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Berliner Zeitung | Einladungen an Berliner Schulen verschickt: Die Bundeswehr umgarnt Schüler mit Abenteuercamps
28. May 2015
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Einladungen an Berliner Schulen verschickt: Die Bundeswehr umgarnt Schüler mit Abenteuercamps

Werbung für die Bundeswehr findet vielerorts statt, hier beim Tag der offenen Tür im Verteidigungsministerium.

Werbung für die Bundeswehr findet vielerorts statt, hier beim Tag der offenen Tür im Verteidigungsministerium.

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imago stock&people

Schüler des Lichtenberger Johann-Gottfried-Herder-Gymnasiums staunten, als sie die Handzettel sahen. „Bw-Beachen 2015: Bundeswehr lädt 16- und 17-Jährige aus ganz Deutschland zum Teamsport-Event ein“, war der Zettel überschrieben, den die Schülervertreter aus dem Sekretariat erhalten hatten. Zunächst wusste keiner etwas anzufangen mit dem Begriff „Beachen“. Ein Wort, das es weder im Deutschen noch im Englischen gibt.

Als sie weiterlasen, erfuhren die Schüler, dass die Bundeswehr Turniere in Beachvolleyball und Beachsoccer (vulgo: Strandfußball) organisiert. Dazu gibt es ein Rahmenprogramm mit Musik, Bars und DJ. Beachen nennt das die Bundeswehr. „Neben Pokalen und Medaillen gibt es tolle Sachpreise und Auslandsreisen zu gewinnen, zum Beispiel nach London oder Sardinien“, wirbt die Armee in dem Schreiben, das an Lehrer gerichtet ist.

„Yes4you.bundeswehr“

„Sämtliche Kosten inklusive Bahnreise, Unterbringung und Verpflegung übernimmt die Bundeswehr“, steht dort. Das Schreiben der Bundeswehr war im Schulsekretariat eingegangen und offenbar aus Versehen an die Schülervertreter weitergeleitet worden. „Eigentlich ignorieren wir Einladungen und Angebote der Bundeswehr“, sagte eine Lehrerin.

Zwei größere Veranstaltungen führt die Bundeswehr unter dem Motto Bw-Beachen durch, eine davon findet ab diesem Freitag im münsterländischen Warendorf statt. Die Bundeswehr gibt sich als Eventagentur, auf dem Briefkopf prangt noch der PR-Spruch „Yes4you.bundeswehr“. Tatsächlich macht die Bundeswehr mit diesen Briefen – ein weiterer ging an die Lichtenberger Puschkin-Schule – Werbung in eigener Sache. Perspektivisch will man neues qualifiziertes Personal gewinnen, umso dringlicher seit Deutschland die Wehrpflicht ausgesetzt hat. Seit Anfang 2014 kümmerte sich eine eigene Abteilung Jugendmarketing um die Bw-Events.

Ein Licht auf die Arbeit dieser Abteilung wirft jetzt ein Bericht des Bundesverteidigungsministeriums, der auf Anforderung von Gesine Lötzsch, Fraktionsvize der Linken im Bundestag, zustande gekommen ist. Dort heißt es, dass die sieben Mitarbeiter aus mehreren Dienststellen im Kölner Bundesamt für Personalmanagement der Bundeswehr zusammengeführt worden seien. Die jährlichen Personalkosten für die vier zivilen Mitarbeiter sowie die drei Militärs belaufen sich laut Verteidigungsministerium auf 397.197 Euro.

„Jugendmarketing bietet ein altersgerechtes Kommunikationsangebot, um sich kostenlos und unverbindlich über die Bundeswehr zu informieren“, teilt das Verteidigungsministerium weiter mit. „Es soll dialogorientiert Interesse an der Bundeswehr wecken.“ Eine Rekrutierungsmaßnahme sei dies aber nicht, wird noch betont.

Neben dem Bw-Beachen gibt es die Bw-Adventure Camps, also Abenteuer-Lager. Ein Adventure Camp fand auf Sardinien statt, das andere auf einer bayerischen Alm. Und es gibt die Bw-Olympix, wo es um Wettbewerbe in Trendsportarten wie Streetball geht.

Eine halbe Million Euro

Im vergangenen Jahr führte die Bundeswehr insgesamt neun solcher Events durch, die Gesamtkosten allein dafür beliefen sich auf 557 000 Euro. Besonders aufwendig waren die zwei Adventure Camps. Die Verteidigungsministerium verweist stolz drauf, dass die dazugehörige Homepage und die Facebook-Seite im Internet häufig angeklickt werde.

„Das ist der Versuch die Bundeswehr als Abenteuerspielplatz zu verkaufen“, kritisierte Gesine Lötzsch, die Vorsitzende des Bundestag-Haushaltsausschusses. Dabei seien das verkappte und teure Rekrutierungsmaßnahmen. „Ich werde bei den Beratungen zum Haushalt 2016 beantragen diese Mittel ersatzlos zu streichen.“

Ein Sprecher des Kölner Bundesamtes teilte mit, dass die Bundeswehr nicht alle Schulen anschreibe, sondern nur solche, an denen Schüler Interesse gezeigt hätten. Bei den Bw-Events werde auch stets über Verwundungen von Soldaten und deren besondere Belastungen gesprochen.


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