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Drogenhandel am Görlitzer Park: Kreuzberg diskutiert über Legalisierung von Cannabis

Die Polizei auf Streife im Görlitzer Park.

Die Polizei auf Streife im Görlitzer Park.

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imago stock&people

Für Margot Bittner und ihre Nachbarn steht fest: „Wir glauben nicht, dass es besser wird, wenn Cannabis legal gibt.“ Wir, das sind Anwohner vom Görlitzer Park, die vom Drogenhandel dort und in umliegenden Straßen die Nase voll haben. Margot Bittner, 64, sitzt am Freitagnachmittag im Rathaus Kreuzberg, wohin das Bezirksamt zur „Zukunftswerkstatt Kontrollierte Abgabe von Cannabis“ eingeladen hatte. In mehreren Workshops wird kritisch diskutiert. Darüber, wie der Drogenhandel im und um den Görlitzer Park eingedämmt werden kann.

Dass etwas passieren muss, darin sind sich Experten, Politiker und Anwohner einig. Der grünregierte Bezirk will den illegalen Handel mit Cannabis „austrocknen“ und deshalb reguläre Abgabestellen, auch Coffee-Shops genannt, einrichten. Ein Tabubruch, denn in Deutschland sind Anbau und Verkauf von illegalen Drogen verboten. Anfang kommenden Jahres will das Bezirksamt das Pilotprojekt Coffeeshop beim zuständigen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn beantragen. In den staatlich kontrollierten und betriebenen Coffeeshops, die nicht nur am Görlitzer Park sein sollen, könnten Konsumenten über 18 Jahren Haschisch aus kontrolliertem Anbau kaufen und dabei zugleich eine soziale und gesundheitliche Beratung erhalten.

No-Go-Area Görli

Dass dadurch der Görlitzer Park vom Drogenumschlagplatz wieder zum Erholungsort für die Anwohner wird, bezweifelt Margot Bittner: „Wenn Haschisch legal verkauft wird, werden die Dealer auf den Verkauf härterer Drogen umsteigen“, fürchtet sie. Die kleine Frau mit dem dunklen Pagenschnitt wohnt seit 37 Jahren am Görli. Sie und andere Workshop-Teilnehmer erzählen von Familien, die den Park seit langem meiden. Von Ladenbesitzern, die nur noch öffnen, wenn Kunden klingeln. Von Besuchern, die vom U-Bahnhof abgeholt werden müssen, weil das „Spießrutenlaufen“ durch das Spalier der Dealer so unangenehm ist. Von Müllbergen und Urinpfützen, die ihnen das Leben vermiesen. Der Görli, sagen sie, sei für viele zur No-Go-Area geworden.

Dass eine regulierte Abgabe von Cannabis helfen kann, das zu ändern, davon ist Maximilian Plenert vom Deutschen Hanfverband überzeugt. Regulierung, sagt er, gebe es in fast allen Lebensbereichen, von Lebensmitteln bis zum Führerschein. Nur bei Drogen nicht, die überlasse der Staat der organisierten Kriminalität. Mit Polizeieinsätzen sei dem Problem nicht beizukommen: Allein 2013 habe es im Görlitzer Park 131 Razzien gegeben. Der Drogenhandel habe weiter zugenommen.

„Krieg gegen den Hanf“

Andere Länder zeigten, wie es besser gehe, sagt Plenert. Im US-Bundesstaat Colorado zum Beispiel, wo Cannabis seit Jahresbeginn an alle ab 21 Jahren legal verkauft werden darf, sei die Kriminalitätsrate um bis zu zehn Prozent zurückgegangen. Berlin, so Plenert, gebe dagegen viel Geld aus für den „Krieg gegen den Hanf“. Viele Anwohner vom Görlitzer Park bleiben dennoch skeptisch. Etliche von ihnen geben allerdings die Schuld an der Misere vor ihrer Haustür der deutschen Asylpolitik. Denn die meisten Dealer im Park sind Schwarzafrikaner, die als Asylbewerber nicht arbeiten dürfen. Für sie müssten Alternativen gefunden werden, wird gefordert. Und man müsse mit verstärkten Aktivitäten den Park wieder für die Anwohner „zurückerobern“. Bloß wie das gehen soll, weiß niemand.

Der Antrag des Bezirks zu dem Modellprojekt Coffeeshop muss jetzt als wissenschaftliche Studie erstellt werden. Es muss nachgewiesen werden, wie sich ein legaler Verkauf auf Anwohner, Konsumenten und Schwarzmarkt auswirkt. Berlins Drogenbeauftragte Christina Köhler-Azara ist strikt gegen Coffeeshops. Sie hält Cannabis als Einstiegsdroge für gefährlich, weil Drogennutzer an Psychosen erkranken könnten. In Friedrichshain-Kreuzberg rechnet man mit einer Ablehnung des Antrags. Doch anders als Schleswig-Holstein, das mit einem ähnlichen Antrag scheiterte, will der Bezirk dann dagegen klagen.


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