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Evangelische Kirche: Europaweit einzigartige Flüchtlingskirche in Berlin-Kreuzberg

Die Kreuzberger St. Simeon-Kirche wird zum Beratungs-und Begegnungsort für Flüchtlinge.

Die Kreuzberger St. Simeon-Kirche wird zum Beratungs-und Begegnungsort für Flüchtlinge.

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dpa

Die evangelische Kirche hat für ihr derzeit bedeutendstes Projekt einen Ort mitten im Leben ausgesucht. Die St. Simeon Kirche an der Wassertorstraße in Kreuzberg, fußläufig zum Moritzplatz gelegen, ist seit dem heutigen Donnerstag eine Flüchtlingskirche. Sie steht damit nicht länger nur einer Gemeinde für Gottesdienste und Veranstaltungen zur Verfügung. Stattdessen sollen dort nun Begegnungen von und mit geflüchteten Menschen stattfinden – sozial, kulturell wie auch spirituell. Die Geflüchteten werden juristisch beraten und die vielen Helfer angeleitet.

St. Simeon ist nicht irgendein weiterer Raum, sondern „der öffentlich sichtbare Ort all unserer Aktivitäten, was Flüchtlinge betrifft“, sagte Bischof Markus Dröge. Sie ist ein steinernes Symbol und vermutlich bisher die einzige Kirche in Europa, die nun voll und ganz diesem Thema gewidmet wird.

Helfer kommen an ihre Grenzen

In Kreuzberg haben sich verschiedene Bereiche der evangelischen Landeskirche zusammengetan, um einen Ort für Flüchtlinge und Flüchtlingshelfer zu schaffen. Der Verein Asyl in der Kirche verlagert seine kostenlose juristische Beratung aus der Heiligkreuz in dieses Haus. Die Diakonie Stadtmitte wird dort Flüchtlingshelfer aus- und weiterbilden – hauptamtliche wie auch solche, die dies ehrenamtlich in ihrer Freizeit tun. Menschen, die Angehörige auf der Flucht verloren haben, sollen in Kreuzberg Hilfe in der Trauerphase erhalten. In der St. Simeon Kirche wird es auch Gottesdienste und politische Veranstaltungen geben sowie ein Café als Begegnungsstätte.

Personell sieht das ganze so aus: Drei Pfarrer kümmern sich um Seelsorge, politische Abendgebete und neue Ausdrucksformen des Glaubens. Letzteres trägt experimentelle Züge. Denn die Flüchtlingskirche richtet sich an Menschen aller Konfessionen und Religionen. Die Pfarrer wollen einen Dialog zwischen christlichem Glauben und anderen Religionen. „Es geht nicht um Missionierung“, sagt die Migrationsbeauftragte der Kirche, Barbara Killat. Unter den Geflüchteten befänden sich überwiegend Muslime und Alawiten, aber auch Menschen ohne religiöse Bindung und orthodoxe Christen.

Zum Team gehören außer den Pfarrern die Projektleiterin, eine Juristin, Dolmetscher, Bundesfreiwillige, Flüchtlingslotsen und andere ehrenamtlich Tätige. Die Landeskirche stellt für das Projekt viel Geld zur Verfügung. Den Beschluss der Landessynode vorausgesetzt, werden es bis 2017 insgesamt anderthalb Millionen Euro sein.

Wie in der evangelischen Kirche üblich, ist auch die Flüchtlingskirche von einem identitätsstiftenden Gedanken getragen. In dem Projekt drückt sich christlich-jüdische Tradition aus, nach der alle Menschen einst Flüchtlinge waren. In St. Simeon geht es aber nicht um Unterbringung. „Wir betreiben über die diakonischen Träger bereits 2000 Wohnplätze für Geflüchtete. Das ist in St. Simeon nicht vorgesehen. Ich habe nun alle Gemeinden der Landeskirche angeschrieben und gefragt, welche Räume sie für eine Notunterbringung über den Winter noch zur Verfügung stellen können“, sagt Dröge. „Wir verstehen aber nicht das als unsere Hauptaufgabe, sondern die langfristige Integration der Menschen.“ Aus diesem Grund unterstütze die Kirche vor allem Ehrenamtliche bei der Arbeit, Ärzte, Berater, Willkommensinitiativen. Die Situation überfordere die Helfer, sagt Dröge. „Sie kommen an ihre Grenzen.“

"Ich glaube nicht, dass die gute Stimmung kippt"

Der Bischof hält das derzeit enorme ehrenamtliche Engagement allerdings für unverzichtbar in der Flüchtlingskrise. „Im Gegensatz zu anderen glaube ich nicht, dass die gute Stimmung kippt“, sagte Dröge. Die Mehrheit der Bevölkerung sei bereit, sich dauerhaft zu engagieren. „Die Stimmung kippt nur, wenn sie gekippt wird“, meinte er. Das geschehe durch Äußerungen, die immer wieder ein Ende der Hilfsbereitschaft voraussagten, warnte Dröge. Die Diakonie wird für die ehrenamtlichen Helfer in Kreuzberg außer qualifizierenden Kursen und Koordinierung auch Supervision anbieten.

Der Verein Asyl in der Kirche hat in dieser Woche seine juristischen Beratungssprechstunden bereits in St. Simeon abgehalten. Pro Tag suchen rund 25 Menschen Hilfe bei dem Verein. Wie bisher auch, sind es vor allem Personen, deren Asylantrag abgelehnt wurde. Für Beratung, Seelsorge, Veranstaltungen und Kurse gibt es eine Reihe von Räumen im hinteren Teil und im Untergeschoss des Gebäudes.

Die Idee zu einer Flüchtlingskirche stammt aus dem vergangenen Jahr. Anfang 2015 hat die Kirchenleitung eine Konzeption zur Flüchtlingsarbeit beschlossen. Ein Teil davon ist die Flüchtlingskirche. Außerdem sollen mobile Beratungsteams in anderen Teilen der Landeskirche eingesetzt werden. Für eine Flüchtlingskirche wurden zehn mögliche Standorte geprüft. Die Wahl fiel auf St. Simeon, weil der Ort gut erreichbar ist, das Gebäude viele Räume hat und nur wenig Bau-, Betriebs- und Unterhaltungskosten anfallen.


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