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Erfahrungsbericht: "Die Punks sind zu Yuppies geworden"

Mehrere linke Mieter- und Kiezinitiativen hatten anlässlich der Veranstaltung zu Protestaktionen gegen steigende Miet- und Immobilienpreise in der Berliner Innenstadt aufgerufen.

Mehrere linke Mieter- und Kiezinitiativen hatten anlässlich der Veranstaltung zu Protestaktionen gegen steigende Miet- und Immobilienpreise in der Berliner Innenstadt aufgerufen.

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Markus Wächter

Berlin -

Wer ist hier eigentlich wer? Wer Wohnungssuchender und wer Mietaktivist? Wer Pressevertreter und wer Zivilpolizist? Aber fangen wir doch vorne an, als alle noch im Bus sitzen, vom Alexanderplatz in Richtung Kreuzberg fahren und ein älterer Herr mit Hut, Bart, Hornbrille sich das Bordmikrofon schnappt. Mit latent französischem Akzent stimmt er die Reisegruppe auf das Besichtigungsgebiet ein. „Wir fahren jetzt nach Kreuzberg“, nuschelt er, „das war der Ort in den Achtzigerjahren, wo man alle Punks getroffen hat und die türkische Community.“

Pause. Knackgeräusche. „Es hat sich nichts geändert, die Punks sind wegzogen oder sind Yuppies geworden.“ Spätestens da hätte den Busreisenden klar werden müssen, dass sie nicht an einer Langen Nacht der Wohnungsbesichtigung teilnehmen, sondern sich mitten in einem absurden Theaterstück befinden. Mitten auf der Bühne.

"Weil es hier cool ist"

Wohnung Nummer eins: Schlesische Straße 14, frisch renovierter Altbau, Hinterhaus, 103,48 Quadratmeter, vier Zimmer, Dielenboden, Zentralheizung, zwei kleine Abstellkammern, Gesamtmiete 1261,41 Euro. Ein junger Mann, Student, der nach eigenen Angaben neunzehn Jahre alt ist, aus Paderborn stammt und Harald Underberg (!) heißt, zeigt sich interessiert. Er ist in Begleitung seiner Freunde zum mobilen Besichtigungstermin erschienen und wird von einem Radiojournalisten begleitet. Warum er nach Kreuzberg ziehen wolle? „Weil es hier cool ist.“

Wie viel er bereit sei, für die Wohnung zu bezahlen? „Sechshundert.“ Die in schwarz gekleidete Frau, die zufällig in diesem Moment vorbeikommt, sagt: „Wo kommst du denn her?“ An der Wand lehnt ein Bild. Dazu steht in der Wohnungsbeschreibung: „Der Künstler Anil Kohil stellt in entspannter Atmosphäre seine neuesten Werke vor!“ Und: „Ganz zwanglos können Sie sich führen lassen oder selbst auf Entdeckungsreise gehen.“ Aus dem Innenhof dröhnt lauter Punkrock. Offensichtlich sind noch nicht alle zu Yuppies geworden.

Polizei sperrt Häuser ab

Wohnung Nummer zwei: Schlesische Straße 20, gepflegter Altbau, Vorderhaus, 163,17 Quadratmeter, fünf Zimmer, Eichenfischgrätenparkett, Kachelöfen, Balkon, Kaufpreis 380.000 Euro. Ein älterer Mann, den man bei jeder Demo gegen steigende Mieten in der ersten Reihe sieht, entdeckt die Sektflaschen, die jemand auf einem Tisch abgestellt hat, daneben stapeln sich Plastikbecher. Er lässt den Korken knallen und ruft in den Raum: „Schön dass Sie hier sind, um kräftig abzukassieren. Es lebe der Kommunismus.“

Ein jüngerer Mann, der nach eigenen Angaben Platz für einen Billardtisch sucht und hier mit seiner Katze einziehen will, verteilt die Becher. Prost. Die Maklerin erklärt, dass hier vorher ein Paar zur Miete gewohnt habe, sie hätten sich jetzt aber eine kleinere Wohnung gesucht. Auf den Türrahmen hat jemand mit Bleistift Striche gemalt. Entweder war das Paar kleinwüchsig. Oder es waren sehr oft Kinder zu Besuch.

In der Schlesischen Straße ist die Lange Nacht der Wohnungsbesichtigungen gegen neun Uhr abends zu Ende, das haben die Vermieter angeordnet. Polizisten haben beide Häuser abgesperrt, weil sich zu viele Aktivisten vor der Tür versammelt haben und lautstark einen Mietenstopp fordern. Als letzter verlässt ein Zivilbeamter die Bühne. Er hatte sich unter die Suchenden gemischt. Eine Wohnung hat auch er nicht gefunden.