02.12.2011

Ernst-Reuter-Platz: „Es darf keine Tabus geben“

Von Birgitt Eltzel
Ausdruck der autogerechten Stadt: der Ernst-Reuter-Platz. Die Mittelinsel ist nur durch einen Tunnel zu erreichen.
Ausdruck der autogerechten Stadt: der Ernst-Reuter-Platz. Die Mittelinsel ist nur durch einen Tunnel zu erreichen.
Berlin –  

Edzard Reuter kritisiert den Umgang mit dem nach seinem Vater benannten Platz. Viel zu technokratisch sei das Areal. „Es muss Leben auf den Platz“, fordert der Sohn des berühmten Sozialdemokraten.

In den 1960er-Jahren wurde er vom Senat noch stolz mit dem Markusplatz in Venedig und dem Petersplatz in Rom verglichen, heute ist der Ernst-Reuter-Platz vor allem ein verkehrsumtostes Areal, das Fußgänger meiden. Die Mittelinsel mit dem Brunnen ist nur durch einen Tunnel zugänglich, viele der Bürohäuser an den Platzseiten sind in die Jahre gekommen und schlecht vermietet beziehungsweise leerstehend. Der 4,8 Hektar große Platz, Symbol der Nachkriegsmoderne, benannt nach West-Berlins erstem Bürgermeister Ernst Reuter, ist schon lange nicht mehr zeitgemäß.

„So wie er jetzt aussieht, wird er dem Namen meines Vaters nicht gerecht“, sagte Edzard Reuter, Sohn des berühmten Sozialdemokraten, am Mittwochabend auf einer Standortkonferenz mit Anrainern und Bezirksvertretern. Seit 20 Jahren beschäftigt sich der mittlerweile 83-jährige frühere Daimler-Vorstand mit dem Platz, den er nicht nur „auf rein technokratische Funktionserfüllung“ reduziert sehen möchte. „Es muss Leben auf den Platz“, forderte Reuter. Als Eingangstor zur City West müsse der Platz zukunftsfähig gemacht werden.

        

 Das Telefunken-Hochhaus ist 1961 fertig, andere Gebäude noch nicht.
Das Telefunken-Hochhaus ist 1961 fertig, andere Gebäude noch nicht.
Foto: Ullstein/Georgi

Denkmalschutz geht vor

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 Ernst Reuter, SPD, (1889–1953), ist Namensgeber des Platzes, dessen Neubebauung 1955 begann.
Ernst Reuter, SPD, (1889–1953), ist Namensgeber des Platzes, dessen Neubebauung 1955 begann.
Foto: dpa

Problematisch für alle Veränderungen ist jedoch, dass faktisch das gesamte Areal unter Denkmalschutz steht – viele Häuser wie das Telefunken-Hochhaus oder das Osram-Verwaltungsgebäude als Einzeldenkmale, die mittlere Grünanlage als Gartendenkmal, die U-Bahnlinie als Gesamtanlage und der Platz insgesamt als Denkmalbereich. „Es darf keine Tabus geben, der Denkmalschutz darf nicht verhärten“, postulierte Reuter. Das Gesamtkonzept des Platzes wolle er allerdings nicht infrage stellen.

Senatsbaudirektorin Regula Lüscher will in Fragen des Denkmalschutzes auch nicht mit sich handeln lassen: Die Nachkriegsmoderne sei schützenswert und ein Identifikationsmerkmal für den Bereich. Sie könne sich aber vorstellen, dass im Bestand Veränderungen stattfinden, die denkmalkonform sind. Ein Beispiel dafür ist das Ensemble Ernst-Reuter-Platz 8-10, das von der Immobilienfirma Pepper modernisiert wurde. Zwei Häuser, darunter der heute von der Elektronikfirma Gravis genutzte Flachbau, wurden komplett bis auf den Rohbau beziehungsweise den Keller zurückgebaut - und danach mit der früheren Anmutung wieder aufgebaut. Das dritte Haus bekam eine neue Fassade.

Ein Kandidat für die IBA

Lüscher will den Ernst-Reuter-Platz in die Projekte zur Internationalen Bauausstellung (IBA) 2020 aufnehmen lassen. Schon vorher sollen Konzepte für die Umgestaltung entwickelt werden, in Workshops, die im nächsten Jahr starten sollen, und in einem darauffolgenden Ideenwettbewerb. Bis zu 100.000 Euro sollen dafür vom Senat kommen, die Federführung soll das Regionalmanagement City West übernehmen.

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Beteiligen werden sich auch die beiden Universitäten im Umfeld, die Technische Universität und die Universität der Künste. Seit Anfang dieses Jahres kooperieren sie in der Initiative „Campus Charlottenburg“ mit anderen Institutionen und Firmen rund um den Ernst-Reuter-Platz. Der ist mit mehr als 35.000 Studenten und 9.000 Beschäftigten in Forschung, Lehre und Verwaltung einer der großen Wissensstandorte in der Stadt.

Studenten haben schon erste Ideen für den Platz entwickelt. Mit Aktionen wie Poller-Guerilla wurden Verkehrspoller mit Blumen, Bändern und Bildern verschönert. Und auch sogenannte heilige Kühe werden von ihnen infrage gestellt: So sieht ein Konzept von Architekturstudenten vor, den stetig fließenden Kreisverkehr in bestimmten Abständen anzuhalten, um Fußgängern eine schnelle und bequeme Querung des Platzes zu ermöglichen.

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