heimatwappen unterm Arm dem Betrachter zu. „Fritz bringt Neukölln in den Bundestag“ steht darüber. Den Fritz, den erkennt man sofort an drei Merkmalen: am geschorenen Glatzkopf, dem nerdhaften Vintage-Brillengestell und dem Walter-Ulbricht-Gedächtnis-Kinn. Platte, Brille, Spitzbart. Felgentreu wird schnell identifiziert, wenn er in seinem Kiez unterwegs ist.

Dies dürfte einer der Gründe sein, warum Felgentreu, Lehrer mit Habilitation für Latein und Griechisch, den höchsten Stimmen-Zuwachs unter Berlins Sozialdemokraten schaffte, immerhin plus fünf Prozent. Damit trotzte er der favorisierten CDU-Kandidatin die entscheidenden Wähler ab. Nur zwei Sozialdemokraten schafften es in der Hauptstadt direkt in den Bundestag, Spitzenkandidatin Eva Högl und Felgentreu.

Allerdings ist „Dr. Fritz“, wie er in seinem Kiez genannt wird, auch schon lange im Bezirk aktiv. Felgentreu wuchs in Schleswig-Holstein auf, hinterm Deich in Dithmarschen, kam im September 1989 zum Studium der Altphilologie nach Berlin, inzwischen hat er hier eine Familie mit drei Kindern. SPD-Politik macht er seit 1992, seit 2004 ist er Vorsitzender der Neuköllner Sozialdemokraten, die zum pragmatischen Flügel der Partei zählen. Felgentreu saß auch schon jahrelang im Abgeordnetenhaus und versuchte es 2009 zum ersten Mal, in den Bundestag gewählt zu werden.

Der prominenteste Neuköllner Sozialdemokrat ist Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky, von dem sich der stets freundlich-verbindlich auftretende Felgentreu in Temperament und Wortwahl unterscheidet, aber kaum in den Ansichten. „Wir haben viele Schlachten gemeinsam geschlagen“, sagt der Genosse Fritz über den Genossen Heinz. Neukölln im Bundestag zu vertreten, das heißt für den Pädagogen Felgentreu daher vor allem die Bildungspolitik zu verändern. Der Bund müsse mehr Geld geben, sagt er. Aber das soll nicht direkt an die Familien gehen, sondern in Schulen und Kitas. „Das muss man trennen.“ Da klingt Dr. Fritz schon sehr wie ein betont freundlicher Buschkowsky.