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Exklusiv: Bombardier-Chef John besteht auf Stellenabbau

Bombardier

Bombardier will an den Standorten Bautzen und Görlitz innerhalb der nächsten zwei Jahre 930 Beschäftigte entlassen.

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dpa

Hennigsdorf -

Herr John, Bombardier will in der deutschen Bahntechnik-Sparte 1430 Stellen abbauen. Gibt es dabei noch Spielraum?

Es haben Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern begonnen. Bis zum Abschluss dieser Gespräche werden wir den Inhalt vertraulich behandeln. Wir sehen es als notwendig an, diese Anpassungen im Personalbereich durchzuführen. Wir werden davon nicht Abstand nehmen. Es ist unser Ziel, die Anpassungen sozialverträglich durchzuführen.

2015 lag das Ergebnis der Bahnsparte bei einer halben Milliarde US-Dollar und damit auf Vorjahresniveau. Warum dann die Stellenstreichungen?

Das Ergebnis belegt zunächst erst einmal, dass wir erfolgreich sind. Wir haben bei den Aufträgen gut zugelegt, sind in vielen Segmenten marktführend und profitabel. Damit das so bleibt, haben wir ein weltweites Transformationsprogramm gestartet. Das heißt, wir optimieren unsere Prozesse, bilden Kompetenzzentren und standardisieren unsere Produkte. Zudem nehmen wir personelle Anpassungen vor. Mit diesen Maßnahmen wollen wir Bombardier fit für die Zukunft machen. Denn der Wettbewerb ist schärfer geworden, der Konsolidierungsdruck höher. Wir nehmen das Zepter in die Hand und agieren proaktiv.

Dieter John ist seit Juli 2014 Chef des Bahngeschäfts von Bombardier für Mitteleuropa, Osteuropa und Russland/GUS.

Dieter John ist seit Juli 2014 Chef des Bahngeschäfts von Bombardier für Mitteleuropa, Osteuropa und Russland/GUS.

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Hat Bombardier einen großen Auftragseinbruch erlitten, dass Stellen gestrichen werden müssen?

Nein, der Auftragseingang ist positiv. Es ist natürlich ein Verlust gewesen, dass wir den großen Auftrag für die S-Bahn Berlin nicht gewonnen haben. Den hätten wir gern gemacht.

Immerhin ein Auftrag im dreistelligen Millionenbereich, den nun Siemens und Stadler abarbeiten. Wären die Entscheidungen bei Bombardier sonst anders ausgefallen?

Die Anpassungen wären nicht so groß ausgefallen. Aber die Vergabe ist entschieden: Man kann nicht alle Aufträge gewinnen. Dennoch hätte dies am ganzheitlichen Transformationsprogramm zur Sicherung unserer langfristigen Wettbewerbsfähigkeit, Innovations- und Technologieführerschaft nichts geändert.

Von Stellenstreichungen bei anderen Unternehmen der Bahnindustrie hört man derzeit nichts.

Kein Wettbewerber beschäftigt so viele Mitarbeiter in Deutschland wie wir. Wir haben zudem in den vergangenen Jahren die Belegschaft deutlich hochgefahren. Weil wir wussten, dass dies endlich sein wird, wenn die Projektspitzen abgearbeitet sind, haben wir vor allem Zeitarbeiter beschäftigt. Das Umfeld im weltweiten Bahngeschäft wird immer anspruchsvoller, deshalb stellen wir uns frühzeitig darauf ein.

Gewerkschafter befürchten, dass die jetzigen Pläne nur eine Vorstufe sind. Können Sie ausschließen, dass Standorte in den nächsten drei oder fünf Jahren komplett geschlossen werden?

Der Markt ist extrem dynamisch geworden und ein offener globaler Markt. Mancher denkt ja, die Deutsche Bahn kauft nur in Deutschland Züge und Material. Das ist längst nicht mehr der Fall. Neue Wettbewerber aus Asien und Osteuropa agieren am Markt. Vor diesem Hintergrund kann ich die Frage weder mit Nein noch mit Ja beantworten.

Ist die Konkurrenz zu groß oder hat Bombardier ein Qualitätsproblem?

Es ist richtig, dass wir – wie andere auch – das eine oder andere Qualitätsproblem haben. Das lösen wir. Wenn Sie auf die Zuverlässigkeit unserer Produkte schauen, übererfüllen wir in der Regel unsere vertraglichen Verpflichtungen.

Das Werk Hennigsdorf wird als Kompetenzzentrum für Entwicklung aufgewertet, gleichzeitig soll offenbar die Fertigung abgegeben werden. Betriebsräte halten das für einen fatalen Fehler.

Wir wollen unsere Kompetenzen stärker fokussieren. Hennigsdorf hat da eine ganz klare Rolle: Das Werk soll Kompetenzzentrum für Entwicklung und Fahrzeugkonstruktion werden, mit Testbetrieb und Vorserienfertigung.

Und die Fertigung? Welcher andere Standort würde von Verlagerungen aus Hennigsdorf profitieren?

Für Details ist es zu früh. Wenn wir Kompetenzen konzentrieren, heißt das, man macht an bestimmten Standorten einige Dinge nicht mehr, die man dort vorher gemacht hat. Von der hohen Fertigungstiefe an einigen Standorten müssen wir weg und hin zu einer stärkeren Spezialisierung. Das hebt Synergien und bringt eine höhere Effizienz. Ich sehe das positiv, denn damit sichern wir Standorte ab. Das Optimum erreicht man durch Spezialisierung und Integration sowie durch optimale Prozess- und Wertschöpfungsketten. Dieser Weg ist alternativlos.

Bis wann sollen die Stellenstreichungen vollzogen sein?

Wir legen den Schwerpunkt auf das Jahr 2016, der gesamte Anpassungsprozess soll bis Ende 2017 abgeschlossen sein.

Das Gespräch führte Matthias Loke.