blz_logo12,9

Ex-Schatzmeister der Grünen : Vom Helfer zum Zuhälter?

Christian Goetjes hat keinen Beruf gelernt und das Studium abgebrochen.

Christian Goetjes hat keinen Beruf gelernt und das Studium abgebrochen.

Foto:

dpa/Bernd Settnik

Potsdam -

Er lebt von Hartz IV, hat sonst keine Einkünfte. Und ohne ein Darlehen seiner Eltern könnte er die 1000 Euro nicht aufbringen, die er jeden Monat an die märkischen Grünen zurückzahlen muss. So hat es Christian Goetjes, der einstige Schatzmeister der Brandenburger Grünen, vor Gericht erzählt, vor dem er sich wegen der Veruntreuung von Parteigeldern in Höhe von rund 274.000 Euro verantworten muss. Das Geld habe er genommen, um zwei Prostituierten vom Straßenstrich zu helfen, hatte er als Motiv für den Griff in die Parteikasse angegeben. Doch der zweite Verhandlungstag am Donnerstag sorgte für eine Überraschung, die an der Version des 34-Jährigen zweifeln lässt.

Eigentlich sollten die Grünen-Parteivorsitzenden Annalena Baerbock und Benjamin Raschke an diesem Tage als Zeugen vor der 2. Strafkammer des Potsdamer Landgerichts gehört werden. Doch dazu kam es nicht. Der Vorsitzende Richter Jörg Tiemann erklärte gleich zu Beginn, es gebe Hinweise darauf, dass Goetjes in Berlin einen Escort-Service mit mehreren bulgarischen Prostituierten betreibt.

Vermittlung in Milieusprache

Goetjes soll die Frauen als Zuhälter über zwei Internetportale in eindeutiger Milieusprache vermitteln, den „Dirnenlohn“ mit den Freiern aushandeln und sich die Hälfte davon selbst einstreichen. Die Vorwürfe gehen auf die Aussage einer bulgarischen Prostituierten bei der Polizei zurück. Die Frau hatte in der vorigen Woche gegen den Ex-Schatzmeister in Berlin Anzeige erstattet, weil sie sich von ihm beleidigt und verfolgt fühlte. Die Berliner Kollegen sandten die Unterlagen nach Potsdam. Am Mittwochnachmittag landete das Material bei der Strafkammer, vor der sich Goetjes derzeit verantworten muss.

Einen Escort-Service zu führen ist nicht strafbar. „Doch es gibt nun einen erheblichen Verdacht, dass die persönliche Situation des Angeklagten ganz anders ist, als er sie dargestellt hat“, sagte Gerichtssprecher Ralf-Dietrich Schulz. Hatte er sich vor Gericht als eine Art Menschenfreund beschrieben, der aus ethisch-politischer Haltung zwei Prostituierten geholfen habe, so werfen die neuen Vorwürfe, sollten sie sich bewahrheiten, ein ganz anderes Licht auf den Angeklagten.

Nach den Unterlagen aus Berlin soll Goetjes sogar so dreist gewesen sein, Prostituierte noch nach Beginn seines Untreueprozesses vermittelt zu haben. Er soll in der vergangenen Woche auf einen von den Ermittlern fingierten Anruf hin eine Frau zu einem Freier gebracht haben. Die Telefonnummer, die er dafür verwendete, soll auf den Namen seiner Mutter angemeldet sein.

Christian Goetjes ist angeklagt, zwischen Januar 2010 und Februar 2011 als Schatzmeister der Grünen insgesamt 267 Mal in die Parteikasse gegriffen und so rund 274.000 Euro von den Parteikonten veruntreut zu haben. Die Veruntreuung fiel erst auf, nachdem der Schatzmeister noch einmal mehrere zehntausend Euro abgehoben hat und damit nach Bulgarien geflohen war.

Veruntreuung eingeräumt

Goetjes hatte am ersten Verhandlungstag den reuevollen Angeklagten gegeben, die Veruntreuung eingeräumt und erklärt, er habe davon unter anderem 20.000 Euro für den Drogenentzug einer Prostituierten vom Straßenstrich bezahlt. Einer weiteren Frau aus Bulgarien, die sich angeblich in einer finanziellen Notlage befand, will er insgesamt etwa 200.000 Euro gegeben haben, bis er bemerkt habe, dass er von der Prostituierten betrogen worden sei.

Die Verhandlung wurde am Donnerstag unterbrochen, ohne dass Goetjes etwas zu den neuen Vorwürfen gesagt hatte. Jetzt soll die Frau, die ihn angezeigt hat, als Zeugin vorgeladen werden. Auch die Grünen-Vorsitzenden werden zu einem späteren Zeitpunkt gehört.

Goetjes hatte sich mit den Grünen außergerichtlich geeinigt. Er unterschrieb ein Schuldeingeständnis und erklärte sich bereit, von dem veruntreuten Geld 65.000 Euro in monatlichen Raten von 1000 Euro zurückzuzahlen. Dafür gewährten ihm seine Eltern ein Darlehen. Im Gegenzug wollten die Grünen auf den Rest ihres Geldes verzichten. „Herr Goetjes hat eidesstattlich versichert, mittellos zu sein“, sagte der Parteichef Benjamin Rasche. Sollten sich die neuen Vorwürfe gegen den Ex-Schatzmeister aber bewahrheiten, dann werde man die gesamte veruntreute Summe zurückverlangen. „Dafür haben wir einen vollstreckbaren Titel“, sagte Raschke.