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Fashion Week Berlin: Heimtextilien sind auch sehr inspirierend

Von seinen Models eifrig beklatscht: Designer Kilian Kerner (M) Mittwoch während der Mercedes-Benz Fashion Week offsite im Hotel Ellington

Von seinen Models eifrig beklatscht: Designer Kilian Kerner (M) Mittwoch während der Mercedes-Benz Fashion Week offsite im Hotel Ellington

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dpa

Wortschöpfungen gibt es! Post-klassische Herrenmode nennt Jennifer Brachmann das, was sie seit 2014 unter ihrem Nachnamen entwirft. Was sie damit meint? Sie benutzt das Vokabular einer klassischen Männergarderobe und puzzelt es neu zusammen, versetzt da ein paar Nähte am Jackett oder setzt dort ein paar neue Abnäher an Anzughosen, so dass diese einerseits wie modelliert wirken, fast skulptural, andererseits aber weniger formell und trotzdem nicht zu leger. Die Designerin kombiniert Versatzstücke unterschiedlicher Jackenformen wie Jackett, Janker und Bomberjacke miteinander oder schneidert Hybride aus Frack und Hemd oder Hemd und Weste. Ihre Spezialität aber sind Hemdenkragen, die stehen mal minimalistisch nach oben, mal wirken sie fast origamihaft ineinander gefaltet.

Versatzstücke und Patchwork – ein schwieriges Thema, denn es sieht schnell nach Heimarbeit aus. Wenn es einer jungen Designerin wie Louise Friedländer also gelingt, aneinandergeheftete Stoffrechtecke cool aussehen zu lassen, hat sie definitiv Talent. Bei einigen Teilen ihrer fünften Kollektion ist es nur eine aufgesetzte glitzernde Tasche, die etwa auf schlichten Maxiröcken Akzente setzt. Schönster Patchwork-Look: ein hinten geschlitztes, langärmeliges Maxikleid in Ockerorange, Schwarz, Beige, Weiß und Gold mit Känguru-Tasche. Auch sonst überzeugt die Kollektion mit ihren fließenden Silhouetten, asymmetrischen Schnitten und einem besonders einprägsamen Detail: Cutouts in Tränenform.

Panne mit Pannesamt

Weniger groß war der Nachhall bei Laurèl am Mittwochabend im Zelt am Brandenburger Tor. Das Label, sonst ein Garant für zwar recht gediegene, doch sehr feminine und klassische Damenmode, vergriff sich in der Wahl der Stoffe. Wallende Hängerchen und silbrig schimmernder Pannesamt waren in Form und Material einfach zu nah an der Jogginghose, um elegant zu sein. Dazu wurden flache Sandaletten mit Glitzerelementen und Plateauschuhen kombiniert, was das Gesamtbild zu sehr nach Freizeitmode aussehen ließ. Das war dann vielleicht doch ein wenig zu bequem.

Und war das nun ein politisches Statement, das Kilian Kerner mit seiner Schau im Ellington Hotel abgegeben hat? Die weiblichen Models trugen allesamt blonde Bob-Perücken und dazu Sonnenbrillen. Aus übergroßen, schwarzen Handschuhen ragten dünne Ärmchen: unheimlich und an Uniformität nicht zu überbieten. Die männlichen Models hingegen wurden nicht verhüllt. Ist das nun Chauvinismus oder die Kritik daran? Oder einfach nur eine Hommage an Anna Wintour, die Vogue-Chefredakteurin? Das helmförmige Zweithaar hat bei Kerner Tradition, es war nicht das erste Mal, dass er schöne Frauen entstellt. Der Lichtblick: Während die Models auf ihren flachen Schuhen den Raum durchschritten, spielte eine Band. Echte Musik! Vielleicht der Grund für den Andrang, viele Besucher mussten stehen.

Zur Schaufensterpuppe wurden die Models bei Fashion-Week-Debütantin Margot Charbonnier: Zwei Performancekünstler ziehen ihnen die elf Looks der Kollektion nacheinander an und aus. Ganz neu ist diese Idee nicht, sie hat jedoch den Vorteil, dass man nicht nur die Kleidungsstücke ein wenig länger sieht, als wenn sie nur an einem vorbeiziehen, sondern versteht, wie man sie anlegt. Diese ist beim Label Sample-CM durchaus entscheidend, denn die Teile der Kollektion „Grand Bassin“ können mit Klettverschlüssen variiert werden. Das klingt komplizierter als es ist: Die schlichten, aber gut geschnittenen T- und Sweatshirts und Röcke vermag man bestimmt auch ohne Umstände anzuziehen. Einfach so.

Elegante Mode in gedeckten Farben

Wie zu erwarten, war der größte Andrang prominenter Modefans bisher bei Guido Maria Kretschmer zu verzeichnen. Zu seiner Schau reiste Moderatorin Sabine Christiansen sogar extra aus Mallorca an. In der ersten Reihe saßen der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) und sein Vorgänger Klaus Wowereit nebeneinander.

Sie sahen elegante Mode in zumeist gedeckten Farben. Die kräftigsten Töne waren Magenta und ein leuchtendes Senfgelb, ansonsten viel Schwarz, sehr dunkles Grün und Grau. Dazu Röcke in nahezu allen Längen, mal eng, mal weit, kurze kastige Jacken und Schluppenblusen. Alles sehr tragbar, aber auch nicht unproblematisch.

In Größe Zero sieht die bestickte Bluse, die mit Samtschleife geschlossen wird, noch scharf aus – Damen, die größenmäßig darüber liegen, haben wohl eher das Problem, damit zu tantig zu wirken. Applaus gab es dennoch reichlich. Den Blumenstrauß reichte Kretschmer an Model Karolína Kurková weiter, die ebenfalls in der ersten Reihe saß, galant wie immer!

Auf Tradition setzt auch, wer eine Spitzentischdecke als Inspiration wählt wie Xavi Reyes. Seine Heimtextilien stammen aus dem Fundus von Oma und Opa, an deren Farm in der Extremadura er nur die besten Erinnerungen hat. Reyes nimmt traditionelle baumwollene Webstoffe, weiß-blau gestreift, als Ausgangspunkt für schlichte, weite Schnitte, setzt dann aber – Gardinen gab es auch bei den Großeltern – großzügige Spitzenmanschetten an die Hosen. Das sind dann wohl Trompetenhosen. Er ließ sie Männern wie Frauen angedeihen, was man Gender-Gerechtigkeit nennen kann. Sogar asymmetrisch freigelegte Schultern und hautfarbene Organza-Complets – über die weißgestickte Blüten gestreut sind und damit eher private Partien verdecken – definiert Reyes als Unisex. Das könnte ein Angriff auf die Flamenco-Folklore seiner Heimat sein und war auf jeden Fall erfrischend eigensinnig.

Grobstrick mit Grünstich

Und er kann es sowieso: Dimitrios Panagiotopoulos zeigt mit seinem Label Dimitri, dass Frauenmode ultrafeminin sein kann, ohne trutschig zu wirken. Panagiotopoulos’ Entwürfe in Schwarz und Gold sind so perfekt auf den sehr schlanken Frauenkörper zugeschnitten, dass die Models mitunter wirkten wie bemalt. Fallende Stoffe, Leder, Seide und Goldpailletten waren so meisterhaft verarbeitet, dass die Präsentation durchweg stimmig wirkte. Seine Ideen mögen mitunter nicht der letzte Schrei sein, sein Verständnis von Mode indes ist ein vorzügliches. Großer Glamour!

Eher in die entgegengesetzte Richtung geht es bei einem weiteren Debüt: Philomena Zanetti heißt das Label von Julia Leifert. Für ihre nachhaltige Mode verwendet sie ausschließlich natürliche Materialien wie Biobaumwolle und zertifizierte Wolle aus Europa; zu jedem Teil aus tierischem Material gibt es eine vegane Alternative. Sehen lassen kann sich die Kollektion außerdem. „Eine Freundin von mir war auf einer Fotoreise in Irland, die Bilder haben mich inspiriert“, erzählte die Designerin kurz vor der Schau. Raue Felsenküsten übersetzte sie in kokonhafte Silhouetten, geschlitzte Schlauchkleider, Grobstrickpullover und Kimonojacken in Grau-, Braun- und Grüntönen. Spektakulär war das alles nicht, dafür aber tragbar. Das muss ja auch mal sein!


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