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Falscher Bericht von totem Flüchtling: Ein Mann, eine Lüge, eine Entschuldigung

Screenshot der Facebook-Seite von Dirk V., lageso, Flüchtling, toter, Falschmeldung, Entschuldigung, Dirk V.

Screenshot der Facebook-Seite von Dirk. V. (28.01.2016)

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Facebook/Screenshot: Moabit hilft

Die Nachricht ist 15 Zeilen lang. „Ich möchte mich hiermit bei euch aus tiefstem Herzen entschuldigen“, schreibt Dirk V. „Es tut mir unendlich leid, dass ich viele Menschen mit meiner falschen Aussage verletzt habe. Ich übernehme für das, was daraus folgte und möglicherweise noch folgen wird, die volle Verantwortung.“

Am Donnerstagmorgen, nach Stunden des Schweigens, nimmt der Helfer Stellung zu der von ihm verbreiteten Falschnachricht vom Tod eines syrischen Flüchtlings. „Seit einigen Wochen merke ich zunehmend, dass mich mein ehrenamtliches Engagement mehr und mehr an die Grenzen der psychischen und auch körperlichen Belastung bringt“, schreibt er in der Entschuldigung. „Mehrfach wollte ich mich zurückziehen, habe es aber nicht geschafft.“ In der Nacht zum Mittwoch sei er von einer Feier mit syrischen Freunden gekommen. Dort habe er „ziemlich viel Alkohol getrunken. Zu viel!“, wie Dirk V. betont.

„Da es wirklich einen jungen Mann gibt, der sich vorm Lageso eine schlimme Grippe/Mandelentzündung zugezogen hat, muss ich mich in eine Geschichte hinein gesteigert haben, die ich in diesem Moment wohl selbst geglaubt habe. Heute morgen konnte ich mich an fast nichts mehr erinnern, erst im Laufe des Tages wurde mir klar, was ich angerichtet habe.“ Er habe sich dann mit der Polizei in Verbindung gesetzt und mehrere Stunden eine Aussage gemacht. „Ich habe erklärt, dass niemand gestorben ist“, erklärt Dirk V.

Rückzug aus allen Gruppen

„Ich weiß, dass ich viele damit sehr verletzt habe“, so der Helfer. „Ich wollte wachrütteln, etwas verändern und habe dabei in einer Mischung aus Betrunkenheit und nervlichem Zusammenbruch ein völlig falsches Mittel gewählt. Anders kann ich mein Handeln nicht erklären.“ Er wolle sich sofort aus allen Gruppen zurückziehen, so Dirk V. „Jeden Fall, den ich noch betreue, werde ich an andere Helfer abgeben. Euch allen wünsche ich viel Kraft.“ Das Schreiben endet mit: „Es tut mir so wahnsinnig leid.“

Dirk V. kommt laut seinem Facebook-Eintrag aus Sulzbach an der Saar und arbeitete unter anderem als Leiter der Unternehmenskommunikation bei einer Firma am Stadtrand Berlins. In Medienberichten vom November 2015 wird er als 39-jähriger Mann beschrieben, der zusammen mit seinem Freund in Prenzlauer Berg lebt. Dort will Dirk V. nach eigener Darstellung von Juli bis November 24 Flüchtlinge untergebracht haben.

Sie kamen laut einem Facebook-Eintrag des Helfers aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. „Der Schlüssel zum Schlafzimmer wurde nie zum Abschließen benötigt“, schreibt Dirk V. Die Messer steckten noch an ihrem Platz. „Kein Muslim dagewesen, der uns im Schlaf abmurksen wollte. Keiner, der uns beschimpft, weil wir als Männer zu zweit ein Bett teilen“, so Dirk V. Die wirkliche Bedrohung für den Flüchtlingshelfer kommt von anderer Seite, wie Dirk V. schreibt: In Form von „gemeinen SMS“, von „Morddrohungen auf der Straße“ und über „beleidigende Briefe“ an der Haustür.

Der Text im Wortlaut

„Ich möchte mich hiermit bei euch aus tiefstem Herzen entschuldigen. Es tut mir unendlich leid, dass ich viele Menschen mit meiner falschen Aussage verletzt habe. Ich übernehme für das, was daraus folgte und möglicherweise noch folgen wird, die volle Verantwortung.

Viele von euch haben mich in den vergangenen Monaten persönlich kennengelernt, mit einigen von euch bin ich mittlerweile eng befreundet. Für die, die mich nicht kennen, möchte ich kurz erklären, wie es dazu kam:
Seit einigen Wochen merke ich zunehmend, dass mich mein ehrenamtliches Engagement mehr und mehr an die Grenzen der psychischen und auch körperlichen Belastung bringt. Mehrfach wollte ich mich zurück ziehen, habe es aber nicht geschafft.

Gestern Nacht kam ich von einer Feier mit syrischen Freunden und hatte ziemlich viel Alkohol getrunken. Zu viel! Da es wirklich einen jungen Mann gibt, der sich vorm LaGeSo eine schlimme Grippe/Mandelentzündung zugezogen hat, muss ich mich in eine Geschichte hinein gesteigert haben, die ich in diesem Moment wohl selbst geglaubt habe.
Heute morgen konnte ich mich an fast nichts mehr erinnern, erst im Laufe des Tages wurde mir klar ,was ich angerichtet habe. Da ich mein Handy ausgeschaltet hatte, wurde mir das Ausmaß erst am frühen Nachmittag klar.

Ich habe mich dann mit der Polizei in Verbindung gesetzt und mehrere Stunden eine Aussage gemacht. Ich habe erklärt, dass niemand gestorben ist. Bis zum Abend habe ich mit kaum jemanden von euch gesprochen gehabt, auch wollte ich nie eine Pressekonferenz oder ähnliches abhalten.

Ich weiß, dass ich viele damit sehr verletzt habe. Allen voran Reyna, die ich unbeabsichtigt mit hinein gezogen habe.

Ich wollte wachrütteln, etwas verändern und habe dabei in einer Mischung aus Betrunkenheit und nervlichem Zusammenbruch ein völlig falsches Mittel gewählt. Anders kann ich mein Handeln nicht erklären.

Ich werde mich sofort aus allen Gruppen zurückziehen. Jeden Fall, den ich noch betreue, werde ich an andere Helfer abgeben. Euch allen wünsche ich viel Kraft

Es tut mir so wahnsinnig leid.“ (Hinweis: Kurz nach dem Post deaktivierte Dirk V. sein Facebook-Profil wieder.)