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Ehrenamt: Wenn Flüchtlingshelfer plötzlich selbst Hilfe brauchen

Hunderte Flüchtlinge warteten im Sommer 2015 oft über viele Tage hinweg am Lageso. Für die Ehrenamtlichen bedeutete das Dauereinsatz.

Hunderte Flüchtlinge warteten im Sommer 2015 oft über viele Tage hinweg am Lageso. Für die Ehrenamtlichen bedeutete das Dauereinsatz.

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imago/Christian Mang

Neben dem "Flüchtlingsstrom", der "Flüchtlingswelle" oder dem "Flüchtlingsansturm" ist in den letzten Wochen und Monaten eine weitere Massenbewegung in aller Munde. Es ist die Welle der Hilfsbereitschaft, der Strom der Freiwilligen, das Heer der Helfer. Überall im Land organisieren sich Menschen, um im großen und kleinen Stil die Ankunft und erste Integration der Geflüchteten zu begleiten, zu unterstützen, ja, überhaupt zu ermöglichen.

Denn schon lange geht es nicht mehr "nur" um Deutschunterricht und Gänge zu Behörden, um Stofftiere für Kinder und Spendensortieren. In vielen Erstaufnahmestellen, etwa dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) und in den schnell geschaffenen Notunterkünften in Turnhallen, Zeltstädten und maroden Gebäuden fehlt es am nötigsten.

Ehrenamtliche schaffen Hygieneartikel heran und waschen Wäsche, sie machen Betten und verteilen Essen. Und: Sie sprechen mit den Ankömmlingen, hören ihre Geschichten, heißen sie willkommen, erklären ihnen ihre Situation.

Dieses Engagement ist zwar freiwillig und kostet den Staat kein Geld. Einen Preis hat es dennoch. Denn viele Helfer bräuchten selber Hilfe. Sie haben sich übernommen, sind ausgelaugt, verzweifelt und wissen nicht mehr, wohin mit dem Erlebten.

"Ich kann nicht mehr"

Martina Schröder, Mitbegründerin vom Bündnis Willkommen in Wilmersdorf, kennt das. Bei ihr kommen neben immer neuen Hilfsangeboten auch etliche Emails mit dem Inhalt "Ich kann nicht mehr" an. Manchmal sind die Gründe organisatorischer Art, Helfer kriegen Beruf oder Studium, Familie und den ehrenamtlichen Einsatz nicht mehr unter einen Hut. Manchmal ist schlichte Erschöpfung der Grund. Und oft auch die extreme seelische Belastung, die die Arbeit in den Unterkünften oder am LaGeSo mit sich bringt.

"Wenn man die Flüchtlinge sieht und mit ihnen in Kontakt kommt, ist es unmöglich, Distanz zu wahren. Es ist extrem hart. Viele fühlen sich dafür verantwortlich - und arbeiten deswegen, bis sie nicht mehr können", erzählt Schröder. Selbst ihr, die lange als Rettungsassistentin gearbeitet und viel Schlimmes gesehen hat, gehen manche Momente näher, als sie erwartet hat. "Als ich gesehen habe, wie im Rathaus Wilmersdorf dieser Elendszug ankam, wie die Menschen hereingewankt kamen, standen mir die Tränen in den Augen."

Seelische Hilfe für die Helfer gibt es im großen Rahmen nicht. Die Initiativen bieten zwar intern je nach Ressourcen Supervision an, aber eigentlich müssten Politiker und Behörden hier aktiv werden, sagt Schröder. Und auf das viele Lob für die unermüdlichen Freiwilligen Taten folgen lassen, auch in dieser Hinsicht. Sie müssten offizielle und personell gut ausgestattete Anlaufstellen schaffen für die, die jetzt selber Hilfe brauchen.

Hoffnung hat Schröder wenig, schließlich gibt es ja nicht mal genug psychische Betreuung für die Flüchtlinge. Es gehen zwar erste Angebote von Therapeuten bei den Organisationen ein, sich um die Ehrenamtlichen zu kümmern, doch steckt die Hilfe für die Helfer noch in den Kinderschuhen. "Viele fühlen sich allein gelassen", sagt Schröder. Da helfen auch die lobenden Worte der Politiker landauf, landab nicht.

Hilfsbereitschaft hat Grenzen

Um nicht zusammenzubrechen oder zu resignieren, bleibt den Ehrenamtlichen also nur, genau zu prüfen, was sie schaffen - zeitlich, körperlich und psychisch. Manchmal geht Schröder auch von selbst auf die Helfer zu, rät zur Erholung, sagt: "Achte mehr auf Dich, mach ein paar Tage Pause."

Ein Helfer, der sich übernimmt, bringt niemandem etwas, nicht den Organisationen, nicht den Geflüchteten. "Man muss darauf achten, dass nichts hinten runter fällt, die eigene Familie, der Beruf, der Schlaf". Auch wenn das wiederum belastet, weil man das Gefühl hat, mehr tun zu müssen.

"Wir, die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer können nicht alle Probleme einer verfehlten Politik lösen. Das muss sich jeder klarmachen," warnt Schröder. Es klingt absurd, aber die oberste Regel für Helfer scheint zu sein: Sei Dir bewusst, dass Deine Hilfsbereitschaft Grenzen hat und haben muss. Und das sie nie reichen wird. "Eine ehrenamtliche Struktur kann nur unterstützend eingreifen, aber sie kann keine flächendeckende Organisation der Grundversorgung ersetzen."

Genau das tun die Helferinnen und Helfer aber seit Wochen. Auch Gis Rochow sieht die Notwendigkeit des freiwilligen Einsatzes jeden Tag - und den Preis, den viele dafür zahlen. Die 60-Jährige ist Ärztin für Psychiatrie und engagiert sich bei der Initiative "Medizin hilft Flüchtlingen".

Rund 50 Ärzte, 25 Krankenschwestern und 20 weitere Helfer arbeiten unter dem Dach der Organisation ehrenamtlich in den Notunterkünften und Erstaufnahmestellen, vor allem im Südwesten Berlins. Auch dort hat man erkannt, dass es neben der ärztlichen Versorgung und psychiatrischen Betreuung der Geflüchteten zunehmend auch darum geht, den Ehrenamtlichen beizustehen.

"Ich habe immer wieder erlebt, dass Helfer in Tränen ausgebrochen sind, wenn sie mit den Zuständen in der Notunterkunft und den Schicksalen der Flüchtlinge konfrontiert wurden. Gerade die ganz Jungen wissen oft nicht, worauf sie sich einlassen, wenn sie dort ankommen. Sie muten sich zu viel zu und brechen dann angesichts der traurigen Schicksale derer, denen sie helfen wollen, selbst zusammen."

Ein Aspekt, der auch Martina Schröder Sorge bereitet. Sie fürchtet, dass manch einer, der sehr unbedarft an die Sache herangeht, selbst seelischen Schaden nehmen könnte.

Aber auch andere, die schon lange dabei sind, geraten oft den Rand ihrer Einsatzkraft. Deshalb rechnet Rochow genau wie Schröder damit, dass das Engagement mit der Zeit nachlassen könnte. Neben Ermüdung und Erschöpfung werde bei vielen auch die Erkenntnis kommen, dass das, was als Überbrückung gedacht war - bis die nötigen Versorgungsstrukturen von politischer Seite geschaffen sind - viel länger nötig sein wird. Das schafft Frust, Enttäuschung, Hilflosigkeit.

Müssen die staatlichen Stellen hier schneller sein? Sorge tragen dafür, dass nicht nur für Notunterkunft, sondern auch schneller und umgreifender für die Rundumversorgung der Geflüchteten gesorgt wird? Um die Helfer nicht zu verbrauchen, die ja, wie in diesen Wochen oft zu hören ist, noch lange benötigt werden? Und bräuchte es von politischer Seite nicht auch mehr Unterstützung für die Initiativen und Organisationen, nicht zuletzt Beratung, Schulung und Betreuung der Hilfsbereiten?

Rochow ist vorsichtig mit Forderungen und Kritik an der Politik. "Ich denke, die Behörden tun das, was am dringendsten ist, und haben damit alle Hände voll zu tun. Die Flüchtlinge brauchen Dächer über dem Kopf. Der Winter steht vor der Tür." Sicher sei vieles verspätet und langsam in Gang gekommen, hätte das Land besser vorbereitet sein können auf die Ankunft der Tausenden. Aber es war es nicht, und jetzt muss vieles auf einmal geschafft werden. Und das dauere eben.

Auf eine Bank setzen und sprechen

Bis dahin sind die Initiativen und Organisationen wie "Medizin hilft Flüchtlingen gefragt. Zwei erfahrene Kolleginnen von Rochow, unter anderem spezialisiert auf Trauma-Behandlung, werden sich künftig gezielt um die Helfer kümmern, die nicht mehr können. "Manchmal reicht es, jemanden an die Hand zu nehmen, sich auf eine Bank zu setzen und zu sprechen. Zu fragen: Was hast Du Dir vorgestellt? Was würde Dir jetzt helfen?", erklärt Rochow.

Mit der Zeit soll ein Netz von Therapeuten entstehen, die sich gezielt um die Ehrenamtlichen kümmern können - in der Vorbereitung, Supervision und als Ansprechpartner, um Erlebtes zu verarbeiten. Aber auch das dauert seine Zeit - zumal diese neue Aufgabe ja nicht zulasten der psychosozialen Betreuung der Flüchtlinge gehen soll.

Doch seit einiger Zeit entstehen erste Bande von der Politik zur medizinischen und therapeutischen Flüchtlingshilfe - auch beim Thema Hilfe für die Helfer. "Es gibt erste Synergien, die Behörden fragen, was wir brauchen. Wir hoffen, dass auch hier der Schneeballeffekt greift und sich mehr entwickelt", sagt Rochow. Bis dahin werden die Ehrenamtlichen den Ehrenamtlichen so gut es geht helfen. Ein System, das wohl noch eine Weile bestehen bleiben muss.