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Eröffnung verpackungsfreier Supermarkt: Verpackungsfrei einkaufen in Kreuzberg

Viele Sorten Nudeln, viele Sorten Reis: Alle Produkte gibt es von verschiedenen Herstellern - zu unterschiedlichen Preisen.

Viele Sorten Nudeln, viele Sorten Reis: Alle Produkte gibt es von verschiedenen Herstellern - zu unterschiedlichen Preisen.

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Paulus Ponizak

Es dauert etwas, bis die Dinge am Sonnabendvormittag reibungslos laufen im neuen verpackungsfreien Supermarkt in Kreuzberg. Pünktlich zur Eröffnung des durch Crowdfunding finanzierten Geschäfts versagt das Kassensystem, erst gegen Mittag können die ersten Einkäufe in der Wiener Straße 16 über den Tisch gehen. Gut Ding will eben Weile haben, das spürt man während des kompletten Besuchs bei "Original unverpackt".

Vor den Zapfbehältern mit verschiedenen Öl-Sorten stehen Jennifer Schölzel und Florian Fiedler und betrachten die Abfüllflaschen, die im Regal unterhalb zum Kauf angeboten werden.

Wer keine eigenen Tupperdosen, Gläser, Papiertüten oder Flaschen zum Einpacken mitgebracht hat, kann für wenige Euro auch im Laden Behälter erwerben, um die unverpackten Lebensmittel und Kosmetikprodukte nach Hause zu transportieren. "Man kann in diesem Supermarkt nicht mal eben schnell reinschneien, für Spontaneinkäufe taugt das Konzept nicht", glaubt Fiedler. "Aber wer genau weiß, was er kochen will und die passenden Behälter dabei hat, findet hier viele Zutaten."

Die beiden 25-jährigen Kunden ärgern sich über Verpackungsmüll, der bei Lebensmitteln normalerweise massenhaft anfällt. "Warum zum Beispiel sind Cornflakes erst in einer Papp-Packung und dann noch einmal in Plastiktüte eingeschweißt?", fragt Schölzel. Laut Bundesumweltministerium fallen in Deutschland jährlich 16 Millionen Tonnen Verpackungsabfall an. Fast alle Eröffnungsbesucher sind wegen ihres Unmuts darüber hier.

"Für den täglichen Gebrauch fehlen noch Dinge"

Unter den Interessierten sind Studenten mit pinken Haaren und Familien mit Kindern in bunten Gummistiefeln, Männer in herbstlichen Wollpullis, Frauen mit Rucksäcken voller Tupperdosen. Ein Klientel, wie man es in jedem gewöhnlichen Supermarkt auch treffen könnte, fernab des Biomarkt-Klischees von der wohlhabenden Öko-Mutti.

Direkt hinter dem Eingang des kleinen Geschäfts stehen Obst- und Gemüse-Kisten, im eigentlichen Verkaufsraum hängen Waren in Glasröhren nebeneinander: Nudeln, Müsli, Nüsse, Linsen, Couscous und Reis. Kunden können sich die gewünschte Menge selbst abfüllen. Wein, Essig, Putzmittel und Shampoo gibt es zum Zapfen, Joghurt, Milch, Pesto und Tomatensoße in Mehrweggläsern. Gewürze und Gummibärchen sind in Boxen verstaut. "Für den täglichen Gebrauch fehlen hier noch Dinge, Toilettenpapier zum Beispiel. Und bei den Gewürzen hätte ich mir noch ein paar ausgefallenere gewünscht", sagt Schölzel über das Angebot von rund 350 Produkten. "Aber als Ergänzung zum normalen Supermarkt ist es super."

Das sagt ein Kunde zu "Original unverpackt"
Berlin, 13. September: Am Sonnabend hat in Berlin der erste verpackungsfreie Supermarkt eröffnet. Die meisten Kunden waren zufrieden mit Angebot und Preisen.

Die Besitzerinnen des Marktes, Sara Wolf und Milena Glimbovski, planen im kommenden Jahr einen weiteren Laden in Berlin, auch das Angebot wollen sie ausweiten. Damit ihr Plan aufgeht, benötigen sie von nun an rund 150 Kunden pro Tag, so die Kalkulation. Ab dem Winter soll "Original unverpackt" schwarze Zahlen schreiben.

Die Preise, die die Unternehmerinnen für die Lebensmittel verlangen, finden die meisten Kunden fair. Einen Liter Rapsöl bekommt man für 29 Cent, die günstigsten Nudeln kosten 55 Cent pro halbes Kilo, ein 500-Gramm-Glas Bio-Joghurt gibt es für 1,59 Euro. "Das ist etwa wie im normalen Supermarkt, teilweise sogar günstiger", sagt Besucherin Schölzel. "Aber es gibt auch viele Sachen, die teurer sind." So kostet ein Kilo Langkornreis 6,39 Euro, 200 Gramm Kürbiskern-Schoko-Müsli 8,98 Euro. Von den meisten Waren gibt es mehrere Sorten, die je nach Herkunft unterschiedlich kostspielig sind. 80 Prozent der Produkte sind Bioerzeugnisse.

"Geht ums blanke Produkt, nicht um Marken"

"Das Gute ist, dass man die teureren Sachen in kleinen Mengen kaufen kann. Eben wirklich nur das, was man braucht", findet Schölzel. Es gibt keine Mindestmengen bei "Original unverpackt", wer für einen Kuchen eine Nuss braucht, kauft genau eine einzige. Am Eingang wiegen Besucher ihre mitgebrachten Behälter, so dass das Gewicht der Boxen nicht in den Preis einfließt.

Nirgends im Laden prangen Aufkleber mit Marken, lediglich der Hersteller ist klein in der Beschreibung neben dem Preis ausgewiesen. Kundin Nadin Duit, die sich gerade aus dem gegen Mittag gut gefüllten Geschäft geschält hat, freut das. "Im Supermarkt ist man häufig so fixiert auf Marken. Da gerät man in Versuchung, Dinge zu kaufen, die man gar nicht braucht. Hier geht es um das blanke Produkt", sagt die 28-Jährige und schwingt sich aufs Rad, um zu ihrer nahen Wohnung zu radeln. Es sind viele Kreuzberger unter den Kunden am Eröffnungstag.

Das sagt eine Kundin zu "Original unverpackt"
Berlin, 13. September: Am Sonnabend hat in Berlin der erste verpackungsfreie Supermarkt eröffnet. Die meisten Kunden waren zufrieden mit Angebot und Preisen.

Von weiter angereist ist Manuela Schuy (58), sie wohnt in Hermsdorf. "Ich lege sehr viel Wert auf naturbewusstes Einkaufen, dafür fahre ich am Wochenende gern mal 20 Kilometer", sagt die Heilpraktikerin. Sie gibt allerdings auch zu bedenken, dass ein Einkauf bei "Original unverpackt" für Berufstätige viel Zeit in Anspruch nimmt. Das sei eher etwas für Leute, die in der Nachbarschaft wohnen, für Singles vielleicht noch eher als für Großfamilien, die den Wocheneinkauf machen wollen. Für sie fehle zum Beispiel Fleisch und Käse. "Aber die fangen ja gerade erst an hier. Wenn sich Menschen die Arbeit machen, konsequent auf Nachhaltigkeit zu achten, dann dauert das eben etwas."



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