02.02.2012

DJ Hagelstein spielt live: Das Experiment

Von Anne Lena Mösken
        

DJ mit Band: Bassist Justin Evans, DJ Ruede Hagelstein, Sängerin Aileen Phoenix und Saxofonistin Mieke Wenzl (v. l.).
DJ mit Band: Bassist Justin Evans, DJ Ruede Hagelstein, Sängerin Aileen Phoenix und Saxofonistin Mieke Wenzl (v. l.).
Foto: Christian Schulz
Berlin –  

Neuer Stil statt Recycling und Sampeln: Weil ihn nach zehn Jahren die Club-Musik langweilt, tritt Techno-DJ Ruede Hagelstein jetzt live mit einer ganzen Band auf.

Die Leute tanzen. Das war so nicht geplant. Aber es ist schließlich das Kater Holzig. Und es ist Donnerstagnacht, halb zwei, viele Touristen sind da. Sie wollen tanzen. Den DJs war nichts anderes übrig geblieben, als die Beats nach vorne gehen zu lassen. Als der junge Mann mit Schiebermütze auf die Bühne am Rande der Tanzfläche tritt, zucken die ersten Arme rhythmisch in der Luft. Ausgerechnet jetzt dreht der DJ die Musik aus. Nervös klopft Ruede Hagelstein gegen das Mikro. Murmeln. Was soll das? Aus den Boxen tönt jetzt eine langsame Basslinie. Ruede Hagelstein beginnt zu singen.

Ruede Hagelstein & The Noblettes:

Anhören und alle Live-Termine unter www.ruede-and-noblettes.com.

„Wir hätten früher auftreten müssen“, sagt er ein paar Tage später. Ruede Hagelstein ist Techno-DJ. Seit zehn Jahren schon gehört er zu den bekanntesten Elektrokünstlern der Stadt, ist seit einiger Zeit Resident im Watergate. Vor ein paar Wochen hat er nun dieses Album veröffentlicht, kein Techno, sondern poppig-jazziger Elektro Indie. Er tritt damit auch live auf wie in dieser Nacht im Kater Holzig.

„Es muss nur stimmen, es muss geil sein“

„Langeweile“, sagt Hagelstein, das war es irgendwann, was blieb nach all den Jahren im Technozirkus. Minimal kam, Minimal ging. House kam zurück. Die Samples änderten sich, sicher, DJs mischten die Sechziger in ihre Stücke, arbeiteten mal mit Afro-Beats, mal wurde die Stimmung düsterer, dann war wieder Sommer, tauchten fröhliche Vocals auf. „Trotzdem ist alles immer Recycling“, sagt Hagelstein, „so viel passiert einfach nicht.“ Hagelstein hatte genug vom Sampeln.

Es ist nicht ganz neu, dass DJs irgendwann die Regler verlassen, Songs schreiben und den Synthesizer gegen echte Musiker tauschen. Ricardo Villalobos hat Straßenmusiker ins Studio geholt und sie zu seinen Beats improvisieren lassen. Oliver Koletzki hat eine eigene Band gegründet und mit ihr ein Album aufgenommen, das Ganze von Universal veröffentlichen lassen und nicht nur die Sängerin geheiratet, sondern es mit The Koletzkis sogar in die Playlists im Radio geschafft.

Die ersten Songs schrieb Hagelstein zusammen mit Justin Evans, ein Bassist, den die Liebe aus dem kalifornischen San Diego nach Berlin verschlagen hatte. Sie verbrachten Stunden im Studio, in denen Evans zu den Computersounds von Hagelstein die Saiten anschlug. „Kunst entsteht durch Probieren“, sagt Hagelstein.

Und durch Zufall: Hagelstein kannte dieses Mädchen, mit dem er früher auf dem Schulhof die Kopfhörer teilte. Er machte damals TripHop, sie sang ein bisschen mit. Einmal traten sie zusammen auf, in einer Kirche in Zeuthen. Als Hagelstein Aileen Phoenix wiedertraf, hatte sie gerade ihren Abschluss als Jazzsängerin an der Universität der Künste gemacht. Er schickte ihr die rohen Songs, sie spielte sie Mieke Wenzl vor, einer Jazzsaxofonistin, mit der sie studiert hatte. Die beiden Profimusikerinnen arrangierten die Stücke um, bauten Klarinette, Querflöte und Saxofon ein. Es sollte keine Grenzen geben zwischen den Genres; nicht den hochkulturellen Jazz auf der einen und den kopflosen Elektro auf der anderen Seite.

„Musik ist Musik“, sagt Aileen Phoenix, „es muss nur stimmen, es muss geil sein.“ Und nur mit Jazz lässt sich in Berlin kaum Geld verdienen. Beide unterrichten, um über die Runden zu kommen. Mieke Wenzl spielt in einer Brassband, in einer Big-Band, in einer Funkcombo. Aileen arbeitet an einem eigenen Album, es soll orchestraler Folk-Jazz werden. Sie hat dafür ein UdK-Stipendium bekommen, anders ginge es kaum. Es ist ein hartes Geschäft. Bassist Evans hat für seinen jüngsten Auftritt mit einer Punkband gerade mal 15 Euro bekommen. Hagelstein denkt jetzt öfter, dass es nicht passt, dass DJs so viel Geld bekommen für einen Gig.

Sanfte Wortmelodien

Aileen und Mieke geben normalerweise Konzerte, bei denen die Zuhörer auf Stühlen sitzen, andächtig lauschen. Hagelstein steht sonst hinterm DJ-Pult, vor ihm die aufgepushte Menge, der er ein paar Breaks hinwirft. Als sie im November ihren ersten Auftritt im Watergate haben, ist das ein Experiment: Die Zuschauer jubeln, als Mieke die ersten Töne auf dem Saxofon spielt, als sei das allein schon eine kleine Sensation. Livebands spielen hier eben selten. Prompt ist im Watergate der Gesang zu leise, im Kater Holzig übersteuern die Mikrofone.

Seit zwei Monaten kann man „Softpack“, das Album von Ruede Hagelstein & The Noblettes, wie das Projekt heißt, digital und auf CD kaufen. Hagelstein legt weiter auf, zwei, drei Mal die Woche. Nur so kann er sich diesen Ausbruch aus der Langeweile leisten.

Im Kater Holzig dauert es schließlich ein paar Songs, ehe das Publikum die Musik begreift und auch, dass man auch dazu tanzen kann, nur anders, langsamer. Hagelstein haucht gemeinsam mit Aileen sanfte Wortmelodien über eine treibende Snare. Der Song heißt: Berlin.

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