26.01.2012

Ex-Grünen-Chef: Die Ratzmann-Story

Von Jan Thomsen
Berlin –  

Der ehemalige Fraktionschef soll sich für den Co-Chefposten bei „Berlin Partner“ interessieren. Er streitet das ab. Doch offenbar senkte er bereits nachhaltig sein landespolitisches Motivationsniveau – trotz professioneller Streitschlichtung aus der grünen Parteifamilie.

Dass der ehemalige Chef sich in einer Art inneren Emigration befindet, kann man schon seit geraumer Zeit beobachten. Abgelenkt wirkt er immer wieder, sein Dresscode wird deutlich legerer, politische Initiativen gibt es vorerst keine. Volker Ratzmann, 51, einst Aktivposten und realpolitischer Vorarbeiter der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus, hat sich seit seinem Rücktritt vom Fraktionsvorsitz im November aus den vorderen Reihen zurückgezogen. Der heftige Streit mit den Linken seiner Fraktion, die nach dem verpatzten Wahlkampf Ratzmanns Wiederwahl zum Co-Vorsitzenden nicht hinnehmen wollten, senkte offenbar nachhaltig sein landespolitisches Motivationsniveau – trotz professioneller Streitschlichtung aus der grünen Parteifamilie.

Vom grünen Wahldesaster zum Fraktionsstreit

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Insofern ist es zunächst einmal wenig staunenswert, wenn über Ratzmann erzählt wird, dass er auch außerhalb des Preußischen Landtags nach neuen Herausforderungen suche. Er ist zwar noch wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen, aber für einen, der gefühlt schon beinahe Senatsmitglied, wenigstens aber wichtiger Oppositionsführer war, kann das nicht genug sein. Dass Ratzmann, der vorerst wieder mehr als Rechtsanwalt arbeitet, 2013 für den Bundestag kandidieren könnte, ist die meistgenannte Option.

Doch es gibt noch eine andere – und die klingt recht deutlich nach einem Abschied aus der Politik. Das Problem: Es gibt zwei Versionen dieser Geschichte, aber nur eine kann stimmen. Die erste lautet so: Ratzmann, der sich in den vergangenen Jahren als grüner Wirtschaftsexperte einen Namen machte, Dutzende von Unternehmen und Lobbyisten besuchte und kein Gespräch mehr ohne Exkurs zum „Green New Deal“ verstreichen ließ, dieser Ratzmann habe sich dafür stark gemacht, neuer Geschäftsführer der Berlin Partner GmbH zu werden.

Zwei Versionen

Berlin Partner ist die Wirtschaftsförderungs- und Marketinggesellschaft der Hauptstadt, knapp zur Hälfte landeseigen (über die Investitionsbank Berlin, die auch das meiste Geld gibt), mehrheitlich aber von privater und von Verbandsseite getragen. Die Gesellschaft, die etwa die „be-Berlin“-Kampagne verantwortet, hatte kurz nach der Wahl ihren Geschäftsführer René Gurka verloren, der die Verantwortung für interne Abrechnungsfehler übernahm. Gurkas Posten übernahm Mitte Oktober Melanie Bähr, bis dahin Justiziarin der IHK Berlin. Geplant war aber eigentlich, aus Entlastungsgründen, eine Doppelspitze für Berlin Partner.

Melanie Bähr: Die 36-jährige Juristin und Slawistin ist seit Oktober 2011  Chefin der Berlin Partner GmbH. Ihr wichtigster Job ist die Restrukturierung der mehrheitlich privaten Gesellschaft, die Wirtschaftsförderung und Berlin-Marketing betreibt.
Melanie Bähr: Die 36-jährige Juristin und Slawistin ist seit Oktober 2011 Chefin der Berlin Partner GmbH. Ihr wichtigster Job ist die Restrukturierung der mehrheitlich privaten Gesellschaft, die Wirtschaftsförderung und Berlin-Marketing betreibt.
Foto: BP

Version eins der Ratzmann-Story geht so weiter: Der Grüne fühlt zuerst über die IHK-Spitze, dann über den Aufsichtsrat von Berlin Partner, schließlich sogar beim Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit persönlich vor, ob er bei Berlin Partner als Co-Chef einsteigen könne. Ihm wird allerdings beschieden, heißt es weiter, dies sei zwar nicht ausgeschlossen, man wollte jedoch den guten Start von Frau Bähr nicht durch eine neue Personalie gefährden. Eine offizielle Entscheidung darüber, auch über die Ratzmann-Frage, soll auf der nächsten Aufsichtsratssitzung fallen, die in Kürze stattfindet.

Version zwei der Geschichte hat eine klar identifizierbare Quelle und die heißt: Volker Ratzmann. „Das ist alles völliger Quatsch“, sagt er auf Anfrage. Er habe weder irgendwo vorgefühlt noch sich beworben, bei Berlin Partner einzusteigen. Sondern er sei vielmehr „aus Aufsichtsratskreisen“ angesprochen worden, ob ihn der Posten nicht interessiere. Er habe sich geehrt gefühlt, aber deutlich gemacht, dass dies nichts für ihn sei. Und zwar gerade auch aus politischen Gründen, schließlich wäre es für einen rot-schwarzen Senat schwierig, einen prominenten Oppositionellen an der Spitze der Hauptstadtwerber zu wissen. „Ich habe dankend abgelehnt“, sagt Ratzmann.

Wichtig zu wissen: Völlig unabhängig vom Wahrheitsgehalt gefällt Version eins sicher besonders all denjenigen, die Ratzmann politisch gerne schaden wollen. Für Version zwei gilt das Umgekehrte.

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