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Berliner Zeitung | Ehrung für Berlin als behindertenfreundliche Stadt: „Früher waren Behinderte aus dem öffentlichen Leben verbannt“
04. December 2012
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Ehrung für Berlin als behindertenfreundliche Stadt: „Früher waren Behinderte aus dem öffentlichen Leben verbannt“

Über die Rampe in den Bus: Berlin ist als behindertenfreundliche Stadt ausgezeichnet worden .Doch vielerorts gibt es noch viele Hindernisse.

Über die Rampe in den Bus: Berlin ist als behindertenfreundliche Stadt ausgezeichnet worden .Doch vielerorts gibt es noch viele Hindernisse.

Foto:

Joachim Donath/BVG

Seit Montag ist Berlin Preisträgerin des EU-Preises „Access City Award“ 2013 – in Anerkennung des „umfassenden und strategischen Ansatzes Berlins bei der Schaffung einer barrierefreien Stadt“. Der Rollstuhlfahrer Martin Theben findet, dass die Verantwortlichen in Berlin durchaus noch mehr tun könnten.

Herr Theben, überrascht Sie diese Auszeichnung?

Ach Gott, wenn schon ein strategischer Ansatz eine Auszeichnung rechtfertigt… Aber ganz im Ernst: Es hat sich wirklich viel getan im Vergleich zu früher.

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Wie war denn Berlin früher?

Ich habe die Entwicklung seit 1988 mitverfolgt. Damals waren Behinderte passive Empfänger staatlicher Wohlfahrtsleistungen, für die es Sonderschulen gab und Sonderfahrdienste. Behinderte waren aus dem öffentlichen Leben verbannt, sie tauchten nicht in Schulen auf und nicht im Straßenverkehr.

Wie kam es dann zu Veränderungen?

Die Behinderten haben sich organisiert. 1987 sollte es Kürzungen beim Telebus geben, dem Behindertenfahrdienst. Ein Spontanzusammenschluss von Behinderten hat damals den Straßenverkehr blockiert, das war zur 750-Jahr-Feier. 1989 wurde auf Druck von Rot-Grün in Berlin die gemeinsame Erziehung Behinderter und Nichtbehinderter im Schulgesetz verankert. 1999 kam das Landesgleichberechtigungsgesetz, und nicht zu vergessen: die Grundgesetzänderung.

Das Grundgesetz?

Ja, erst 1994 wurde der Passus „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ in Artikel 3 verankert.

Was empfindet ein Mensch, der bereits körperlich eingeschränkt ist, wenn er auch gesellschaftlich ausgegrenzt wird?

Da spielt sicher eine Rolle, ob man diese Ausgrenzung von Geburt an kennt – wie ich zum Beispiel – oder später in den Rollstuhl gezwungen wurde oder erblindet ist. Es geht ja darum, Behinderte als gleichberechtigte Bürger zu sehen, also um die volle gesellschaftliche Teilhabe. Geht die nicht, empfindet man das als Belastung. Damit geht jeder anders um. Einige werden passiv, andere organisieren sich, die nächsten werden zynisch.

Sie meinen, einem Behinderten zu helfen, ist eigentlich nicht freundlich, sondern selbstverständlich?

Das sollte es sein. Aber natürlich sollte man ihn vorher fragen, ob er das will. Sonst ist das Bevormundung. Das ist eine Gratwanderung. Ich bin auch schon auf der Straße angesprochen worden, warum ich eigentlich im Rollstuhl sitze. Als ich 18 war, bin ich manchmal allein über den Kudamm gerollt. Wenn dann eine Pause gemacht habe, habe ich Geld bekommen von Passanten. Manchmal war ich empört, manchmal hab ich gesagt: Was denn, nur so wenig?

Was macht ihrer Ansicht nach eine behindertenfreundliche Stadt aus?

Ich finde das Wort behindertenfreundlich nicht gut, das klingt so nach ,gewähren’. Es geht ja nicht nur um abgesenkte Bordsteine. Menschen sollen sich trotz ihrer Einschränkung gut in der Stadt bewegen, egal, ob körperlich oder geistig behindert. Dazu gehört auch eine einfache öffentliche Sprache. Und es gibt den Slogan der Behinderten: Nichts über uns, ohne uns.

Was fehlt in Berlin?

Ich denke, Berlin fehlt der Wille auf lokaler Ebene in den Bezirken. Ich kann noch so große Programme auflegen – solange einigen die nötige Sensibilität fehlt, ist das ein Problem. Es gibt beispielsweise Sicherheitsbedenken, öffentliche Gebäude barrierefrei zu gestalten. Im Notfall, heißt es dann, behindern zu viele Behinderte die Rettungsmaßnahmen.

Wie oft stoßen Sie selbst in ihrem Alltag auf schwer überwindbare Hindernisse?

Im Prinzip täglich. Das geht los, wenn an der U-Bahn der Aufzug kaputt ist. Dann muss ich im Kopf schnell umdisponieren und mir eine neue Fahrstrecke ausdenken. Berlin hat viel gemacht in den vergangenen Jahren. Aber die Stadt soll nicht für strategische Ansätze ausgezeichnet werden, sondern für Erfolg. Und zwei Dinge sollten nicht vergessen werden: Ohne den Druck von Behinderten wäre nichts passiert. Und letztlich nützt die Barrierefreiheit allen.

Das Gespräch führte Claudia Fuchs


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