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Berliner Zeitung | Drogen in Berlin: "Nur in Berlin werden so offen Drogen konsumiert"
28. January 2013
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Drogen in Berlin: "Nur in Berlin werden so offen Drogen konsumiert"

Wer nächtelang tanzen will, braucht Kondition. Viele Party-Gäste putschen sich deshalb mit Drogen auf. Genommen wird oft, was gerade da ist.

Wer nächtelang tanzen will, braucht Kondition. Viele Party-Gäste putschen sich deshalb mit Drogen auf. Genommen wird oft, was gerade da ist.

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dpa/Thomas Frey

Berlin -

Anette Hofmann vom Verein Fixpunkt, der in der Drogenhilfe und der Gesundheitsförderung tätig ist, informiert auf Partys über die Risiken beim Drogengebrauch und wie man sie minimieren kann.

Frau Hofmann, was ist Fixpunkt?

Fixpunkt ist Träger der Drogenhilfe, der ohne großen bürokratischen Aufwand arbeitet. Zudem dürfen auch Menschen zu uns kommen, die aktuell Drogen konsumiert haben. Der Auftrag von Fixpunkt ist es, sich um Substituierte und akut drogengebrauchende Menschen zu kümmern, die auch fixen. Ziel ist die Gesundheitsförderung und die Prävention in Bezug auf Hepatitis C und HIV. Deshalb verteilt Fixpunkt auch frische Spritzen, um das Infektionsrisiko der Konsumenten so gering wie möglich zu halten.

Wo sind Sie im Nachtleben unterwegs?

Auf den Berliner Partys machen wir seit 2011 Infostände zum Thema „Safer Use“ und zur Gesundheitsförderung der Partykonsumenten. Unser Ansatz ist Akzeptanz und Risikominimierung. Es ist doch albern, beim Thema Drogen und Partys in Berlin so zu tun, als ob das nicht existent wäre. In fast jedem größeren Club werden Drogen konsumiert. Wer einmal ins Berliner Nachtleben eintaucht, merkt schnell, wie viel Leute auf Droge sind.

Was bedeutet Gesundheitsförderung im Nachtleben?

Wir verteilen gratis „Safer Snorting Packs“, Tüten, in denen zum Beispiel zwei Plastikröhrchen enthalten sind. Viele Menschen wissen nicht, dass durch ein gemeinsam benutztes Röhrchen zum Beispiel Hepatitis C übertragen werden kann. Schon kleinste Mengen von getrocknetem Blut können ausreichen und der Virus überlebt an der Luft sehr lange. Zudem sind in der Tüte noch eine Unterlage, Alkohol zum Desinfizieren, ein Taschentuch und eine Nasenspülung. Ohrenstöpsel und ein Infoflyer zu den verschiedenen Drogen und ihren Wirkungsweisen und Risiken geben wir auch aus.

Analysieren Sie die Drogen auch?

Nein. Im Zuge der Gesundheitsförderung für Drogenkonsumenten würde ich mich aber darüber freuen, wenn wir endlich grünes Licht für unser „drugchecking“-Projekt bekommen würden, also die chemische Analyse der Drogen. Es ist leider eine politische Frage, ob ein Modellprojekt in Berlin finanziert werden kann, oder überhaupt gewollt wird. Fakt ist, dass drugchecking in vielen anderen Ländern bereits mit großem Erfolg durchgeführt wird, beispielsweise in Österreich, der Schweiz und Spanien, und dass es von den Konsumenten dankbar genutzt wird. Drugchecking kann Leben retten. Natürlich wäre ein Testen der Droge auch immer mit einer Beratung vor Ort gekoppelt. So können Hilfesuchende auch sofort in die Drogenhilfe weitervermittelt werden, wenn Bedarf besteht.

Kommt man nicht in den Verdacht der Förderung des Drogenkonsums, wenn man so etwas verteilt?

Es war viel Überzeugungsarbeit nötig, klar zu machen, dass unser Ziel darin besteht, die Konsumenten zur Eigenverantwortung aufzufordern und zur Risikominimierung anzuhalten. Wir wollen nicht zum Drogenkonsum anleiten, sondern ein Risiko- und Gesundheitsbewusstsein in die Szene tragen. Also gehen wir auf die Partys. Mehr können wir im Moment leider nicht abdecken, da unsere Arbeit nicht als Projekt finanziert wird.

Werden denn auf Partys in Berlin so viele Drogen konsumiert?

Was ich so wahrnehme, ja. Ich bewege mich seit über 15 Jahren in der Partyszene, und ich habe nicht das Gefühl, dass der Konsum erheblich mehr geworden ist, aber auch nicht weniger. Ich denke, der Mischkonsum hat sich verbreitet. Es ist doch unglaublich naiv zu glauben, dass auf Partys keine Drogen konsumiert werden, nur weil man nicht darüber redet oder berichtet.

Welche Art von Drogen wird denn konsumiert?

Das ist von Szene zu Szene unterschiedlich. In der Goa- oder Psychedelic Trance-Szene sind es eher Amphetamine oder LSD, Drogen, die die Musik verstärken und eben psychedelischer werden lassen. Auf anderen Partys wird mehr gekokst, wo die Leute schicker sind. In anderen Szenen wird mehr Cannabis konsumiert und Alkohol getrunken. Im Grunde ändert sich nicht so viel, doch die Leute werden immer jünger. Da wird oft drei Tage lang durchgefeiert und am Ende alles genommen, was da ist: LSD, Amphetamine, MDMA, und dazu wird dann zum Runterkommen gekifft und Alkohol konsumiert. Dieser Mischkonsum ist natürlich sehr gefährlich, da kommt der Körper recht schnell an seine Grenzen. Hunger, Durst und das Bedürfnis nach Schlaf werden nicht mehr wahrgenommen. Es ist, als schlägt man mit der Peitsche auf ein Pferd ein, bis es zusammenbricht.

Was passiert dann?

Es können Krämpfe oder Krampfanfälle auftreten, es kann zu Kreislaufzusammenbrüchen kommen. Halluzinationen und so genannte Verkennungen können auftreten.

Abgesehen von den bekannten Drogen – werden in Berlin auch Drogen konsumiert, die vor ein paar Jahren noch kein Thema waren?

Ich glaube, dass wir es bald verstärkt mit Crystal zu tun bekommen werden. Was zurzeit vermehrt im Kommen ist, sind „Research Chemical Drugs“, so genannte Legal Highs.

Was ist das?

Substanzen, die man frei übers Internet beziehen kann, ein Gramm für ein paar Euro. Es sind meist chemische Substanzen mit Namen wie „Spice“, „Badesalz“ oder „4-FMP“, wo bestimmte Stoffe fröhlich zusammengemischt sind. So umgeht man das Betäubungsmittelgesetz. Die Wirkung soll ecstasyähnlich oder speedähnlich sein, aber man weiß kaum etwas über die Risiken, Nebenwirkungen und gesundheitlichen Langzeitschäden. Der Konsument bleibt ein Versuchskaninchen, und das finde ich schon bedenklich. Nach neusten Erkenntnissen, werden bestimmte Substanzen auch bereits intravenös konsumiert, was Nekrosen und Abszesse zur Folge hat. Ich habe keine Ahnung, wie sich das alles noch weiter auswirkt.

Wird denn in Berlin auf den Partys anders konsumiert als in anderen Städten?

Hier wird auf jeden Fall, sagen wir mal „frecher“ konsumiert. Ich kenne keine andere Stadt in Deutschland, wo Drogen so offen konsumiert werden.

Das Gespräch führte Marcus Weingärtner.

Informationen über die Initiative zur Analyse von Drogen: www.drugchecking.de