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Berliner Zeitung | Dokumentarfilm "Demokraten": Politiker sind auch Menschen
24. April 2012
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Dokumentarfilm "Demokraten": Politiker sind auch Menschen

Wahlkampf: Frank Zimmermann (r.) klebt im Regen Plakate.

Wahlkampf: Frank Zimmermann (r.) klebt im Regen Plakate.

Foto:

Demokraten-Film.de

Berlin -

Die Botschaft steckt gleich in der ersten Szene. Susanne Graf, noch keine 20, einzige weibliche Kandidatin der Piraten fürs Abgeordnetenhaus, sitzt mit ihrem Freund auf einer grünen Wiese und sinniert darüber, dass sie Angst hat vor dieser Wahl und vor dem, was dann kommt. Voll normal findet das ihr Freund, der Piraten-Bundessprecher Christopher Lang, und sagt eine winzige Spur zu gönnerhaft: "Du bist auch nur ein Mensch. Einer von vielen."

Auch nur ein Mensch - das sind in dieser schönen Dokumentation noch etliche: "Demokraten" heißt der Film von Levi Salomon, Berliner Kulturschaffender mit russischen Wurzeln und bis vor kurzem Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Sein "Demokraten"-Film handelt vom Wahlkampf für das Abgeordnetenhaus, Spätsommer 2011. Fünf Politiker porträtiert Salomon in 97 Minuten, ausdrücklich keine Spitzenkandidaten, sondern mehr oder minder erfahrene Straßenwahlkämpfer aus der zweiten und dritten Reihe, die noch selbst mit anpacken und in ihrem Wahlkreis von Kiezfest zu Kneipe, von Seniorenstift zu Podiumsdiskussion tingeln müssen.

"Unsere Plakate sind besser"

Aber Salomon und sein unprätentiöser, dafür teils erbarmungsloser Kameramann Jörg Petzold (zweite Kamera: Thorger Wolff) bleiben nicht bei diesen öffentlichen Auftritten stehen. Sie verfolgen ihre Protagonisten teils bis in persönlichste Sphären hinein. Und zeigen so, wie falsch und dumm das Klischee des nur am eigenen Fortkommen interessierten Parteikarrieristen eigentlich ist - jedenfalls sein kann.

Frank Zimmermann, 54, der Sozialdemokrat, steht in einer erbarmungswürdigen Szene im strömenden Regen und versucht, sich das Aufhängen seines Konterfeis an Laternenpfählen schön zu reden, indem er die Wahlwerbung der anderen schmäht. "Unsere Plakate sind besser, eindeutig", sagt er tapfer lächelnd, während ihm der Regen in den Kragen läuft und die Haare an den Schädel patscht. Man möchte nicht tauschen.

Klaus Lederer, 38, Parteichef (aber nicht Spitzenkandidat) der Linken, parliert gelehrt über die Bedingungen der Möglichkeit eines unterdrückungsfreien Sozialismus und seine frühe Jugend als "100-prozentiges DDR-Kind, wenn nicht gar 110 Prozent". Dann sitzt er fröhlich unter seinen schwulen Freunden im Park, qualmt Selbstgedrehte und kalauert über den nächsten "Tuntengrill", sprich Sonnenliegeplatz für Schwule. Ja, Sozialisten sind nicht alle wie Sahra Wagenknecht.

Andreas Otto, 50, Grüner aus Prenzlauer Berg, steigt unvermittelt Freude und Stolz ins Gesicht, als sich eine junge Frau mit Kind bei ihm bedankt. Er, der Wohnungspolitiker vom Kiez am Helmholtzplatz, hat mit dafür gesorgt, dass sie eine Heizung für die Küche bekommen hat. "Jetzt hat sie ein Kind gekriegt, hat es schön warm und ist glücklich", sagt Otto - und man sieht sehr genau, dass er gerade genauso glücklich ist. Mindestens.

Susanne Graf, die Piratin, will nicht die "typische Politikerin" werden, fremdelt die ganze Zeit über mit ihren Wahlkampfpflichten und steht irgendwann verloren im riesigen Foyer des Abgeordnetenhauses. Am Ende ist sie die einzige echte Wahlsiegerin.

Ein eindrückliches Kleinporträt

Von Burkard Dregger, 47, dem Kandidaten fürs Konservative in der sonst eher weichgespülten Berliner CDU, ist Salomon ein besonders eindrückliches Kleinporträt gelungen. Wenn der Sohn des einstigen, stramm patriotischen Chefs der Unionsfraktion im Bundestag, Alfred Dregger, über "unser Land" erzählen darf, dann referiert er minutenlang in gestochenen Sätzen über Wertegemeinschaft und Selbstwertgefühl der Deutschen und wettert gegen den angeblich vorherrschenden „Staatssozialismus“. Aber wenn er ganz real vor einem Obdachlosen steht, der ihm fast zahnlos mit Kippe seine Hartz-IV-Nöte näherbringt ("So einfach is dit nich..."), dann klammert sich Dregger jr. beidhändig an einen Stapel mit Wahlkampf-Broschüren und bleibt stumm. "Dregger-Männer sind hart", hat er seinem kleinen Sohn in einer anderen Szene erklärt. Hilft nur nicht immer.

Kein sortierender Kommentar kommt aus dem Off, alles erklärt sich von selbst in diesem Film. "Demokraten" handelt vom Politikerberuf, wie er wirklich ist, auch wenn er nicht alles zeigt. Nichts wird skandalisiert, nichts geschönt. Salomon schaut einfach sehr genau hin und dringt so schnell zum Menschen vor. "Ich hätte auch was Anderes machen können im Leben", sagt Andreas Otto, während er entspannt auf der Wiese sitzt. "Aber ich bin schon sehr gerne Politiker."

"Demokraten", Regie: Levi Salomon, 97 Minuten

Der Film wird im Rahmen des Filmfestivals “achtung berlin” noch einmal am Mittwoch, den 25. April 2012, um 19.15 Uhr im Filmtheater am Friedrichshain gezeigt.

Mehr Informationen und den Trailer finden Sie hier.