28.10.2011

Elektromobilität: Tanken an der Steckdose

Von Torsten Müller
Der schwere Akku  kommt aus England.
Der schwere Akku kommt aus England.
Foto: Gerd Engelsmann
Potsdam –  

Eine Potsdamer Spedition testet Deutschlands ersten Elektro-Laster im Alltagsgeschäft.

Gut 20.000 Kilometer ist Thorsten Schlichting mit seinem Lkw, einem für elf Tonnen zugelassenen Transporter, seit Mai dieses Jahres gefahren. Für einen Berufskraftfahrer ist das kaum rekordverdächtig. Und doch sind diese 20.000 Kilometer für Schlichting eine besondere Marke. Seit dem Frühjahr lenkt er für die Fahrlander Niederlassung der Spedition Meyer & Meyer Deutschlands ersten Elektro-Lkw über die Straßen. „Dass ich mal mit einem Elektroscooter Ware ausliefere, daran habe ich nicht mal im Traum gedacht“, sagt Schlichting. Seinen Beruf hat er in der DDR noch auf einen Robur LO und einen W.50 gelernt.

Umbau in Holland

Meyer & Meyer beliefert von Fahrland aus Modegeschäfte in den Innenstädten von Berlin, Potsdam und Brandenburg/Havel. Die Speditionsfirma aus der Nähe von Hannover hat für ihre brandenburgische Filiale zwei Dieselfahrzeuge mit Elektromotoren ausstatten lassen. Die beiden Fahrzeuge sind Teil eines vom Bund geförderten Modellversuchs, mit dem unter wissenschaftlicher Begleitung des Berliner Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik die Möglichkeiten der Elektromobilität im städtischen Lieferverkehr ausgelotet werden. Bei den Testautos ersetzen mehrere Akkublöcke und ein 120 Kilowatt starker Elektromotor den Dieselmotor, Tank und Getriebe. Der Umbau wurde von einer kleinen holländischen Spezialfirma vorgenommen. „Die deutschen Branchenführer hatten leider kein Interesse“, sagt Arnulf Bleck. Der Chef des Flottenmanagements von Meyer & Meyer gehört zu den Vätern des Projekts.

Thorsten Schlichting muss die Ware anliefern, bevor die Läden öffnen. Das heißt für den Kraftfahrer nicht nur, dass er kurz nach Mitternacht ausgeschlafen hinter dem Lenkrad sitzen muss. Das hieß bis zum Mai dieses Jahres auch, dass er mit einer lauten Abgasschleuder in die Wohngebiete der Städte fuhr. Wenn der 45-Jährige jetzt an einer Kreuzung anfährt oder durch enge Einkaufsstraßen manövriert, dann hämmert kein aufheulender Dieselmotor die Anwohner aus dem Schlaf. Nur ein leises Summen der Aggregate und das Rollen der Reifen ist zu hören. So muss er sogar aufpassen, dass er in Fußgängerzonen von müden Partygängern überhaupt noch wahrgenommen wird. Der umweltfreundliche Laster verbraucht pro Jahr statt rund 8000 Litern Diesel 18.100 Kilowattstunden Strom, womit sich der reine Energiebedarf um rund ein Drittel reduziert hat. Das haben die Messergebnisse und Berechnungen des Fraunhofer-Instituts ergeben. Die Wissenschaftler haben über einen GSM-Sender direkten Zugriff auf alle Daten des Fahrzeugs.

Hohe Anschaffungskosten

Diesen Vorteilen stehen bislang noch die hohen Anschaffungskosten für die Elektrofahrzeuge gegenüber. Die einzeln gefertigten Autos sind laut Arnulf Bleck rund viermal so teuer wie ein normaler Diesel-LKW. Die Hälfte der Kosten sind Fördermittel. Den Rest übernahm die Spedition. „Unsere Erwartungen sind bei weitem übertroffen“, sagt Arnulf Bleck. „Wenn die großen Hersteller auf den Zug aufspringen und die Politik weiter Fördermittel bereit stellt, dann könnten Elektro-Lkw im City-Lieferverkehr in vier, fünf Jahren zum Alltag gehören.“ Ähnlich sieht es Werner Schönewolf vom Fraunhofer-Institut. Der Koordinator des Gesamtprojektes „E-City-Logistik“ sagt, führende deutsche Nutzfahrzeugproduzenten hätten ihm bestätigt, dass sie bei weiteren Modellversuchen dabei sein wollen. „Alle Partner sind sich einig, dass wir auf Wechselakkus setzen werden. So können wir die Fahrzeuge im Mehrschichtsystem ganztägig einsetzen“, sagt Schönewolf.

Zwölf Stunden Aufladezeit

Nach rund 170 Kilometer müssen die Elektro-Lkw mit einer Steckdose verbunden werden. Zwölf Stunden beträgt die Aufladezeit der Akkus. Das Fraunhofer-Institut hat in der Fahrzeughalle in Fahrland eine Stromtankstelle installiert, die ausschließlich mit Ökostrom versorgt wird. „Sonst wäre das ganze Engagement ja nur halbherzig“, sagt Niederlassungsleiter Andreas Blumenthal. Er räumt ein, dass ein Elektroauto täglich 250 Kilometer schaffen müsste, um ein Dieselfahrzeug komplett zu ersetzen. Mit einem einfach zu wechselnden Akku wäre das überhaupt kein Problem mehr. Vor dem Projektstart war er in Sorge, ob er auch die Fahrer finden würde, die sich mit den „Spielzeugautos“ anfreunden können.

Inzwischen weiß er, dass seine Kollegen auf ihre sauberen Gefährte schwören. Thorsten Schlichting ist richtig auf dem Ökotrip angekommen. Er sieht die Armada der Lkw, die mit ihm allmorgendlich in die Citys hinein- und später wieder herausrollt, inzwischen mit sehr kritischen Augen. „Wenn nur jeder zweite davon mit Elektromotor fahren würde“, sagt er, „was könnten wir der Stadt an Krach und Dreck ersparen.“

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