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Elektroautos besetzen in Berlin nur kleine Nische

Smarts beim Aufladen. Die Rudolf-von-Gneist-Gasse unweit vom Potsdamer Platz ist die erste E-Carsharing-Straße in Europa.

Smarts beim Aufladen. Die Rudolf-von-Gneist-Gasse unweit vom Potsdamer Platz ist die erste E-Carsharing-Straße in Europa.

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dpa/Laurin Schmid

So viel steht fest: Wer sich mit dem Thema Elektromobilität befasst, muss Optimist sein. Denn obwohl die prozentualen Zuwächse groß sind, muten die absoluten Zahlen weiterhin wenig eindrucksvoll an. „Wir haben 30 Prozent mehr Elektrofahrzeuge als im vergangenen Jahr“, sagte Gernot Lobenberg, Chef der Berliner Agentur für Elektromobilität, am Mittwoch. Doch angesichts von 1,3 Millionen zugelassenen Kraftfahrzeugen allein in Berlin besetzen die mehr als 3000 Elektromobile in Berlin und Brandenburg nur eine Nische. Auch die Zahl der künftig neu entstehenden Arbeitsplätze, die einen Bezug zur E-Mobilität haben, hält sich in Grenzen – wie nun eine neue Studie zeigt. Sie wurde am Mittwoch während der vierten Hauptstadtkonferenz zur Elektromobilität vorgestellt.

Schöne neue Verkehrswelt: Damit hat sich das Beratungsunternehmen McKinsey befasst. Unter der Leitung von Andreas Venus wurden die Entwicklungen, die sich auch in Berlin abzeichnen, analysiert. So werden immer neue Apps die Berliner immer besser an ihre Ziele dirigieren. Elektroniksysteme machen Autos autonom und Fahrer überflüssig. Immer mehr Berliner haben keine eigenen Wagen mehr, weil sie sich Autos mit anderen teilen. „In keiner anderen Stadt Europas gibt es mehr Car-Sharing-Fahrzeuge als hier“, stellte Venus fest.

3700 Taxifahrer bald ohne Arbeit

Die neuen intelligenten Formen der Mobilität werden auch den Arbeitsmarkt aufmischen. Laut McKinsey führen sie dazu, dass in Berlin bis 2030 rund 14 000 Arbeitsplätze neu entstehen – davon 9 000 Stellen, die unmittelbar mit dem Verkehr zu tun haben, und weitere 5 000 in anderen Branchen, weil die neuen Arbeitnehmer für zusätzlichen Konsum sorgen werden.

Allerdings steht diesem Zuwachs ein Arbeitsplatzabbau gegenüber. Venus: „Das Nachsehen könnten Autohändler haben“ – weil immer weniger Berliner ein eigenes Auto besitzen wollen. In Berlins Taxibranche könnten bis zu 3 700 Fahrer-Arbeitsplätze wegfallen – wenn sich Firmen wie Uber durchsetzen und immer mehr Privatleute andere Menschen in ihren Autos befördern.

Ein weiteres Ergebnis: Von den neuen Arbeitsplätzen werden nur 1 800 mit der Elektromobilität zu tun haben. „Das liegt unter anderem daran, dass es in Berlin kaum Produktionskapazität gibt“, hieß es. In Bereichen wie Software oder Elektronik entstünden mehr Stellen.

Doch dieses Resultat wurde während der Konferenz im Roten Rathaus nicht weiter thematisiert. Stattdessen begann sie mit einem Streit zwischen zwei Senatspolitikern. Es ging um die Ladesäulen.

Zwar gibt es inzwischen 650 öffentliche Strom-Zapfstellen in der Stadt, 150 mehr als im vergangenen Jahr. 2016 soll die Zahl über tausend steigen. Doch Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer geht der Netzausbau, der von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gesteuert wird, viel zu langsam voran. In Paris habe sie alle 300 Meter eine Ladesäule gesehen. „Da müssen wir besser werden“, sagte die CDU-Politikerin. Ausschreibung und Vergabeverfahren hätten zwei Jahre in Anspruch genommen: „Das war nicht smart.“

BVG plant Großeinkauf

Das ließ Verkehrs-Staatssekretär Christian Gaebler nicht auf sich sitzen. „Für uns gilt: Gründlichkeit vor Schnelligkeit“, sagte der SPD-Politiker. Damit ein Wettbewerbsverfahren nicht später von Richtern aufgehoben wird, müsse es sorgfältig gestaltet werden – und das dauere.

Gaebler wies auch den Rat der McKinsey-Leute zurück, für E-Autos bevorzugte Parkmöglichkeiten zu schaffen. Der öffentliche Raum sei knapp: „Elektroautos belegen ihn genauso wie herkömmliche Autos.“ Er halte auch nichts davon, Busspuren für Strom-Mobile freizugeben.

Weil der Privatmarkt für E-Mobile kaum wächst,setzt die Agentur für Elektromobilität immer stärker auf andere Felder. Lobenberg: „Wir sehen ein großes Potenzial in der Entwicklung von elektrischen Bussen, Nutzfahrzeugen und Schiffen.“

In Berlin werden vier E-Busse auf der Linie 204 ( Zoo – Südkreuz) getestet. „Was die Verfügbarkeit anbelangt, sind sie nicht so weit wie Dieselflotten“, sagte Rico Gast von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Doch das Landesunternehmen setze sich dafür ein, dass die Busse auch nach dem Ende des Tests weiter fahren. Und mit der Hamburger Hochbahn spreche die BVG darüber, ob man ab 2020 oder 2022 nicht gemeinsam größere Mengen Elektrobusse kaufen könnte, um Geld zu sparen – 100 oder 200. Gast: „Dann wird es sich beweisen, ob marktfähige Preise möglich sind.“