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Drogenhandel in Berlin Görlitzer Park : Der Staat als Dealer

Solche friedvollen Bilder mit relaxten Spaziergängern sind selten geworden im Görlitzer Park.

Solche friedvollen Bilder mit relaxten Spaziergängern sind selten geworden im Görlitzer Park.

Foto:

Paulus Ponizak

Berlin -

Nein, der Begriff Coffeeshop sei vielleicht doch nicht ganz so glücklich, sagt Monika Herrmann. Die Bürgermeisterin der Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg hatte ihn als Lösung des Drogenproblems im Görlitzer Park ins Gespräch gebracht. In einem öffentlich betriebenen Ladengeschäft soll dort Cannabis legal verkauft und so der illegale Handel im Park ausgetrocknet werden.

Am Mittwoch hat sich das Bezirksparlament erstmals mit dem Antrag der Grünen befasst, über ihn wird jetzt in den Ausschüssen diskutiert. „Der Name Coffeeshop ist ein Synonym für ein anderes Herangehen an den Umgang mit dem Dope“, sagt Herrmann. Es gehe darum, dass der bisher freie, aber illegale Handel staatlich kontrolliert werde. Ihre Idee: Cannabis wird künftig staatlich angebaut und ebenso verkauft. Weil aber Anbau und Verkauf bislang verboten sind, müsse dies für den Staat legalisiert werden. „Es geht mir um eine Kanalisierung des Problems, dem allein mit Polizeirazzien nicht beizukommen ist“, sagt Herrmann.

Seit längerem gilt der Görlitzer Park als einer der größten Umschlagplätze für Cannabis. Bis zu hundert Händler versorgen dort täglich ihre Kunden. Diese kommen aus aller Welt, wird doch der „Görli“ inzwischen in allen Reiseführern als „coole Location“ gepriesen, in der alles zu haben sei. Herrmann: „Familien aus der Nachbarschaft kommen kaum noch in den Park, dafür sind schon mal Flashmob-Konzerte mit bis zu 5 000 Leuten möglich.“ Die Grünfläche habe sich zu einem Party-Park entwickelt – allerdings mit aggressiver Drogenszene.

„Ich war vor einigen Tagen mal wieder abends dort. Das Unangenehme ist das Verkaufsverhalten der Dealer“, sagt Herrmann. Die Händler stünden geballt an allen Eingängen und säumten drinnen alle zwei Meter die Wege. Anders als zum Beispiel in der Hasenheide können sich Passanten dort nicht unbelästigt aufhalten. „Selbst wenn die Händler Eis oder Kaffee so verkaufen wollten, ginge das gar nicht. Sie sind viel zu aufdringlich.“
Aber um Eis oder Kaffee geht es im Görlitzer Park nicht, sondern um illegalen Drogenhandel. Herrmann geht es dabei auch um den Jugend- und Gesundheitsschutz: „Wenn wir die Händler und ihre Produkte in den Griff kriegen wollen, müssen wir den Verkauf unter Kontrolle kriegen“, sagt die 49-Jährige, die nach eigenem Bekunden noch nie gekifft habe.

Der Verkauf soll unter staatlicher Kontrolle erfolgen. Das sei nur in Verkaufsstellen mit kontrollierter Abgabe möglich. Kunden müssten nachweisen, dass sie älter sind als 18 Jahre. Medizinisch geschulte Mitarbeiter und Sozialarbeiter sollen zugleich einen Blick auf die Kunden werfen und ihnen bei Bedarf Unterstützung anbieten – etwa wenn ersichtlich wird, dass die Käufer übermäßig konsumieren. Suchtberatung und Prävention gehörten unbedingt zum Verkauf dazu. „Ich will nicht, dass Cannabis bagatellisiert wird.“ Wie beim Alkohol müsse der Staat frühzeitig auf Gefahren von Missbrauch hinweisen.

Und hier ist für Monika Herrmann auch der große Unterschied zum holländischen Vorbild des Coffeeshops augenfällig: „Dort weiß man nicht so genau, wo das Zeug herkommt, und niemand kontrolliert die geduldete Abgabe.“
Der Weg zum legalen, kontrollierten Cannabis-Verkauf wird lang. Wenn das Bezirksparlament dem Bezirksamt den Auftrag erteilt, bleiben zunächst viele rechtliche Fragen offen. Zum Beispiel muss geklärt werden, ob es überhaupt einen solchen Laden geben darf. Nach Herrmanns Vorstellungen könne der Bezirk zwar Vorreiter für die Idee eines kanalisierten, kontrollierten Verkaufs sein, aber dies sei nicht allein zu bewerkstelligen. „Wir wollen andere Kommunen der Bundesrepublik mit ins Boot holen“, sagt Herrmann. Dann werde ein Antrag beim Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte, den Friedrichshain-Kreuzberg kommendes Jahr stellen will, vielleicht größere Chancen haben.

Streetworker zu den Händlern

Staatliche Cannabis-Läden, in denen die Droge günstig abgegeben werden soll, sollen nach Herrmanns Vorstellungen dazu führen, dass die meisten Händler, hauptsächlich Araber und Afrikaner, aus dem Park verschwinden. Bis es das erste dieser Geschäfte gibt, will der Bezirk dort alle Händler von Streetworkern ansprechen lassen. Ihnen sollen Alternativen aufgezeigt werden, um legal Geld zu verdienen. Restriktionen wie Razzien der Polizei führten nur zur Verdrängung. Herrmann: „Es macht keinen Sinn, die Leute von einem Drogenplatz zum anderen zu schieben.“