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Berliner Zeitung | East Side Gallery: Mit Spülmittel gegen das Vergessen
27. April 2014
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East Side Gallery: Mit Spülmittel gegen das Vergessen

Putzen, bis es sauber ist – Künstler Dmitri Wrubel und sein „Bruderkuss“.

Putzen, bis es sauber ist – Künstler Dmitri Wrubel und sein „Bruderkuss“.

Foto:

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Die Botschaft der Künstler an der East Side Gallery vom Sonntag ist deutlich: Wir putzen mit Freunden und Touristen und machen die Bilder sauber – nun ist die Stadt dran, sich um das Mauerdenkmal zu kümmern. „Die East Side Gallery muss sofort und ohne jede Vorbedingung in die Stiftung Berliner Mauer aufgenommen werden, damit sie dauerhaft geschützt wird“, sagt der Künstler Kani Alavi.

Mit Schwämmen, warmem Wasser und Spülmittel haben am Sonntag Künstler und rund 150 Helfer Schmierereien auf den Kunstwerken an der East Side Gallery beseitigt. Kani Alavi beantwortete Fragen von Mauertouristen, verteilte Wassereimer. Dann schrubbte er selbst wieder auf der Betonwand in Friedrichshain herum. Nur langsam begannen sich die Farben der Graffiti und Tags, die Tausende Touristen auf die Bilder gemalt oder gesprüht haben, aufzulösen.

Mühsame Aktion

Ausdauer war nötig, bis ein kleines Fleckchen von den Kritzeleien gereinigt ist. Schon lange fordert die Künstlerinitiative East Side Gallery einen kleinen Zaun vor der Open-Air-Galerie, damit die Besucher etwas Abstand halten, die Mauer aber noch berühren können. Die Parkplätze auf der Straße sollen verschwinden, die Beleuchtung verbessert werden. Passiert ist bislang nichts.

Auch zu der Putzaktion hat die Initiative aufgerufen. Denn nach der Grundsanierung der Mauer vor fünf Jahren, als 87 Künstler ihre Bilder nach 1990 ein zweites Mal aufgetragen haben und 101 Kunstwerke neu entstanden, wurden die meisten Bilder schon wieder bis zur Unkenntlichkeit beschmiert. Geschützt sind die Werke zwar durch eine Art Lackschicht. Doch für Reinigung und Pflege hat der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, dem das Areal gehört, kein Geld, auch der Senat kümmert sich nicht.

„Wenn die Bilder unter den fremden Schriftzügen verschwinden, ist das Gefühl der Freude über den Mauerfall nicht mehr vermittelbar, das die Künstler hier verewigt haben“, sagt Jörg Weber von der Initiative. Alavi befürchtet sogar: „Wenn die Bilder zerstört sind, ist die Mauer ein Schandfleck, dann kommen Unternehmer und wollen sie abreißen.“ So wie es Investoren ein paar Meter weiter schon getan haben, weil sie auf dem früheren Mauerstreifen an der Spree bauen.

1,3 Kilometer ist die East Side Gallery lang. Sie ist wie die Gedenkstätte Bernauer Straße Teil des Konzepts zum Mauergedenken. Wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) gut ein halbes Jahr vor dem 25. Jahrestag des Mauerfalls am Sonntag sagte, müsse gerade der jungen Generation, die weder das geteilte Deutschland noch den Mauerfall erlebte, auch künftig das Wissen über die Geschichte vermittelt werden.

Dass dazu die East Side Gallery gehört, stellt niemand in Frage. Dennoch werden sich Bund und Land nicht einig, wie sie mit dieser Erinnerungsstätte umgehen. Bereits 2013 hat Axel Klausmeier, Direktor der Stiftung Berliner Mauer, gefordert, den stadtgeschichtlich bedeutenden Ort besser zu erklären sowie mit einem denkmalpflegerischen Gesamtkonzept auszustatten. Er hat den Wunsch bekräftigt, die East Side Gallery unter das Dach der Stiftung zu holen. Laut Senat könnte das im Jahr 2015 erfolgen, 125 000 Euro sollen dafür im Haushalt bereitgestellt werden. Allerdings müsse das vom Bund mit derselben Summe kofinanziert werden. Der Bund wiederum dringt zunächst auf eine gesicherte Finanzierung durch das Land Berlin.

Künstler Dmitri Wrubel freut es an diesem Tag, dass so viele Passanten beim Putzen helfen. Vor fünf Wochen hatte er seinen berühmten „Bruderkuss“ schon mal gereinigt. „Alle sehen, dass die East Side Gallery ein Denkmal ist, aber keiner achtet es.“ Darüber müsse die Stadt jetzt nachdenken, sagt er.