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Energie Cottbus: Stadionverbot für Neonazis

Ein paar Plätze werden bei Spielen des FC Energie künftig frei bleiben.

Ein paar Plätze werden bei Spielen des FC Energie künftig frei bleiben.

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Imago

Cottbus -

Jahrelang ließ man sie gewähren, die rechtsradikalen Mitglieder der Ultra-Gruppe Inferno Cottbus 99. Die Fans des Zweitligisten und Brandenburger Top-Clubs FC Energie Cottbus provozierten im Stadion immer wieder mit rechtsradikalen Sprüchen, zeigten etwa ein Banner mit dem Wort Juden in Frakturschrift und dem Davidstern, um damit Dresdener Fans zu beleidigen. Das Image des Fußball-Clubs nahm Schaden. Lange Zeit unternahm die Vereinsführung wenig bis gar nichts gegen Inferno – wohl auch, weil die 100 bis 150 Mitglieder der Gruppe als verlässliche Stimmungsmacher im Stadion galten.

Am heutigen Montag beginnt für den FCE die neue Spielsaison, mit einem Auswärtsspiel gegen Fortuna Düsseldorf. Nächsten Sonntag folgt das erste Heimspiel. Ab sofort ohne Inferno 99 im Stadion, kündigte der Verein kürzlich an. Den Auftakt zur Saison nutzte Energie, um nun doch ein Zeichen zu setzen gegen die Rechtsextremisten aus dem Ultra-Block. Inferno sei ab der neuen Saison mit einem „Erscheinungs- und Auftrittsverbot“ belegt, teilte der Club in einem offenen Brief mit. Es gelte bis auf weiteres, bei Heim- ebenso wie bei Auswärtsspielen. Konkret bedeutet dies, dass die Gruppe Fahnen, Banner und andere Erkennungssymbole nicht zeigen darf. Stadionbesucher, die sich nicht daran halten, würden „ohne Toleranz zur Verantwortung gezogen“.

Als Grund nannte der Fußballclub einen antisemitischen Vorfall bei einem Auswärtsspiel. Konkretes darüber erfährt man aus dem offenen Brief nicht, und auch die FCE-Pressestelle gibt sich verschwiegen. Dafür bestätigt die Dresdener Polizei eine Information der Berliner Zeitung, dass es um ein Spiel gegen Dynamo Dresden am 21. April geht. Auf einer Glasabschirmung vor dem Gästeblock habe man den Schriftzug „Juden DD“ entdeckt. Dieser sei im Schutz eines Cottbusser Fanbanners angebracht worden, mutmaßlich von Inferno-Leuten. Gegen mehrere Personen werde wegen des Verdachts der Volksverhetzung ermittelt, so ein Polizeisprecher. Ein weiteres Strafverfahren treffe einen Mann, der den Hitlergruß gezeigt habe.

Zu spät, zu halbherzig

Möglicherweise brachte dieser Vorfall das Fass zum Überlaufen. Klar ist aber auch: Der Druck auf den FCE war in den vergangenen Monaten enorm gestiegen, vor allem von politischer Seite. Im Januar war Inferno 99 Thema im Potsdamer Landtag, und sogar die mittlerweile pensionierte Verfassungsschutzchefin Winfriede Schreiber hatte sich eingeschaltet und Energie Cottbus öffentlich vorgeworfen, nicht ausreichend gegen rechtsextreme Fans vorzugehen.

Auslöser waren wiederholte Vorfälle in den vergangenen Jahren. 2012 etwa hatte die Fangruppe bei einem Spiel gegen St. Pauli die Parole „Nur ein Sieg heilt unsere Wunden“ gezeigt. Dann fielen plötzlich einzelne Buchstaben aus dem Schriftzug, so dass „Sieg heil“ stehen blieb. Einige Jahre zuvor hatte ein Transparent mit dem Spruch „Widerstand läSSt sich nicht verbieten“ für Aufsehen gesorgt, wobei die zwei „S“ als „Sig-Runen“ dargestellt wurden.

Für das Inferno-Darstellungsverbot gab es nun viel Lob an die Adresse des FCE – aber auch Kritik. Zu spät reagiert, zu halbherzig, lauteten einige Reaktionen. Ein Betätigungsverbot reiche nicht, viel mehr müssten zusätzliche Stadionverbote gegen Personen verhängt werden, hieß es auf dem Zeit-Blog Störungsmelder, der rechtsextreme Vorfälle dokumentiert. So ein Verbot habe es schon 2002 gegeben, trotzdem hätten die Inferno-Leute weiter Banner gezeigt – mit modifizierten Aufschriften. „Diese Leute werden weiter versuchen, ihre Transparente reinzuschmuggeln“, sagt auch Susanne Kschenka vom Mobilen Beratungsteam Cottbus, das Kommunen und Vereine bei der Abwehr rechtsextremer Entwicklungen berät. Vor allem bei Auswärtsspielen, wo es die meisten Vorfälle gab, seien solche Maßnahmen schwer durchzusetzen.

„Ja, wir geben auf!“

Doch wie viele Stadionverbote wurden jetzt tatsächlich ausgesprochen? Bislang war nur von einer Handvoll die Rede, darunter eines gegen William „Willi“ P., den Einpeitscher der Inferno-Ultras, der auch führendes Mitglied in der 2012 vom Innenministerium verbotenen Neonazi-Gruppe Widerstand Südbrandenburg gewesen sein soll. Aus FCE-Kreisen ist jedoch zu hören, dass nach dem Vorfall in Dresden die Zahl der Stadionverbote deutlich erhöht wurde, auf etwa 25. Damit hätte die Hälfte der rechtsextremen Inferno-Mitglieder, deren Zahl vom Innenministerium mit etwa 50 angegeben wird, Stadionverbot. Offiziell bestätigen wollte Energie Cottbus diese Information nicht.

Auch das Innenministerium warnt davor, zu sehr auf das Verbot von Bannern zu setzen. „Inferno Cottbus 99 verkörpert eine der übelsten rechtsextremistischen Erscheinungsformen, die in Brandenburg anzutreffen sind: aggressiver Antisemitismus in Verbindung mit gewaltorientiertem Hooliganismus“, sagt Ingo Decker, Sprecher des Ministeriums. Die betreffenden Personen seien durch das Erscheinungsverbot nicht aus der Welt. „Sie werden versuchen, diese Auflage zu unterlaufen. Sei es durch Unterwanderung anderer Gruppierungen oder Umbenennung“, so Decker.

Auf ihrer Facebook-Seite präsentieren sich die Inferno-Mitglieder dieser Tage mit einem ironischen Logo. „Ja, wir geben auf!“ steht dort, darüber eine Hand mit gekreuztem Zeige- und Mittelfinger. Dass sie ganz und gar nicht aufgeben wollen, zeigte kürzlich ein FCE-Testspiel in Österreich. Trotz Verbots präsentierten sie ein Inferno-Banner – und ernteten später im Internet den Applaus Hunderter Sympathisanten.