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Film "Ahawa" – Kinder der Auguststraße: In der schlimmsten Zeit

Mit Liebe im Herzen und deutscher Lyrik im Gepäck: Die Zwillinge Regina Steinitz (l.) und Ruth Malin, 83 Jahre, flohen vor den Nationalsozialisten nach Israel.

Mit Liebe im Herzen und deutscher Lyrik im Gepäck: Die Zwillinge Regina Steinitz (l.) und Ruth Malin, 83 Jahre, flohen vor den Nationalsozialisten nach Israel.

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Privat

Der Zugang ist versperrt, ein Pförtner überwacht das Tor. Durch die verschmierten Scheiben ist am Ende des Gewölbes nur ein Busch zu sehen, dahinter Mauerwerk. Von der geheimnisvollen Aura, die den im Hof versteckten Backsteinbau umgibt, ist draußen auf der Auguststraße in Mitte nichts zu spüren. Hier steht das Leben still, das links und rechts in den Cafés und Galerien pulsiert. Die graue Fassade des Vorderhauses bröckelt, viele Fenster sind zersprungen oder mit Holzplatten vernagelt.

Mit ihrem Dokumentarfilm „Ahawa – Kinder der Auguststraße“ öffnen Nadja Tenge und Sally Musleh Jaber die Pforte. Sie erzählen die Geschichte des jüdischen Kinderheims Ahawah. Das ist das hebräische Wort für Liebe. Das Heim wurde 1922 eröffnet und fiel rund zwei Jahrzehnte später dem nationalsozialistischen Terror zum Opfer. Die Geschichte führt durch eine dunkle Vergangenheit, doch Tenge und Musleh Jaber füllen sie mit dem hellen Klang von Kinderstimmen und finden weit entfernt, in einer der ärmsten Regionen Israels, die Hoffnung, dass das Gute nicht vernichtet werden kann.

Schüler treffen Zeitzeugen

Die zwei Regisseurinnen lassen sich von Schülern der Evangelischen Schule Berlin-Zentrum begleiten. Ein Jahr lang haben diese der Ahawah nachgeforscht. Im Gespräch mit den jungen Berlinern werden die Zeitzeugen wieder zu den Kindern, die sie damals waren: Vergnügt führt der 96-jährige David Marcus mit dem Gehstock vor, wie er einst im Hof Schlagball spielte und erzählt dem zwölfjährigen Begleiter, wie er mit dem heimlich angefertigten Schlüssel aus dem Heim schlich. Der Film verharrt aber nicht in der Vergangenheit. Er schlägt den Bogen in die Gegenwart: Oft sprechen die heutigen Schüler. „Damit ihre Ansichten zur Sprache kommen“, sagt Musleh Jaber. Mit der Kamera hat sie versucht, einen Raum zu schaffen, in dem sich die Kinder öffnen können, so wie damals im Heim: „Die Kinder sollten den Background bekommen, um eine andere Welt zu schaffen“, sagt Tenge.

Als Theaterpädagogin war Tenge oft in der benachbarten Synagoge. Immer wieder verfing sich ihr Blick in dem Backsteingemäuer, das wie ein Burgfried zwischen der Synagoge in der Oranienburger Straße und der ehemaligen jüdischen Mädchenschule in der Auguststraße liegt. „Das Haus hat eine besondere Ausstrahlung“, sagt sie. Diese Aura hatte Regina Scheer schon in den Bann gezogen, als sie in den 60er-Jahren auf die Bertolt-Brecht-Oberschule ging. Dass hier bis 1942 jüdische Mädchen unterrichtet wurden, fand sie erst später heraus. Jahrelang befragte sie Nachbarn, suchte Zeitzeugen und schrieb schließlich ein Buch. „Dieses Haus hatte mit allem zu tun, was in dieser Stadt geschah“, sagt sie im Film.

Die Geschichten von Heim und Schule verschwimmen, obwohl sie nicht miteinander verbunden waren. Gemeinsam waren aber Ort und Erziehung: Auf der Basis von Zusammengehörigkeit, Mitbestimmung und individueller Förderung sollten freie, selbstbewusste, freundliche Menschen heranwachsen. Draußen wollten die Nationalsozialisten funktionierende Untertanen für ihr Reich produzieren.

Nur hier, im jüdischen Viertel, wo 1925 etwa 31 000 Juden lebten, konnte die Geschichte ihren Anfang nehmen. Nach dem Ersten Weltkrieg erkannte die Generation junger Juden, dass sie keine Chance hatte, ebenbürtige deutsche Bürger zu werden. Das Beispiel ihrer Eltern, die trotz Assimilation und freiwilligem Kriegsdienst nicht anerkannt wurden, ließ in ihr die Vision einer neuen Gesellschaft im gelobten Land wachsen.

Es ist aber kein Film über Täter und Opfer geworden. „Wir wollten uns auf das konzentrieren, was die Menschen damals geleistet haben“, sagt Musleh Jaber. Und auf das, was überlebt hat. Die einstige Schülerin Ruth Malin ist noch heute erfüllt von den Gedichten und Liedern aus ihrer Schulzeit. „In der schlimmsten Zeit, in der wir mit dem Judenstern gingen, haben die Lehrer uns Toleranz gelehrt“, sagt sie.

Das Ideal hat überdauert, weil sich Ahawa-Erzieherin Hanni Ullmann und Schulleiterin Hanna Kaphan in Israel wiedertrafen, wo Kinder und Erzieher ab 1934 Zuflucht fanden. Der Maler Max Liebermann hatte Bilder verkauft, um die Flucht zu unterstützen. 1974 gründete Ullmann im armen Süden Israels ein kleines Heim. Heute lernen dort im Hort mit dem Namen „Pfad des Friedens“ jüdische und muslimische Kinder das Zusammenleben. „Die Zeit wird kommen, dass die israelische Gesellschaft keine Ahawah braucht“, hofft der Heimleiter.