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Berliner Zeitung | Fahrradstaffel der Polizei: „Ich bin bereit, als Radfahrer zu sterben“
15. August 2014
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Fahrradstaffel der Polizei: „Ich bin bereit, als Radfahrer zu sterben“

Vorsicht, unaufmerksame Touristen! Auf dem Radweg am Potsdamer Platz müssen sich die Polizeibeamten einen Weg durch die Menge bahnen.

Vorsicht, unaufmerksame Touristen! Auf dem Radweg am Potsdamer Platz müssen sich die Polizeibeamten einen Weg durch die Menge bahnen.

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Berliner Zeitung/ Benjamin Pritzkuleit

Seit einem Monat hat auch Berlins Polizei eine Fahrradstaffel. Tagtäglich fahren Polizisten auf Rädern in der östlichen Innenstadt Streife. Langeweile haben sie nicht.

10.26 Uhr: „Es geht los!“ Polizeihauptkommissar Sascha Ziegler, der Leiter der Fahrradstaffel, verlässt den Frühstücksraum im Quartier Alt-Moabit 5a. Es ist ein Frühstücksraum der anderen Art, ein Frühstücksraum von Sportlern. Hier riecht es nicht nach Leberwurststullen, stattdessen hat sich jemand Bananen und eine Schachtel Müsli bereitgelegt. Dazu gibt es Sportlerlektüre. Zum Beispiel „Born to run“, Christopher McDougalls Buch über die besten Läufer der Welt. Auf dem Flur trocknen Handtücher auf einem Ständer. Die Duschen werden auch zum Dienstbeginn genutzt, die meisten Mitglieder der Staffel radeln zur Arbeit. Ein Beamter fährt jedes Mal 30 Kilometer von Hennigsdorf nach Berlin und nach dem Dienst 30 Kilometer zurück.

10.35 Uhr: Sascha Ziegler und Polizeioberkommissarin Andrea Barthels machen sich im Fahrradraum bereit. Das Rad des Chefs trägt die Nummer 001. Jeder Polizist hat ein Fahrzeug für sich, eine Kollegin hat ihres mit einer rosa Klingel individuell gestaltet. Die beiden tragen die Dienstkleidung derStaffel: einen Radlerdress in blau und grellgrün, hergestellt in Sachsen, und einen Fahrradhelm. Kurze Kontrolle: Alles da? „Dienstwaffe, Pfefferspray, Handschellen, Funkgerät, Sonnenbrille“, zählt Barthels auf. In der Tasche auf dem Gepäckträger sind Verbandsmaterial und Werkzeug verstaut. Und natürlich die Blöcke für Verwarnungen. Die Polizisten werden sie auch heute brauchen.

10.50 Uhr: Nicht mal fünf Minuten nach Beginn der Streifenfahrt muss Ziegler aktiv werden. Vor dem Reichstagsgebäude sieht er, wie ein Tourist seelenruhig über den Fußgängerüberweg einer Ampel radelt. Ziegler spricht ihn an, der Mann gibt sich schuldbewusst. Kein Knöllchen? „Nein“, sagt der 45-Jährige später. Bei kleinen Verstößen dürfen die Beamten es bei einer Ermahnung belassen, wenn sich der Bürger einsichtig zeigt. Sie müssen auch nicht immer tätig werden. „Manchmal sehen wir so viele Verstöße, dass das unmöglich wäre. Dies ist auch der Grund, warum wir pro Schicht nur 30, maximal 40 Kilometer schaffen, weniger als die Hamburger Kollegen. Wir können uns hier nicht zerreißen. Wir müssen Prioritäten setzen.“

10.57 Uhr: Als das Duo am Brandenburger Tor auftaucht, reagiert eine Seniorin so verdattert, dass sie beim Abbiegen mit dem Rad schnell noch brav ein Handzeichen gibt – wie es im Verkehrskindergarten gelehrt wird. „Wir haben das Gefühl, dass wir einen positiven Einfluss haben. Und meist reagieren die Bürger positiver, als wenn wir reguläre Dienstkleidung tragen würden“, sagt Ziegler. Er freut sich darüber, dass es sich auch bei Kurierradlern herumgesprochen habe, dass die Polizei jetzt eine Fahrradstaffel hat. „Einer sagte mir: ,Ihr seid in der Szene bekannt.’“ Nicht immer führt das zu mehr Regeltreue. Zwar muss jedes Fahrrad zwei Bremssysteme haben. Doch Räder ohne Bremse, Fixies genannt, oder nur mit einer Bremse gelten weiterhin als schick. Damit der Verstoß nicht auffällt, gibt es neuerdings einen Trick: „Bremsattrappen aus Pappe“, sagt Ziegler.

11.05 Uhr: Potsdamer Platz. Andrea Barthels muss Touristen vom Radweg klingeln. „Die passen einfach nicht auf“, sagt die 37-Jährige. Überhaupt leiden die Polizisten unter denselben Problemen wie andere Radler auch. Ziegler zählt auf: „Zugeparkte Radwege. Auto- und Lkw-Fahrer, die beim Abbiegen nicht auf Radfahrer achten. Rücksichtslose Radfahrer. Verkehrsanlagen, die zwar den Richtlinien entsprechen, aber trotzdem Risiken bergen.“ Andrea Barthels berichtet von einem Fahrradstreifen in der Karl-Liebknecht-Straße, der sehr schmal sei. „Wir sind angehalten, den Behörden solche Dinge zu melden.“ Damit sie verändert werden.

11.25 Uhr: „Moment mal!“ Sascha Ziegler hält einen älteren Mann an, der mit einem schwer beladenen Rad schwankend über die Leipziger Straße fährt. An der Lenkstange baumelt ein schwerer Rucksack. „Sie bringen sich in Gefahr. Setzen Sie den Rucksack auf“, sagt Ziegler. Kurz darauf sehen sie eine alte Frau, die auf dem Gehweg radelt. Die Polizisten lassen sie fahren, sie können es nachvollziehen. Auf der Fahrbahn fehlt eine Radlerspur. „Das ist nicht glücklich gelöst“, so Barthels.

11.48 Uhr: Bislang gab es keinen Streit – aber jetzt ist es so weit. Die Polizisten haben gesehen, wie ein Mann und eine Frau die rote Ampel an der Axel-Springer-Straße auf dem Gehweg umkurven, um in der Leipziger Straße weiter zu radeln. Ganz klar, ein Rotlichtverstoß – in diesem Fall werden 100 Euro und ein Punkt in Flensburg fällig. „Bitte mal die Ausweise!“ Dann geht sie los, die Diskussion. „Und wie viele Autos schreiben Sie auf?“ fragt der Radfahrer, ein Kreuzberger. Das könne durchaus noch passieren, lautet die Antwort. „Jetzt befassen wir uns erst mal mit Ihnen.“ Nächstes Argument: „Ich habe doch niemanden gefährdet.“ Auf dem Gehweg waren Fußgänger unterwegs, entgegnet Ziegler. Und grundsätzlich gefährde man sich durch Regelverstöße immer auch selbst. „Ich fahre so gern Rad, ich bin bereit, als Radfahrer zu sterben“, sagt der Radfahrer. Er meint das ernst. Dazu fällt den Polizisten nichts mehr ein. Die Debatte geht weiter. Schließlich sagt Ziegler dem Mann: „Ich habe Sie soeben entlassen“, er könne gehen. Doch der Kreuzberger will immer noch reden. Die Frau zieht ihn weg.

12.01 Uhr: Vor dem Novotel in der Leipziger Straße treten Sascha Ziegler und Andrea Barthels langsamer in die Pedale. Aufmerksam schauen sie zu, wie neben ihnen zwei Postzusteller mit schwer bepackten Fahrrädern über den Gehweg rasen. Die Männer von der Deutschen Post feixen und klingeln. Ziegler unterbricht den Rausch der Geschwindigkeit und stellt die beiden zur Rede. Die Männer schauen überrascht. Fahren auf dem Gehweg ist verboten, sagt Ziegler. „Ich möchte, dass Sie mit Ihren Kollegen darüber sprechen.“ Zaghaftes Kopfnicken. Als die beiden Polizisten weiterfahren, wird schon wieder gefeixt.

12.10 Uhr: Die Grunerstaße vor dem Alexa. „Ein Unfallschwerpunkt“, sagt Ziegler. Ein Hexenkessel: viele Autos, Busse, Fußgänger, Radfahrer. Wer sich hier falsch verhält, müsse in jedem Fall mit einer Verwarnung rechnen, sagen die Polizisten. Eine junge Frau auf einem Rennrad ignoriert gleich zwei Mal rotes Ampellicht. Das macht dann 100 Euro. Kann man das nicht anders regeln? Nein, kann man nicht, sagt Ziegler. Vielleicht kann die Polin wirklich kein Deutsch, oder sie kann ihre Kenntnisse gut verbergen. Ziegler schafft es, dass sie ihren Ausweis hergibt, damit er die Meldeadresse per Funk verifizieren kann. „Gamma 430 an City!“ Die Angaben stimmen, das Bußgeldverfahren nimmt seinen Lauf. Immer noch verdutzt fährt die Radlerin weiter.


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