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Drogenkonsum in der Hauptstadt: Süchtiges Berlin

Auch beim Cannabis-Konsum liegt die Hauptstadt ganz vorne.

Auch beim Cannabis-Konsum liegt die Hauptstadt ganz vorne.

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dapd

Berlin -

Nach der jüngsten Berliner Suchthilfestatistik behandeln ambulante Einrichtungen in der Hauptstadt fast ein Viertel mehr Cannabissüchtige und rund 56 Prozent mehr Heroin- oder Opioidabhängige als im Bundesdurchschnitt. Als Opioide werden alle morphinähnlich wirkenden Substanzen bezeichnet. Bei Kokain lag der Wert sogar um 133 Prozent höher, heißt es in dem Bericht. Die Zahlen gelten für das Jahr 2010, für 2011 liegt noch kein Bericht vor.

In Kliniken stiegen die Patientenzahlen demnach sogar noch deutlich höher an – bei Kokain-Abhängigkeit zum Beispiel bis zu 350 Prozent über dem Bundesschnitt. Für die Statistik wurden die Krankheitsdaten von 19.652 Patienten in 46 ambulanten und 2557 Patienten in 14 stationären Berliner Einrichtungen ausgewertet. In der Mehrzahl waren die Patienten Männer. Viele Menschen in Therapien waren Singles, häufig hatten sie auch keinen Job. Rund die Hälfte suchte von selbst Hilfen gegen die Sucht.

Alkohol weiter Suchtfaktor Nummer Eins

Die Statistik umfasst nicht nur harte Drogen. Häufigster Suchtfaktor bleibt mit Abstand der Alkohol. Mehr als 40 Prozent der ambulant und stationär behandelten Patienten waren Alkoholiker. Häufig konsumieren sie zusätzlich Kokain und andere Drogen. Das Durchschnittsalter der behandelten Alkoholiker lag bei 43 Jahren. Im Vergleich zu anderen Patientengruppen haben sie ein hohes Bildungsniveau.

Die Techniker Krankenkasse (TK) beobachtet Alkoholismus zunehmend bei älteren Menschen. In Berlin würden immer häufiger Senioren ab dem 60. Lebensjahr wegen Alkoholmissbrauchs stationär behandelt, teilte die Kasse mit. So stieg die Anzahl der Klinikaufenthalte bei TK-Versicherten zwischen 2009 und 2011 um sechs Prozent auf 950. Berlin liegt damit – bezogen auf die Anzahl älterer Menschen – über dem Bundesdurchschnitt. In der Hauptstadt gibt es pro 1 000 Senioren drei Klinikaufenthalte, bundesweit sind es 2,5. Männer müssen fast doppelt so häufig stationär behandelt werden wie Frauen.

Folgen für das ganze Leben

Verantwortlich für Alkoholmissbrauch im Alter sind demnach sozialer Rückzug, Vereinsamung oder Perspektivlosigkeit. Allerdings baut der Organismus den Alkohol im fortgeschrittenen langsamer ab. Auch geringe Mengen können schon zu Trunkenheit und Kontrollverlust führen.

Cannabis ist nach der neuen Suchtstatistik dagegen vor allem für junge Erwachsene ein Problem: Mit durchschnittlich 26 Jahren sind sie die jüngste Gruppe, die sich behandeln lässt. Damit kommen sie jedoch später in Therapien als in anderen Bundesländern. Sie erhalten auch seltener Auflagen durch das Betäubungsmittelgesetz. Das liegt an der vergleichsweise hohen Toleranzmenge von 15 Gramm in Berlin.

Die Sucht kann Folgen für das ganze Leben haben. Viele Abhängige haben mit 15 Jahren angefangen, Cannabis zu rauchen. Rund ein Drittel schafft nicht einmal den Hauptschulabschluss. Gleichzeitig greifen in Berlin aber auch dreimal so viele Menschen mit Abitur zum Joint wie im Bundesschnitt.

In die Untersuchung ist inzwischen auch die Glücksspielsucht einbezogen. Drei Prozent aller Suchtpatienten erhielten Hilfe in einer ambulanten Einrichtung, ein Prozent in Kliniken. (dpa)