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Edeka will Kaiser's-Tengelmann übernehmen: „Ich dachte immer, dass ich bei Kaiser’s in Rente gehen werde“

Christina Triebel kann auch Flugzeuge reparieren.

Christina Triebel kann auch Flugzeuge reparieren.

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Blz/knoblach

Christina Triebel und Ladenkasse, das ist eine Beziehung, die schon 35 Jahre hält. Sie kennt noch die Zeit, in der Milch in undichten „Schwabbeltüten“ verkauft wurde, Cola nur Club oder Vita mit Vornamen hieß und für Schwarztee-Trinker die Grusinische Mischung im Angebot war. In der Filiale in der Lichtenberger Schulze-Boysen-Straße sitzt die 59-Jährige an der Kasse, plaudert in bester Laune mit einer älteren Dame über das Wetter, während die ihren Einkauf verstaut. „Ich dachte eigentlich immer, dass ich bei Kaiser’s in Rente gehen werde“, sagt sie. Aber daraus würde ja nun nichts mehr werden. „Mal sehen, was kommt. Hauptsache, die Arbeitsplätze sind sicher.“

Wenn Edeka als Deutschlands größter Lebensmittelhändler die Läden der chronisch defizitären Kaiser's-Tengelmann-Kette übernehmen darf, wären die 6000 Jobs bei Kaiser’s in Berlin tatsächlich gerettet. Denn Edeka darf in den nächsten fünf Jahren keine der übernommenen Filialen verkaufen oder privatisieren. Das sind die Bedingungen, die die Mitarbeiter der Kaiser’s-Märkte hätte in Feierstimmung versetzen können. Doch davon war während unserer Besuche nichts zu spüren, die Reaktionen der Belegschaft eher eisig. „Kein Kommentar.“ „Dazu möchte ich nichts sagen.“ „Von mir erfahren Sie nichts.“

Angst? Misstrauen? Sprachverlust nach Monaten der Ungewissheit? Volker Bohne, Betriebsratsvorsitzender von Kaiser’s in Berlin, hat ebenfalls Erklärungsschwierigkeiten. Einerseits ist er zufrieden, weil er die Zusage für „fünf Jahre ohne betriebsbedingte Kündigungen“ hat, andererseits sieht er möglicherweise eine besondere Arbeitskultur beendet. „Kaiser’s ist eine Familie“, sagt Bohne.

Christina Triebel kam in diese „Familie“ als Flugzeugmechanikerin. Diesen Beruf hat sie einmal gelernt. Als sie dann aber „draußen in Schönefeld“ keine Wohnung fand und ihr der tägliche Arbeitsweg zu weit war, wechselte sie in den Handel. Vom Hangar in die Kaufhalle. HO statt Interflug.

Bei der DDR-Handelsorganisation (HO) machte sie eine zweite Ausbildung zur Fachverkäuferin, später zur Filialleiterin. 1980 saß sie das erste Mal hinter einer Kasse. „Das war in Lichtenberg, in der Kalinka-Kaufhalle“, erinnert sie sich. Dann war sie fast 20 Jahre in der Kaufhalle an der Rhinstraße am S-Bahnhof Friedrichsfelde Ost. Dort wurde dann aus der HO-Mitarbeiterin Triebel die Kaiser’s-Kollegin. Das war 1990.

102 Kaufhallen aus Ost-Berlin

Seinerzeit hatte die West-Handelskette im Osten allerdings nicht den besten Ruf. Schnell machte es die Runde, dass die Tengelmann-Tochter in Schwerin 27 der 31 attraktiv gelegenen HO-Kaufhallen ohne Vorwarnung übernommen hatte und damit im Umfeld selbstständige Kaufleute in den Ruin trieb. Bei der Treuhand gab es zwar Überlegungen, die HO-Kaufhallen wettbewerbsgerechter zu verteilen, der Macht westdeutscher Handelskonzerne konnte in dieser Phase aber niemand etwas entgegensetzen. Chaos und Überforderung kamen hinzu. Zuweilen waren HO-Mitarbeiter selbst eifrige Helfer. Auch die 102 Ostberliner HO-Kaufhallen gingen an Kaisers. Zunächst firmierten sie noch als Hofka, einem Markennamen, der aus HO, der ebenfalls übernommenen Forum Außenhandelsgesellschaft der DDR und eben Kaiser’s gebastelt wurde. Kaiser’s war der Marktführer im Ostteil des neuen Berlins.

Doch bald führte der Preiskampf im Lebensmittel-Einzelhandel bei Tengelmann zu Verlusten. 1999 wurden die Supermärkte von Kaiser’s und Tengelmann von der Unternehmensgruppe zum Verkauf gestellt. Schon damals war Edeka der aussichtsreichste Kandidat für die Übernahme der seinerzeit bundesweit mehr als 1300 Filialen. Die Verhandlungen scheiterten allerdings, da Edeka nur an den profitablen Märkten interessiert war. Betriebsratschef Volker Bohne war schon damals in der Arbeitnehmervertretung aktiv. „Edeka, nicht mit uns“, lautete seine Losung vor 17 Jahren. Und tatsächlich beschloss Tengelmann, seine Supermarkt-Ketten grundsätzlich zu behalten, sich aber auf die vier Kerngebiete, darunter auch Berlin, zu konzentrieren.

Schlaflose Nächte

In Hohenschönhausen treffen wir eine Filialleiterin, die bei Kaiser’s Eroberung des Ostens von Anfang dabei war. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen, erzählt aber, wie sie in der Wendezeit aus der HO-Verwaltung in eine Kaufhalle wechselte und nach einem sechswöchigen Praktikum in einem Supermarkt in Nordrhein-Westfalen ihre erste Kaiser’s-Filiale übernahm. In den vergangenen Monaten seit der Bekanntgabe der Verkaufsabsicht an Edeka habe sie einige schaflose Nächte erlebt, sagt die 58-Jährige, und dass sie viel Zeit und Herzblut für Kaiser’s investiert hätte. Hier zu arbeiten, sei immer irgendwie besonders gewesen. „Da macht man sich dann schon Gedanken, ob es das jetzt war, und die Märkte vielleicht alle dichtgemacht werden.“ Trotzdem habe sie zugleich auch ihre Mitarbeiterinnen beruhigen und motivieren müssen. „Jetzt ist wenigstens die Ungewissheit vorbei.“

Auch Christina Triebel ist froh, dass die monatelange Zitterpartie ein Ende hat – die Zeit, in der der Krankenstand überdurchschnittlich hoch gewesen sei. „Jetzt muss alles nur noch so kommen, wie es angekündigt wurde“, sagt sie. Das Sortiment werde sich nicht ändern und gearbeitet werden, müsse überall. Die 59-Jährige hofft nur, dass die Arbeitsbedingungen nicht schlechter werden. „Kaiser’s war immer sehr sozial. Da lass ich nichts auf die Firma kommen.“ Eine Familie eben, wie Betriebsratschef Bohne es nannte.



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