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Energiegewinnung in Brandenburg: Wie man mit Drachen Strom erzeugt

Der Drachen hängt an drei sehr dünnen und dreihundert Meter langen Seilen.

Der Drachen hängt an drei sehr dünnen und dreihundert Meter langen Seilen.

Foto:

Gerd Engelsmann

Pritzwalk -

In weiten Bahnen zieht der Drachen am Himmel entlang. Es sind große Achten, die das Fluggerät in fast 300 Metern Höhe über dem Flugplatz Pritzwalk (Prignitz) fliegt. Immer und immer wieder – stundenlang. Der Drachen, der aussieht wie ein Gleitschirm, hängt an sehr dünnen Seilen.

Und die werden nicht etwa von einem Menschen gesteuert, sondern von einem Computer. „Der stellt den Drachen immer wieder perfekt in den Wind“, sagt Christian Gebhardt. Er muss es wissen, der 41-Jährige ist Drachenflieger, also Kitepilot, und sogar Weltrekordhalter. Doch hier geht es nicht etwa um ein Hobby, sondern um die Zukunft der Energiegewinnung. Denn dieses Fluggerät soll so etwas wie eine Revolution der Stromerzeugung werden. Jedenfalls wenn es nach Gebhardt und seinen Kollegen geht.

Interesse in Asien und Arabien

„Ich beschäftige mich seit den 90er Jahren mit Windkraft, vor allem mit den hohen Kosten dieser Form der Energiegewinnung“, sagt Luftfahrtingenieur Alexander Bormann, Mitbegründer der Kleinmachnower Firma Enerkite – also Energiedrachen. „Wir wollten ein System entwickeln, das erneuerbar ist, günstiger als jede andere Stromquelle und auch das Potenzial hat, versorgungssicher zu sein.“

Er und sein neunköpfiges Team aus Maschinenbauern, Mathematikern, Industriedesignern und Flugingenieuren setzt auf die Kraft des Windes. Windräder empfinden manche Leute als störend, aber ihre Funktionsweise ist so simpel, dass selbst Kinder sie verstehen: Der Wind treibt den Rotor hoch oben auf dem Turm an. Beim Energiedrachen ist es etwas komplizierter: Der Drachen hängt an 300 Meter langen Seilen, die auf dem Dach eines Lkw auf einer großen Rolle aufgerollt sind. Wird der Drachen gestartet, treibt der Wind ihn an und er schraubt sich in weiten Achten immer weiter in die Höhe. Dabei wird das Seil von der Rolle abgerollt und ein Generator in der Rolle erzeugt Strom. Hat der Drachen die Maximalhöhe von 300 Metern erreicht, wird er wieder 100 Meter nach unten gezogen – das kostet etwa ein Achtel der zuvor erzeugten Energie – und schon beginnt der Aufstieg und die Stromproduktion erneut.

Ein Messgerät am Lkw zeigt, wie viel Energie erzeugt wird. Mal sind es zehn Kilowatt, mal vierzig. Der Zeiger schwankt stark hin und her. Je nachdem, wie schnell der Drachen fliegt. Mit dem Strom werden dann Akkus für den Verbraucher geladen.

Das Ganze ist ein Pilotprojekt. Mit dem aktuellen Testflug wollte das Team 80 Stunden Dauerbetrieb schaffen. Doch es hat nicht ganz geklappt, zwischendurch musste ein Bauteil repariert und der Drachen dafür eingeholt werden. „Wir schaffen nun 54 Stunden“, sagt Bormann. Es gebe weltweit etwa ein Dutzend Forscherteams, die an ähnlichen Projekten arbeiten. „Aber ich kenne keines, das so lange geflogen ist. Die Konkurrenz an einer holländischen Uni will erst in zwei Jahre 48 Stunden schaffen.“

Er und seine Wissenschaftler sind eine Ausgründung der Technischen Universität Berlin und haben bislang 1,5 Millionen Euro Fördergeld für ihre Forschungen erhalten und 600 000 Euro Eigenkapital investiert. „Nun suchen wir nicht nur einen Produktionsstandort, um künftig jedes Jahr etwas 200 dieser Anlagen zu produzieren“, sagt er. „Wir suchen auch Investoren.“ Für die Produktion der ersten Anlagen sind 3,5 Millionen Euro nötig. „Interesse besteht derzeit vor allem in Asien und im arabischen Raum“, sagt Bormann. „Aber es wäre doch schade, wenn deutsche Technologie, die mit deutschem Forschungsgeld an deutschen Hochschulen erdacht wurde, ins Ausland geht.“

Strom für 60 Haushalte

Der Testdrachen über Pritzwalk kann etwa 60 Haushalte mit Strom versorgen. „Doch die Anlage, die wir 2017 auf den Markt bringen wollen, schafft etwa 200 Haushalte“, sagt Gebhardt. Die Idee ist, dass sich Landwirtschaftsbetriebe so mit Strom versorgen oder kleine Siedlungen, Gewerbeparks, Tankstellen – wenn sie denn 500 Meter Radius als Sicherheitsabstand haben. Und die Kosten? „Die sind etwa so hoch wie bei einem Windrad, aber der Ertrag ist bei uns doppelt so hoch“, sagt Bormann. „Ein weiterer Vorteil: Bei unserem System wird extrem wenig Material benötigt und es ist transportabel.“

Aber für Laien gibt es ein Problem: Bei einem Drachen ist immer auch ein Absturz möglich. Doch dies sei keine Gefahr, sagt Bormann. Denn der Drachen wird computergesteuert und wenn tatsächlich mal zu wenig Wind sein sollte, wird er automatisch gelandet. „Die hiesigen Windverhältnisse reichen aus, dass er 95 Prozent der Zeit fliegen kann“, sagt er.

Weitere Infos zu dem Projekt unter www.enerkite.de