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Doppelter Abiturjahrgang: Vor vier Jahren kein Deutsch - Jetzt 1,0 Abi

Studierender Abiturient: Orlando Marigliano, 17, vor der Mensa der Technischen Universität Berlin.

Studierender Abiturient: Orlando Marigliano, 17, vor der Mensa der Technischen Universität Berlin.

Foto:

Paulus Ponizak

Berlin -

Das neue Leben von Orlando Marigliano begann an einem Sommertag im Juli 2008. Damals bestieg er in Rom ein Flugzeug und landete knapp zwei Stunden später in Berlin. „Ich weiß noch, dass die Luft hier viel reiner war als in Rom“, erinnert sich der schlaksige junge Mann. Weniger Autoabgase, mehr Wind.

Seine Mutter hatte sich ganz bewusst für Berlin entschieden. Ihre beiden Söhne sollten hier eine bessere Zukunft haben. „Die wirtschaftliche Situation in Italien war schon damals schlecht, gerade für die Jugend“, sagt Orlando Marigliano. Heute sei sie noch schlechter. In Italien hänge es immer noch allzu oft von der Herkunft ab, vom richtigen Familiennamen, ob man beruflich Karriere mache. Da ist sich der heute 17-Jährige ganz sicher.

Seine Mutter, die Kunstausstellungen organisiert, hatte deshalb schon von Italien aus eine Schule für ihre Söhne ausgesucht: das Neuköllner Albert-Einstein-Gymnasium, das einen bilingualen Zug hat und an dem Fächer wie Geografie, Geschichte und Biologie auf Italienisch unterrichtet werden, der Rest aber auf Deutsch.

Noch in Rom erhielten Orlando und sein zwei Jahre jüngerer Bruder einen vier Monate dauernden Deutsch-Crashkurs. Trotzdem verstand Orlando an seiner neuen Schule in Berlin nicht, was die Lehrer sagten. Vor allem die vielen sich ständig ändernden Artikel und Substantive machten ihm zu schaffen. „Ich selbst war ganz still im Unterricht, das war ganz schön unkomfortabel“, erinnert er sich. Ein wenig besser wurde es erst, als seine Schule zwei-, dreimal pro Woche einen Deutschkurs für ihn und ein paar andere italienische Schüler anbot.

Orlando Marigliano verstand nun langsam mehr. Und schließlich so gut, dass er sich intensiver an Physik, Mathe und Informatik beteiligen konnte. Erst hier in Berlin wurde ihm bewusst, wie sehr ihm diese Fächer liegen. Elektromagnetismus oder Algebra, sowas fasziniere ihn. „Mir macht es Spaß, Probleme zu lösen und abstrakte Strukturen zu verstehen“, sagte Orlando heute in formidablem Deutsch, wobei er das „R“ ein wenig rollt.

Der gebürtige Römer, der heute in Schöneberg lebt, kam als einer der jüngsten Schüler in den doppelten Abiturjahrgang und wählte die Leistungskurse Mathe und Informatik. Dabei fiel er durch so hervorragende Leistungen auf, dass ihm eine Lehrerin vor einem Jahr empfahl, parallel schon mal mit einem Mathe-Studium an der Technischen Universität zu beginnen.

Was er sofort tat. Seine Abiturprüfungen legte er in diesem Frühjahr ab – mit der Bestnote 1,0, als einer von sechs Schülern. „Bei den schriftlichen Klausuren habe ich sicher mehr Fehler gemacht als mündlich“, sagt er. Da habe er noch Probleme mit dem korrekten Satzbau und sei froh, dass Inhalte inzwischen stärker bewertet würden als die Form.

Am heutigen Freitag wird Orlando im Rathaus Neukölln von Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) offiziell empfangen – gemeinsam mit allen Neuköllner Abiturienten, die die Bestnoten 1,0 oder 1,1 erzielt haben. Neben zwölf Gymnasiasten sind dies auch ein Schüler der Clay-Sekundarschule und drei St.-Marien-Schüler.

Viele Abiturienten sind längst auf kollektiver Abschlussfahrt samt Dauerparty. Orlando Marigliano scheut solche Massenveranstaltungen, er sei nicht so extrovertiert, sagt er, auch zum Abi-Ball sei er nicht gegangen. Stattdessen ging er am Donnerstag an der TU in die Mathe-Vorlesung zu „Analysis 2“.

Den gefürchteten „Analysis 1“-Schein, bei dem die Hälfte aller Studierenden durchfällt, hat er schon als Schüler gemacht. Er wird nun weiter Mathe studieren. „Mit Mathe bin ich unabhängig, kann in die Wirtschaft gehen oder in der akademischen Welt bleiben“, sagt er.