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Fall Lisa aus Berlin-Marzahn: „Es gibt unter Russlanddeutschen ein gewisses Beleidigtsein“

Dmitri Geidel ist in Leningrad geboren. Er sagt, er sei deutsch-russisch.

Dmitri Geidel ist in Leningrad geboren. Er sagt, er sei deutsch-russisch.

Es regnet an diesem Sonnabendmorgen. Die Kunden, die in den Mix-Mark an der Jan-Petersen-Straße in Marzahn eilen, heben auf Fragen nur abwehrend die Hand. Nein, ist zu hören, oder auch ein russischen Njet. Alexej winkt ebenfalls ab, bleibt dann aber doch stehen. Der Fall Lisa? Die Aufklärung? „Ich weiß nicht, ob da wirklich schon alles gesagt ist“, sagt der 32-Jährige vorsichtig. Vielleicht stimme es ja, und das Mädchen habe seine Entführung und Vergewaltigung nur erfunden. Alexej verschwindet ohne ein weiteres Wort in dem russischen Supermarkt.

Es ist Tag eins, nach dem bekannt wurde, dass die 13-jährige Lisa nur aus Angst nicht nach Hause gegangen ist und nicht etwa, wie von ihr zunächst behauptet, 30 Stunden von Migranten festgehalten und vergewaltigt wurde. Es ist wie der Tag nach einem Trinkgelage, dem die Ernüchterung folgt. Das Wetter passt zur Katerstimmung. Die Hochhäuser um den Mix-Markt wirken grau. Viele Geschäfte im „Carree Marzahn“, dem „russischen Zentrum“ des Bezirks, sind geschlossen.

Familiendrama taugt nicht zum Politikum

Dmitri Geidel ist fünf Minuten zu früh. Zielstrebig läuft er auf den Mix-Markt zu, grüßt den Honig-Händler, der davor steht. Der groß gewachsene junge Mann hat den Supermarkt als Treffpunkt gewählt. Er gilt als Zentrum russischen Lebens in Marzahn. Dort haben sich vor zwei Wochen 250 zumeist Russlanddeutsche aber auch NPD-Anhänger versammelt und ihrer Empörung über die angebliche Vertuschung eines Verbrechens an einem russischstämmigen Mädchen durch die deutschen Polizei Luft gemacht. Geidel war auch dort. Nicht als Demonstrant. Er wollte mit den Menschen diskutieren. „Da war aber wenig zu machen. Die Leute waren wie verbohrt“, erzählt er.

Geidel ist 26. Er trat mit 16 der SPD bei, sitzt für die Partei in der Bezirksverordnetenversammlung und ist Vorsitzender der Jusos im Bezirk. Manche sprechen von ihm als ein Multitalent, er ist ehrgeizig, wie viele russischstämmige junge Leute. 1989 im damaligen Leningrad als Sohn eines DDR-Ingenieurs und einer Sowjet-Meteorologin geboren, kam er mit seinen Eltern mit drei Jahren nach Deutschland. Er hat Jura studiert und ist jetzt Doktorand. Er spricht neben deutsch fließend russisch, englisch, französisch und hat chinesisch gelernt. Er sagt, er sei kein Russlanddeutscher, er sei deutsch-russisch.

Das Treffen mit Geidel ist der Versuch einer Erklärung, wie sich das Gerücht um die angebliche Entführung und Vergewaltigung einer 13-Jährigen aus einer russischstämmigen Familie so zum Politikum hochschaukeln konnte. Geidel war selbst überrascht, welche Dynamik die Sache genommen hat. Er sagt, er sei seit Freitag sehr erleichtert, dass der Fall geklärt sei. Er habe sich als Familiendrama herausgestellt, der nicht zum Politikum tauge. Erleichterung schwingt in seiner Stimme mit.

Frust macht für russische Propaganda empfänglich

Der Juso-Bezirkschef spricht schnell. Er sagt, dass es unter den Menschen mit russischen Migrationshintergrund einige gebe, die noch nicht angekommen seien in Deutschland, die enttäuscht seien und das Gefühl hätten, dass in der Sowjetunion oder in Russland alles besser gewesen sei. Dass sie dort angesehener waren. Das erzeuge Frust. Wohl deswegen seien die Empörten so empfänglich für russische Propaganda gewesen. „Es hat sich hochgeschaukelt mit einem gewissen Beleidigtsein. Da gab es Meinungen wie: Ausländer haben unser Mädchen vergewaltigt und die deutsche Polizei schaut weg. Die russischen Medien haben Öl ins Feuer gegossen. Dann gab es Rechtsradikale, die sich den Fall zu eigen gemacht haben.“

25.000 russischstämmige Menschen leben in Marzahn-Hellersdorf. Anfang der 1990er-Jahre gab es für sie die Erstaufnahmestelle in Ahrensfelde, und weil Marzahn einen großen Leerstand bei Wohnungen und bezahlbare Mieten hatte, blieben sie in dem Bezirk. „Die Russlanddeutschen sagen scherzhaft, dass sie Marzahn an Moskau der 1980er-Jahre erinnert“, erzählt Geidel. Mittlerweile lebten aber auch viele Russlanddeutsche in Einfamilienhäusern im gutbürgerlichen Teil des Bezirks, in Mahlsdorf. Auch Lisas Familie wohnt dort.

Der Regen wird heftiger, die Menschen auf der Straße weniger. Geidel schlägt das Café Natalja vor. Doch es hat noch geschlossen. Eine Konditorei an der Marzahner Promenade ist nun sein Ziel. Er bestellt heiße Schokolade und eine Pfannkuchenbrezel. Der junge Mann wohnt nicht in den Plattenbauten ringsherum, er lebt noch im Haus seiner Eltern in Mahlsdorf. Geidel kennt viele Russischstämmige. Lisas Familie gehört nicht dazu.

Riss in der russlanddeutschen Community

In Marzahn gab es in den vergangenen drei Wochen kein anderes Thema mehr. War Geidel in einem Jugendclub, um über den Spielplatz nebenan zu reden, kam das Gespräch sofort auf Lisa. Der SPD-Mann hat mit Frauen geredet, die sich um Arbeit für Spätaussiedler kümmern und die Schmähungen ertragen mussten, wenn sie das Vorgehen der Polizei verteidigten. „Schick doch deine Tochter ins Flüchtlingsheim, die lieben doch solche Mädchen“, sei noch das harmloseste gewesen, erzählt Geidel. „Ich war über die Heftigkeit und Bösartigkeit erschrocken.“

Er selbst sei gefragt worden, warum Lisas Familie das alles erfunden haben soll. Zumal die Polizei nichts sage. Geidels Einwand, man solle doch erst mal die Ermittlungen abwarten, wurde weggewischt. Er erzählt, dass er auch schon als Faschist beschimpft worden sei. „Und mir wurde gesagt, ich würde Vergewaltiger decken.“ Er hätte sich gewünscht, dass die Polizei nicht so knapp über den Fall berichtet hätte. „Das hätte früher den Druck aus der Sache genommen.“

„Eigentlich haben sich die Russlanddeutschen bei politischen Themen immer zurückgehalten“, erzählt er. Erst mit der Krimkrise habe sich das geändert. „Seitdem geht durch die Community ein Riss, einige vertrauen den russischen Medien und übernehmen auch ungeprüft irgendwelche Parolen.“ Geidel hat schon mit vielen gesprochen, für die das Thema nun erledigt ist. Die letzten Wochen werden, so hofft er, dazu führen, dass die Russlanddeutschen der Polizei vertrauen.